27. Juli 2005 Die Vereinigten Staaten, China, Indien, Australien und Südkorea haben sich zu einem Bündnis zusammengeschlossen, das einen Gegenentwurf zum Kyoto-Protokoll zum Schutz des Klimas darstellen soll.
Australiens Umweltminister Ian Campbell sagte am Mittwoch, man habe mit der amerikanischen Regierung eine Vereinbarung ausgehandelt, die auch die wirtschaftlich rasch wachsenden Entwicklungsländer einbeziehe. Für die Industriestaaten sei es entscheidend, moderne Technologien zu entwickeln, um den aufstrebenden asiatisch-pazifischen Volkswirtschaften wie China und Indien zu ermöglichen, ihren Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Das Kyoto-Protokoll sei bezüglich des Klimaschutzes ein Fehlschlag (siehe auch: Kyoto wird verworfen: Amerika entwirft eigenes Klimaschutz-Abkommen).
Amerika und Australien gegen Kyoto
Die fünf Staaten sind für mehr als 40 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Amerika und Australien weigern sich bisher, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen. Das 1997 ausgehandelte Abkommen ist im Februar 2005 in Kraft getreten und verpflichtet die Industrieländer, ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis zum Jahr 2012 um mindestens 5 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken.
Den Entwicklungs- und Schwellenländern werden in der ersten Periode bis 2012 keine Minderungsverpflichtungen auferlegt. Die EU möchte sie in einem Kyoto-Folgeabkommen aber zu einem langsameren Wachstum der Emissionen verpflichten.
Größte Kohleproduzenten der Welt
Die Vereinigten Staaten und Australien haben zwar 1997 in Kyoto Minderungsziele für ihre Volkswirtschaften vereinbart, aber das Protokoll bis heute nicht ratifiziert. Sie fürchten ebenso wie China und Indien, daß diese Ziele die Entwicklung ihrer Volkswirtschaften bremsen könnte. Denn trotz unterschiedlicher Entwicklungsstände zeigen die Länder im Umgang mit Energie viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel gehören die Vereinigten Staaten, Australien, China und Indien zu den größten Kohleproduzenten der Welt. Bei der Verbrennung von Kohle entstehen - im Vergleich zu Gas oder Öl - besonders viele Kohlendioxyd-Emissionen. Obwohl Kohlekraftwerke, deren Emissionen komplett aufgefangen werden, zur Zeit erforscht werden, gehört der Ersatz der Kohle durch andere Energieträger zu den wichtigsten Schritten in Richtung Klimaschutz. Ein Beitritt zum Kyoto-Protokoll könnte die Exportchancen der heimischen Kohleindustrien senken, fürchteten vor allem Australier.
Zudem weisen die Volkswirtschaften Amerikas, Australiens, Chinas und Indiens eine vergleichsweise geringe Energieeffizienz auf. Nach Daten der Internationalen Energieagentur benötigte China im Jahr 2002 für die Produktion einer Einheit seines Bruttoinlandsproduktes - gerechnet nach Kaufkraftparitäten - 0,24 Tonnen Öläquivalente. Indien brauchte 0,22 Tonnen, Amerika 0,25 Tonnen, Australien 0,23 Tonnen und Korea 0,28 Tonnen. Damit verbrauchen diese Länder deutlich mehr Energie für die Produktion als Deutschland (0,18), Japan (0,17) oder Italien (0,13), wo die Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Energieverbrauch schon weit fortgeschritten ist.
Hohe Effizienzpotentiale in China und Indien
Die Energieeffizienz gibt einen ersten Anhaltspunkt für die Kosten des Klimaschutzes in diesen Ländern. Tendenziell gilt: Je höher der Energieverbrauch je produzierter Einheit ist, desto leichter führen Effizienzgewinne zu sinkenden Emissionen. Die Kyoto-Verweigerer könnten mit dem Einsatz moderner Technik, zum Beispiel in Kraftwerken oder in der Schwerindustrie, eigentlich leichter Kohlendioxyd-Emissionen sparen als effizient wirtschaftende Länder wie Japan. Besonders in China und Indien sind diese Effizienzpotentiale sehr hoch. Daher sieht das Kyoto-Protokoll auch vor, daß Unternehmen aus Industrieländern Klimaschutzprojekte in diesen Ländern finanzieren können, um die erreichte Ersparnis auf das inländische Reduktionsziel anzurechnen.
