
Eine Gruppe von Hamburger Investoren übernimmt Hapag-Lloyd. Dies hat der Aufsichtsrat der Muttergesellschaft TUI am Sonntag beschlossen. Der zweite verbliebene Interessent, die Singapurer Logistikgruppe NOL, hatte sich schon am Freitagabend aus dem Bieterverfahren zurückgezogen. NOL hatte nach Angaben der TUI weniger geboten als die Hamburger, deren Offerte Hapag-Lloyd mit 4,45 Milliarden Euro bewertet. In diesem sogenannten Enterprise-value sind auch Schulden in Milliardenhöhe enthalten, die an den Käufer übergehen. Hapag-Lloyd ist die fünftgrößte Container-Reederei der Welt. Sie beschäftigt 8000 Menschen und hat im vergangenen Jahr 6,2 Milliarden Euro umgesetzt.
Überraschenderweise steigt die TUI nicht vollständig aus. Sie bleibt indirekt vorerst mit einem Drittel an Hapag-Lloyd beteiligt. Nur so habe man trotz der widrigen Marktbedingungen einen solchen Preis erzielen können, erklärte TUI-Konzernchef Michael Frenzel. Von 2010 an, so hieß es, kann TUI den Restanteil auch noch verkaufen, wobei die Hamburger Investoren ein Vorkaufsrecht haben. Von 2012 an hat TUI das Recht, die Aktien dem Konsortium anzudienen. Zweitgrößter Einzelaktionär von Hapag-Lloyd wird Klaus-Michael Kühne. Der Logistikunternehmer (Kühne + Nagel) investiert aus seinem Privatvermögen rund eine halbe Milliarde Euro und wird fortan mit rund einem Viertel an der Hamburger Reederei beteiligt sein.
„Befreiungsschlag für den Wirtschaftsstandort Deutschland”
Die Hansestadt Hamburg geht mit rund 23 Prozent an Bord. Dazu stellt der Stadtstaat über das eigene Beteiligungsunternehmen HGV 484 Millionen Euro zur Verfügung. Der schwarz-grüne Senat begründet dieses ordnungs- und finanzpolitisch fragwürdige Engagement mit dem Verlust an Arbeitsplätzen, der gedroht hätte, wenn Hapag-Lloyd an einen Wettbewerber wie NOL gegangen wäre. Finanzsenator Michael Freytag (CDU) pries „die Einheit von starkem Staat und erfolgreicher Wirtschaft” und bewertete den Übernahmeerfolg gar als „Befreiungsschlag für den Wirtschaftsstandort Deutschland”. Nach früheren Aussagen Freytags ist das Engagement bei Hapag-Lloyd allerdings nicht auf Dauer angelegt. Auch beim Kosmetikhersteller Beiersdorf und der Kupferhütte Norddeutsche Affinerie hatte sich Hamburg nach einer gewissen Zeit wieder zurückgezogen.
Der staatliche Einsatz für Hapag-Lloyd geht über die direkte Beteiligung der Stadt hinaus: Zum Investorenkonsortium gehört auch die HSH Nordbank, an der Hamburg mit 30 Prozent beteiligt ist. Die HSH stellt 100 Millionen Euro Eigenkapital zur Verfügung. Beträge in gleicher Höhe zahlen das Bankhaus M.M. Warburg und der Hamburger Versicherer Hanse Merkur. Die Iduna Vereinte Lebensversicherung ist mit 150 Millionen Euro dabei. Zu den künftigen Aktionären zählt überdies eine Gruppe vermögender Privatleute, die ihre Interessen von den beteiligten Banken vertreten lassen, weil sie öffentlich nicht in Erscheinung treten wollen. Unter ihnen befindet sich kein einziger Reeder, hieß es in informierten Kreisen.
TUI AG verspricht Aktionären eine Sonderdividende
Die Übernahme steht noch unter den üblichen kartellrechtlichen Vorbehalten. Mit einem endgültigen Abschluss der Transaktion ist im Januar zu rechnen. Die neuen Anteilseigner wollen Hapag-Lloyd als eigenständiges Unternehmen erhalten und weiterentwickeln. Nach früheren Ankündigungen Kühnes, für den die Übernahme eine Herzensangelegenheit sein soll, könnte die Reederei eines Tages an die Börse geführt und so mit frischem Wachstumskapital gefüttert werden.
Die TUI AG will ihre Aktionäre über eine Sonderdividende an dem Verkaufserlös teilhaben lassen. Deren Höhe steht noch nicht fest. Die Nettoverschuldung, die Ende 2007 fast 4 Milliarden Euro betrug, wird vermutlich um rund 1 Milliarde Euro gesenkt. Darüber hinaus will Frenzel in das Touristikgeschäft investieren. Dabei nimmt er auch die TUI Travel plc. ins Visier. In diesem Unternehmen hatte Frenzel das TUI-Reisegeschäft (mit Ausnahme der Hotels) im vergangenen Jahr mit dem Wettbewerber First Choice verschmolzen. Die TUI AG kontrolliert 51 Prozent der Stimmrechte der TUI Travel. Die restlichen Anteile sind breit an der Börse gestreut. Laut der Pressemitteilung soll nun die Übernahme dieser Aktien geprüft werden.
Hauptversammlung nicht erforderlich
Gemessen am aktuellen Börsenwert von TUI Travel müsste Frenzel mehr als 1,4 Milliarden Euro in die Hand nehmen, um das Londoner Unternehmen ganz zu übernehmen. In einem solchen Fall würde Frenzel die Führung des Reisegeschäfts wohl wieder nach Hannover ziehen und die Unternehmenszentrale der TUI Travel in London schließen. So ließe sich der Fortbestand der TUI-Holding in Hannover legitimieren, in der die Mitarbeiter nach einem Verkauf von Hapag-Lloyd nicht mehr sonderlich viel zu tun hätten.
Abzuwarten bleibt, wie der kritische TUI-Großaktionär John Fredriksen auf diese Pläne reagiert. Der Norweger hat zwar dafür gesorgt, dass Frenzel seine bevorzugte Zwei-Säulen-Strategie aufgegeben und die Schifffahrtssparte zur Disposition gestellt hat. Anstatt eines Verkaufs wollte Fredriksen aber eine Abspaltung (Spin-off) von Hapag-Lloyd durchsetzen. Ob er nun gegen den Verkauf vorgeht, wird nicht zuletzt von der Höhe der in Aussicht gestellten Sonderdividende abhängen. Fredriksens Wunsch, die Aktionäre in einer außerordentlichen Hauptversammlung über die Veräußerung und die Verwendung des Verkaufserlöses abstimmen zu lassen, wird TUI sicherlich nicht erfüllen. Weil TUI an Hapag beteiligt bleibt, ist vorerst nicht mal eine Satzungsänderung erforderlich.
F.A.Z.
Johannes Ritter