Bierkonzerne

Der Kampf ums Bud

Von Roland Lindner

„Budweiser hat mich durchs Studium gebracht”

„Budweiser hat mich durchs Studium gebracht”

17. Juni 2008 Wer hätte gedacht, dass eine Marke wie „Budweiser“ bei den Amerikanern eine derartige Leidenschaft wecken kann? Kaum hatte der belgische Bierkonzern Inbev in dieser Woche ein feindliches Übernahmeangebot für den Budweiser-Brauer Anheuser-Busch abgegeben, ging ein Aufschrei durch Amerika. Plötzlich fand sich Anheuser-Busch in der Rolle einer nationalen Ikone wieder. „Budweiser“ und die Leichtversion „Bud Light“ wurden zur Hochkultur des Bierbrauens verklärt. Amerikaner beschworen den Verkauf von Anheuser-Busch an den Hersteller von Marken wie „Beck's“ und „Stella Artois“ zum Horrorszenario.

„Meine Freunde und ich sind bestürzt. Wir trinken im Sommer nichts lieber als Bud Light“, jammerte Senatorin Claire McCaskill aus dem Bundesstaat Missouri, in dem Anheuser-Busch zu Hause ist. Im Internet entstanden Protestseiten wie „savebudweiser.com“ und riefen zu Unterschriften gegen einen Verkauf von Anheuser-Busch auf. Innerhalb von ein paar Tagen sammelte jede Seite mehrere zehntausend Unterschriften. Aus den Einträgen der Unterzeichner sprach Bewunderung für den amerikanischen Brauer und Verachtung für die europäischen Bieter. „Budweiser hat mich durchs Studium gebracht“, war zu lesen, oder: „Ich liebe Bier, ich hasse Europäer.“

Übernahmeangebot sorgt für Zündstoff

Nicht-Amerikanern mag die Aufregung seltsam vorkommen. Schließlich ist amerikanisches Bier wie „Budweiser“ im Ausland als wässrige Brühe verpönt. Selbst in Amerika wird kaum jemand, der sich für einen echten Bierkenner hält, „Budweiser“ zu seiner Lieblingsmarke erklären. Aber die meisten Amerikaner halten „Budweiser“ oder „Bud Light“ für zumindest gut genug. Anheuser-Busch hat in Amerika einen Marktanteil von fast 50 Prozent, der größte Teil entfällt auf „Budweiser“ und „Bud Light“. Die Marken sind in jeder Hinsicht massentauglich: im Geschmack nicht allzu intensiv und um einiges billiger als Importbiere oder Spezialitätenbiere von kleineren Brauereien. Abgesehen von den Biervorlieben, sorgt es in Amerika immer für Zündstoff, wenn ein traditionsreiches Unternehmen von einer Übernahme aus dem Ausland bedroht ist - selbst wenn es wie Anheuser-Busch ohnehin deutsche Wurzeln hat. Außerdem ist Anheuser-Busch kein gesichtsloses Unternehmen, sondern wird mit der Gründerfamilie Busch identifiziert, die den Brauer seit vielen Generationen führt.

Anheuser-Busch verfolgt seine Wurzeln bis weit in das neunzehnte Jahrhundert zurück. Ausgangspunkt war die „Bavarian Brewery“, die im Jahr 1852 vom deutschen Einwanderer Georg Schneider gegründet wurde. Acht Jahre später wurde der Betrieb an einen anderen deutschen Einwanderer weiterverkauft, Eberhard Anheuser aus Bad Kreuznach. Anheusers Tochter Lilly heiratete bald danach Adolphus Busch aus Mainz-Kastel. So entstand die Bierdynastie der Familien Anheuser und Busch, die aus der kleinen Brauerei im Laufe der nächsten Generationen einen gigantischen Bierkonzern schmiedete.

Einige Dynastien haben verkauft

Heute steht der Ururenkel von Adolphus Busch an der Spitze: der 43 Jahre alte August Busch IV. Er ist erst seit gut eineinhalb Jahren Vorstandsvorsitzender, und schon droht ihm ein Szenario, das er als Albtraum empfinden muss: Er könnte derjenige aus der Busch-Dynastie sein, unter dessen Führung das Familienimperium verkauft wird. In jüngster Zeit haben einige Dynastien ihre Unternehmen verkauft: Dow Jones ging an den Medienkonzern News Corp., Familie Wrigley hat ihren Kaugummi an Mars verkauft

August Busch IV will sich gegen einen Verkauf stemmen, aber er hat nicht den Luxus einer Stimmrechtsmehrheit. Zwar sind die Buschs viel enger in das Geschäft eingebunden, als dies die Bancrofts oder die Wrigleys zuletzt waren. Aber die Busch-Familie hält zusammen nur rund 4 Prozent der Anteile und kann damit nicht über das Schicksal des Unternehmens bestimmen.

August IV hat eine Abwehrstrategie

Trotzdem hat August IV bereits getönt, das Unternehmen werde nicht verkauft, „solange ich hier bin“. Er heckt eine Abwehrstrategie aus. Am Freitag meldete das „Wall Street Journal“, Anheuser-Busch bereite selbst eine Übernahme vor, um das Vorhaben von Inbev zu erschweren. So werde daran gedacht, die mexikanische Grupo Modelo (“Corona“) komplett zu kaufen. Anheuser-Busch hält heute schon 50 Prozent. Das Kalkül dabei: Anheuser-Busch würde selbst teurer und wäre für Inbev womöglich nicht mehr zu finanzieren. Die Mexikaner sollen aber wenig begeistert von diesem Vorhaben sein.