Nach Ansicht vieler Wirtschaftsforscher wird die Vermeidung einer Tonne Kohlendioxyd dort rund fünf Euro kosten, während ein Emissionsrecht für eine Tonne des Klimagases an der Strombörse Leipzig zur Zeit mit 20 Euro gehandelt wird. Trotz ihrer geringen Energieeffizienz vereint diese Länder aber die Angst vor einem Umbau ihrer Industrie.
Man setzt auch auf Sonne und Wind
Die gemeinsame Interessenlage der fünf Kyoto-Verweigerer zeigt sich auch im Kohlendioxyd-Ausstoß. Zum Beispiel stoßen die Vereinigten Staaten 0,61 Tonnen Kohlendioxyd je produzierter Einheit ihres Bruttoinlandsproduktes aus. Gerechnet nach Kaufkraftparitäten liegen diese Werte in Australien (0,7), China (0,62) und Korea (0,63) ebenfalls auf einem sehr hohen Niveau. Dagegen schwanken diese Werte in Westeuropa zwischen 0,2 in Frankreich und der Schweiz und 0,43 in Deutschland.
Campbell sagte, Australien setze beim Klimaschutz auf erneuerbare Energien wie Sonne und Wind sowie eine breite Palette neuer Umwelttechniken, die im Land entwickelt und an andere Staaten exportiert werden sollten. China hat sich zuletzt immer sensibler gegenüber den Folgen des Klimawandels gezeigt und setzt nicht nur auf die heimische Kohle, sondern auch auf regenerative Energien. Das Land will die Solarenergie ausbauen, die auch abgelegene Gebiete mit Strom versorgen kann.
Umweltschützer: taktisches Manöver
Umweltschützer werten das Bündnis der Kyoto-Verweigerer eher als taktisches Manöver. Ich glaube, daß das noch nicht der Ausstieg aus Kyoto ist, sagte Greenpeace-Klimaexpertin Gabriela von Goerne. Amerika und Australien seien offenbar in Sorge darüber, daß sie auf dem nächsten Klimagipfel im November nur am Katzentisch sitzen und auf die Ergebnisse keinen Einfluß nehmen könnten. Mit dem neuen Abkommen versuchten sich beide Länder in alle Richtungen abzusichern und Verbündete zu suchen, vermutet Goerne: Werde nur zwischen den Kyoto-Parteien verhandelt, könnten China und Indien in ihrem Sinne agieren; werde zwischen den Unterzeichnern der UN-Klimarahmenkonvention verhandelt, besäßen sie ein Alternativprogramm. Das heißt noch nicht, daß sie sich von Kyoto verabschiedet hätten, betont auch die Klimaexpertin der Umweltschutzorganisation WWF, Regine Günther. China und Indien hätten zusammen mit Brasilien, Mexiko und Südafrika auf dem G-8-Gipfel in Gleneagles ein Papier unterzeichnet, in dem der Kyoto-Prozeß ausdrücklich unterstützt wird.
Fortschritte gegenüber der bisherigen amerikanischen Position können Goerne und Günther noch nicht erkennen. Das ist eher eine Fortschreibung des bisherigen amerikanischen Programms im Sinne einer Steigerung der Energieeffizienz und des Technologietransfers. Der Ansatz, aus weniger Rohstoffen mehr Energie zu gewinnen, könne zwar für Entwicklungsländer angemessen sein. Aber für Hochtechnologiestaaten kann das nicht die Antwort auf den Klimawandel sein, rügt die Greenpeace-Expertin. Allein mit einer höheren Energieeffizienz werden wir keine Fortschritte im Klimaschutz bekommen.
Text: ht./nf. / F.A.Z., 28.07.2005, Nr. 173 / Seite 11
Bildmaterial: F.A.Z.
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