Pharmaindustrie

Dramatischer Rückschlag für die Merck-Aktie

Merck muß Vioxx vom Markt nehmen

Merck muß Vioxx vom Markt nehmen

30. September 2004 Der nach Pfizer zweitgrößte amerikanische Pharmakonzern hat sein Schmerzmittel Vioxx mit sofortiger Wirkung weltweit vom Markt zurückgenommen. In einer Studie sind Nebenwirkungen des Medikaments auf das Herz aufgetreten. Der Rückruf von Merck & Co. ist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten noch spektakulärer als der Vermarktungsstopp für den Cholesterinsenker Lipobay der deutschen Bayer AG im Jahr 2001. Lipobay stand damals für einen Jahresumsatz von rund einer Milliarde Euro. Vioxx hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar eingebracht.

Das Medikament wird auch in Deutschland unter dem Namen Vioxx verkauft, weltweit vermarktet Merck & Co. das Mittel in insgesamt achtzig Ländern. Vioxx ist nach dem Cholesterinsenker Zocor das zweitwichtigste Medikament aus der Produktpalette des Unternehmens. Merck & Co. hat keine Verbindung zur deutschen Merck KGaA. Die Aktie des Unternehmens brach am Donnerstag im Verlauf um mehr als 25 Prozent auf ein Tagestief von 33,65 Dollar ein. Damit fiel der Börsenwert um mehr als 25 Milliarden Dollar. Dies übertrifft den gesamten Wert von BMW.

Keine akute Gefahr für Patienten

Vioxx wird als Medikament für Akutschmerzen, Gelenkentzündungen (Arthritis) und Verschleißkrankheiten wie Arthrose eingesetzt. Bei der Studie, die nun zum Vermarktungsstopp geführt hat, wurde Vioxx für Darmpolypen getestet, also für ein anderes Behandlungsgebiet. Ottfried Zierenberg, Medizinischer Direktor bei der deutschen Merck-Tochtergesellschaft MSD in München, sagte gegenüber dieser Zeitung, es bestehe "keine akute Gefahr" für Patienten, die Vioxx einnehmen. Nur bei einer vergleichsweise geringen Anzahl von Patienten in der Vioxx-Studie sei es zu Nebenwirkungen gekommen. Die insgesamt 2600 Patienten in der Studie wurden in zwei Gruppen eingeteilt, von denen eine Vioxx bekam und die andere ein wirkstoffloses Placebo.

In der Vioxx-Gruppe seien 45 Fälle mit Nebenwirkungen aufgetreten, darunter Herzbeschwerden, Infarkte und Schlaganfälle. Auch bei der Placebo-Gruppe habe es aber 25 Fälle von Nebenwirkungen gegeben. Sowohl in der Vioxx- als auch in der Placebo-Gruppe sei es zu jeweils fünf Todesfällen gekommen. Die Nebenwirkungen in der auf drei Jahre angelegten Studie sind erst nach einer Einnahme des Medikaments von mehr als 18 Monaten aufgetreten. Zierenberg wies darauf hin, Merck habe das Medikament freiwillig vom Markt genommen und verantwortungsbewußt gegenüber dem Patienten gehandelt.

Erinnerung an den Bayer-Skandal um Lipobay

Lipobay wurde damals vom Markt genommen, weil es mit einem lebensbedrohlichen Muskelzerfall in Verbindung gebracht wurde. Rund hundert Todesfälle sollen in Zusammenhang mit der Einnahme des Cholesterinsenkers stehen. Im Fall Vioxx empfiehlt Zierenberg Patienten, zum Arzt zu gehen und sich ein anderes Medikament verschreiben zu lassen. Auch für die deutsche Tochtergesellschaft ist Vioxx nach seinen Worten eines der wichtigsten Produkte des Unternehmens, den genauen Umsatz wollte er aber nicht benennen. Merck kommt in Deutschland nach seinen Worten auf einen Jahresumsatz von 500 Millionen Euro und beschäftigt hierzulande 1500 Mitarbeiter.

Die Sicherheitsbedenken um Vioxx sind nicht neu. Schon in mehreren Studien wurde eine Verbindung des Mittels zu einem erhöhten Risiko für Herzkrankheiten hergestellt. Der Vioxx-Vermarktungsstopp wird erhebliche Auswirkungen auf das Ergebnis von Merck haben. Das Unternehmen teilte mit, im vierten Quartal werden Umsätze zwischen 700 und 750 Millionen Dollar wegbrechen, und das Ergebnis je Aktie werde um 50 bis 60 Cent niedriger ausfallen als geplant. Merck hatte bislang ein Ergebnis je Aktie von 3,11 bis 3,17 Dollar vorausgesagt.

Serie von Mißerfolgen

Neben dem wegfallenden Geschäft könnten auf Merck durch das Vioxx-Debakel noch andere Belastungen zukommen, insbesondere in Form von Produkthaftungsklagen. Verwaltungsratsmitglied Lawrence Bossidy sagte in einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC: "Es wäre naiv anzunehmen, daß es keine Klagen geben wird". Auch Bayer sah sich damals in Amerika einer ganzen Flut von mehr als 10 000 Klagen gegenüber, die dem Unternehmen Fehlverhalten bei der Entwicklung und Vermarktung von Lipobay vorwarfen. Bayer hat 1,1 Milliarden Dollar für Vergleiche mit Patienten aufgewendet. Allerdings kam das Unternehmen noch recht glimpflich davon. In einige öffentlichkeitswirksamen Prozessen wurde Bayer von der amerikanischen Justiz freigesprochen.

Für Merck setzt sich mit dem Vioxx-Rückzug eine Serie von Mißerfolgen fort. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen zahlreiche Rückschläge bei der Entwicklung neuer Medikamente erlitten. So wurden die klinischen Tests für ein Mittel zur Behandlung von Depressionen und ein Diabetes-Medikament eingestellt. Beide Mittel befanden sich in der dritten und letzten Phase der klinischen Erprobung an Patienten und nahe an der Markteinführung. Zuvor hatte Merck schon zwei weitere Projekte gestoppt, die sich in der zweiten klinischen Phase befanden.

Merck hat mit Produktpalette Schwierigkeiten

Die Probleme mit dem Nachschub an neuen Medikamenten wiegen um so schwerer, als Merck mit seiner bestehenden Produktpalette mit Schwierigkeiten kämpft, und das nicht erst seit dem Vioxx-Rückzug. Nicht zuletzt aus diesem Grund kündigte das Unternehmen vor rund einem Jahr den Abbau von 4400 Stellen an. Das umsatzstärkste Produkt Zocor leidet unter einem verschärften Wettbewerb und hat auf einigen Auslandsmärkten seinen Patentschutz verloren. 2003 schrumpfte der Umsatz von Zocor um 8 Prozent auf 5 Milliarden Dollar. Anfang dieses Monats erlitt Merck auch bei Zocor einen Rückschlag in klinischen Tests. (lid.)

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2004, Nr. 229 / Seite 15
Bildmaterial: REUTERS

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