Bahntickets bei Lidl

„Was gibt es denn da umsonst?“

Längst ausverkauft

Längst ausverkauft

19. Mai 2005 Der Eilantrag eines Reisebüros gegen den Sonderverkauf von Billigtickets der Bahn beim Discounter Lidl ist gescheitert. Das Landgericht Frankfurt lehnte eine Einstweilige Verfügung am Donnerstag ab, wie ein Sprecher mitteilte. Der Vertrag zwischen dem Reisebüro mit Bahn-Lizenz und der Deutschen Bahn AG sei kein Exklusivrecht, stellten die Richter fest. Auch ein Verstoß gegen Kartellrecht liege bei dem Testversuch der Bahn nicht vor.

Der Deutsche Reisebüro- und Reiseveranstalterverband (DRV), der das Reisebüro unterstützt, hatte zuvor angekündigt, den Rechtsweg ausschöpfen zu wollen. Nach Angaben des Gerichtssprechers ist noch eine Beschwerde vor dem Oberlandesgericht möglich. Nach Ansicht des DRV diskriminiert der Sonderverkauf ausschließlich bei Lidl die 3200 Reisebüros mit Bahn-Lizenz. Mehr als eine Million Bahntickets zum Preis von 49,90 Euro für zwei beliebig lange Fahrten waren am Donnerstag innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Vor allem in Großstädten wie Berlin, München und Frankfurt bildeten sich an den Kassen lange Schlangen. Viele Kunden mußten enttäuscht wieder abziehen.

Deutschland steht Schlange

Deutschland steht Schlange

In vielen Filialen konnten sich Kunden mit ihrer Telefonnummer in Listen eintragen. Nach Auskunft von Lidl-Verkäufern sollten sie auf jeden Fall noch Karten bekommen. Dazu sollten noch Karten aus Filialen nachgeliefert werden, wo der Andrang nicht so groß war.

Schlangen seit 6 Uhr

In einem Lidl-Markt in Frankfurt am Main bildete sich bereits eine Stunde vor Geschäftseröffnung um 8 Uhr eine lange Schlange. Ähnlich war das Bild in einem Lidl-Markt in Stuttgart. „Die Leute wollten nur die Tickets kaufen, keine Lebensmittel“, berichtete eine Kundin. Mit der Öffnung des Marktes seien die Leute zur Kasse gestürmt. In einem Geschäft im Münchner Stadtteil Obersendling standen vor Ladenöffnung mehrere hundert Menschen quer über den gesamten Parkplatz Schlange. „Was gibt es denn da umsonst?“, fragte ein Kunde angesichts des Ansturms. In dieser Filiale waren die Tickets nach 20 Minuten ausverkauft. An einigen Supermärkten in Sachsen warteten die ersten Käufer bereits um 6 Uhr.

Die Bahn zeigte sich hochzufrieden mit der Aktion. „Für uns ist das ein großer Erfolg“, sagte Konzernsprecher Gunnar Meyer. Lidl-Geschäftsführer Andreas Franzke sagte im ARD-Morgenmagazin, man sei von der Resonanz absolut überrascht, auch wenn sich das Unternehmen organisatorisch und mengenmäßig gut vorbereitet habe.

„Das normale Preissystem nicht in Ordnung“

Verbraucherschützer forderten den bundeseigenen Verkehrskonzern auf, auch am Schalter Billig-Fahrscheine anzubieten. „Die enorme Nachfrage zeigt, daß das normale Preissystem nicht in Ordnung ist“, sagte der Bahn-Experte der Stiftung Warentest, Michael Koswig. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen forderte ebenfalls, mehr solche Billig-Tickets anzubieten. „Die Bahn hat schon günstige Angebote, aber im Tarifdschungel finden sich viele nicht mehr zurecht“, sagte Sprecher Christian Fronczak. Er warnte vor einer Quersubventionierung der neuen Billigkontingente über die regulären Fahrpreise und durch eine weitere Einschränkung der Serviceangebote. Außerdem müsse die Bahn jetzt auch an ihre Stammkunden denken. "Warum gewährt die Bahn nicht endlich auch mal ihren langjährigen Kunden besondere Rabatte?"

Dagegen glaubt der Einzelhandelsverband, daß das Beispiel Schule machen könnte. "Wir haben die meisten Kundenkontakte in Deutschland", sagte Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). Wir sind der maßgeschneiderte Vertriebsweg für den Verkauf standardisierter Produkte." Schon heute vertreibe der Handel auch Finanzdienstleistungen oder Pauschalreisen. "Warum sollen wir in Zukunft nicht auch Flugtickets verkaufen?" sagte der Sprecher.

Der eine hat´s, die anderen warten

Der eine hat´s, die anderen warten

Im Internet wurden am Donnerstag bereits mehrere hundert Billig-Tickets zum Weiterverkauf angeboten. Die Preise reichten am Vormittag bereits über 80 Euro. Das Internet-Auktionshaus eBay kündigte an, nichts gegen den Weiterverkauf zu unternehmen (Ebay läßt Versteigerung der Lidl-Tickets zu).