Ansonsten wird August IV weiterhin versuchen, in der Öffentlichkeit Unmut zu schüren. Gerade im laufenden Wahljahr könnte dies auf fruchtbaren Boden fallen. Der designierte republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hat sogar eine persönliche Verbindung zum Geschehen. Seine Frau Cindy ist die Erbin und Verwaltungsratsvorsitzende eines der bedeutendsten Großhändler für Anheuser-Busch. Daneben hat sie ein stattliches Aktienpaket an dem von Inbev umworbenen Bierkonzern. Die McCains haben sich bislang noch nicht zu den Vorgängen um Anheuser-Busch geäußert. Weniger zurückhaltend sind die Politiker in Missouri: Neben „Bud Light“-Liebhaberin McCaskill zeigte sich auch der republikanische Gouverneur Matt Blunt entrüstet und kündigte an, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Übernahmepläne von Inbev zu durchkreuzen.

Taktieren und auf ein Scheitern hoffen

Die Belgier haben Anheuser-Busch ein verlockendes Angebot von 46 Milliarden Dollar gemacht, das deutlich über dem Börsenwert der Amerikaner lag. Jetzt muss der Verwaltungsrat von Anheuser-Busch darüber entscheiden. Das Gremium muss im Sinne aller Aktionäre handeln und kann die Annäherung von Inbev nicht ignorieren, auch wenn hier einige Busch-Mitglieder sitzen. Aber es kann das Angebot zunächst einmal als zu niedrig zurückweisen und taktieren. Viele feindliche Übernahmeversuche scheitern am Ende: Das Internetunternehmen Yahoo zum Beispiel hat sich monatelang hartnäckig gegen den Verkauf an den Softwarekonzern Microsoft gewehrt. Schließlich hat Microsoft entnervt aufgegeben.

Inbev ist sich der Sensibilitäten in Amerika bewusst. Die Belgier haben alles versucht, ihr Angebot trotz des feindlichen Charakters so versöhnlich wie möglich klingen zu lassen. „Budweiser“ werde die Flaggschiffmarke des kombinierten Konzerns, versprachen sie. Sogar an eine Umbenennung des Unternehmens in Anheuser-Busch ist offenbar gedacht. Sie beteuerten auch, dass keine amerikanische Brauerei geschlossen werde. Wenn man Inbev glaubt, würde sich also für die Amerikaner kaum etwas ändern. Ob solche Zusagen die Amerikaner wirklich beruhigen, ist fraglich. Schließlich ist Inbev für seine knallharte Renditeorientierung berühmt.

Der globale Biermarkt

Biermarken gibt es Tausende auf der Welt. Die Zahl der Hersteller jedoch nimmt ab. Und das seit Jahren. Eine Handvoll Brauer - darf man die Konzerne noch so nennen? - sorgt für mehr als die Hälfte des globalen Bierausstoßes. Um die Plätze an der Spitze rangeln der belgisch-brasilianische Bierkonzern Inbev (2004 hervorgegangen aus Interbrew und Ambev), Heineken (Niederlande), Anheuser-Busch (Amerika) sowie SAB Miller, entstanden 2002 durch die Übernahme der amerikanischen Miller-Brauerei durch die in London angesiedelte South African Breweries. Wer in der Rangliste ganz oben steht, hängt davon ab, ob man den Absatz in Hektolitern oder in Dollar bemisst. Gelingt der Coup der Inbev und sie übernehmen für 46 Milliarden Dollar Anheuser-Busch, dann klärt sich die Rangfolge bis auf weiteres: Es entstünde ein neuer Braugigant, die eindeutige Nummer eins auf der Welt.

In Deutschland ist die Inbev vor allem aufgefallen, als sie vor Jahren für einen stolzen Preis die Traditionsbrauerei "Beck's" übernommen hat. Außerdem gehören dem Konzern Marken wie "Diebels", "Hasseröder" oder "Löwenbräu". Die eine oder andere deutsche Zweigstelle könnte Inbev jetzt abgeben, so wird schon spekuliert, um den Kauf in Amerika zu finanzieren.

Deutsche Konzerne spielen auf dem globalen Biermarkt keine nennenswerte Rolle. Radeberger, die zum Oetker-Konzern gehörende nationale Nummer eins, füllt nicht einmal ein Zehntel der Flaschen eines Anheuser-Busch ab. Zudem trinken die Deutschen immer weniger Bier, überhaupt sind die westlichen Märkte gesättigt. Wenn Braukonzerne heute noch wachsen wollen, müssen sie in die Schwellenländer. In Osteuropa, Asien und Lateinamerika nimmt der Bierdurst zu. Der größte Biermarkt findet sich heute schon in China. Es folgen Amerika, Russland, Brasilien sowie Deutschland auf dem fünften Platz - wobei der Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande immer noch viermal so hoch ist wie in China. (mec.)



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

 
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