Günstig und einfach mit der Bahn durch Deutschland fahren, preist die Deutsche Bahn ihre Aktion bei Lidl an. Zum erstenmal gibt es Fahrkarten beim Lebensmittel-Discounter zum Sonderpreis. Vom 19. bis zum 28. Mai bieten die Lidl-Lebensmittelmärkte und die Deutsche Bahn in allen Lidl-Filialen zwei Fahrkarten für insgesamt 49,90 Euro an. Die Tickets gelten für eine beliebig weite Bahnreise innerhalb Deutschlands. Das Vorgehen ist einfach: Namen, Strecke, Datum eintragen, einsteigen und losfahren, wirbt die Bahn. Das Angebot rechnet sich für eine Bahnfahrt ab etwa 160 Kilometer, zum Beispiel von Hamburg nach Berlin.

Keine Platzkarte an der Kasse

Frankfurt, kurz vor 8

Frankfurt, kurz vor 8

Die beiden Fahrkarten gelten bis zum 3. Oktober 2005 jeweils für eine einfache Fahrt in der zweiten Klasse in allen Zügen der Deutschen Bahn. Mit den entsprechenden Aufpreisen können auch die ICE-Sprinter und die Züge von DB Nacht-Zug sowie City-Night-Line genutzt werden. Kinder unter sechs Jahren fahren wie immer kostenlos mit. Umtausch und Erstattung sind nicht möglich. Allerdings empfiehlt die Bahn eine Platzreservierung für drei Euro, die am Bahnhof oder im Internet vorgenommen werden kann.

Die Stimmung der Kunden wird die Bahn, die mit dieser Aktion Neuland betritt, auch in einzelnen Filialen des Discounters erfragen. Schließlich dient diese - in den Reisebüros heftig kritisierte - Aktion auch dazu, Neukunden zu gewinnen. Rund die Hälfte aller Deutschen denkt bei der Planung einer Fernreise nicht über die Möglichkeit "Bahn" nach, sagte ein Sprecher der Bahn auf Anfrage. Die traditionellen Vertriebswege für Fahrscheine wie Reisebüros, Agenturen, die eigenen Service-Center an den Bahnhöfen sowie das Internet würden meist nur von den erfahrenen Bahnreisenden genutzt. Wobei das Internet am Gesamtumsatz nur 5 Prozent ausmacht und der stationäre Vertrieb wie Reisebüros und Agenturen rund 22 Prozent.

Reisebüros wittern Rechtsbruch

Warteschlangen in Hamburg

Warteschlangen in Hamburg

"Die Deutsche Bahn bricht hiermit auf eklatante Weise geltendes Recht", sagte Hans Doldi, DRV-Vizepräsident und Vorsitzender des DRV-Bahnausschusses zur Begründung. Nach Überzeugung der Reisebüros ist die Deutsche Bahn verpflichtet, ihre Produkte in allen Vertriebskanälen zu identischen Preisen anzubieten. "Mit dieser Aktion diskriminiert die Deutsche Bahn ihre rund 3258 Agenturen. Das kann der Vertrieb nicht hinnehmen", sagte Doldi.

Dem DRV geht es nicht um die Einfachheit der Preise. Diese begrüßt er sogar: "Der DRV begrüßt ausdrücklich, daß die Bahn mit attraktiven und leicht verständlichen Preisen neue Kunden gewinnen möchte. Das ist der richtige Weg", würdigte Doldi. Inakzeptabel sei allerdings, daß die Bahn über ihren Agenturvertrieb hinweggeht. Das sei eine nicht hinnehmbare Diskriminierung.

In München nach 20 Minuten ausverkauft

In München nach 20 Minuten ausverkauft

Die Verantwortlichen beim DRV werden nicht müde, darauf hinzuweisen, daß gerade ihr Vertriebsweg erst der Bahn den Rückzug aus der Fläche mit Verkaufsschaltern ermöglicht, um auch in der Fläche vertreten zu sein. Zudem müßten die Reisebüros ihre Mitarbeiter schulen, Technik vorhalten und das Inkasso vornehmen, wobei die Provisionen von seiten der Bahn in der Vergangenheit gekürzt wurden. Deshalb sehen sich Reisebüros gezwungen, Vermittlungsentgelte um drei Euro zu nehmen, um wenigstens ihre Kosten zu decken.

Bahn: Nur ein Test

Die Bedeutung des Vertriebswegs Reisebüro sieht auch der Bahnsprecher. Er beteuert, mit dieser Aktion wolle die Bahn keinen Vertriebsweg diskriminieren. Aber für das Unternehmen sei es wirtschaftlich geboten, neue Kundengruppen zu erschließen. Schließlich betrage die Auslastung der Fernzüge zwischen 40 und 45 Prozent. Deshalb sieht er auch nicht die Gefahr, daß die Züge durch diese Verkaufsaktion, die ein Test sei, überfüllt würden, wie es bei einigen Strecken zu Hauptreisezeiten schon fast die Regel geworden ist. Wer am Donnerstag ein Ticket bei Lidl erwerbe, der könne es bis zum 3. Oktober nutzen, zumal im Sommer wegen der geringeren Zahl von Geschäftsreisenden die Auslastung der Züge sinke. Gefragt, wie viele Tickets über Lidl verkauft würden, sagte der Sprecher: "Es ist eine deutlich sechsstellige Anzahl, die auf Wunsch von Lidl nicht genauer beziffert wird." Allerdings liegt die Zahl der Fahrscheine über der Zahl der täglichen Fahrten im Fernverkehr, die er mit 320.000 angab.

Text: noa/F.A.Z., AP, dpa
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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