Entscheidung des Kartellamts

Strenge Auflagen für Fusion von Netto und Plus

So einfach wie Edeka sich das vorgestellt hatte, wird das Zusammengehen von N...

So einfach wie Edeka sich das vorgestellt hatte, wird das Zusammengehen von Netto und Plus nun nicht

01. Juli 2008 Die Handelsunternehmen Edeka und Tengelmann dürfen ihre Discountketten Netto und Plus nur zum Teil zusammenführen. Das Bundeskartellamt knüpft seine Genehmigung für die unter dem Namen „Netto Marken-Discount“ firmierende neue Kette an mehrere Bedingungen. Vor einem Zusammenschluss muss der Plus-Mutterkonzern Tengelmann zunächst knapp 400 seiner 2.900 Märkte verkaufen. Andernfalls droht nach Einschätzung des Kartellamtes eine nicht hinnehmbare Beeinträchtigung des regionalen Wettbewerbs. Verboten haben die Wettbewerbshüter die geplante Einkaufsallianz zwischen Edeka und der Supermarktgesellschaft Kaiser's Tengelmann. Die beiden Unternehmen hätten dadurch eine zu starke Einkaufsmacht erlangt, sagte Kartellamtspräsident Bernhard Heitzer. Schließlich darf sich Tengelmann nur mit höchstens 20 statt der zunächst angepeilten 30 Prozent an dem neuen Discount-Gemeinschaftsunternehmen beteiligen.

Der Entscheidung des Kartellamtes waren zähe Verhandlungen über Zugeständnisse der beteiligten Unternehmen vorausgegangen. Für die Fusionsprüfung stützte sich die Kartellbehörde auf eine Untersuchung der Wettbewerbsverhältnisse auf 345 regionalen Absatzmärkten. „Die Marktführerschaft von Edeka ist heute schon ein deutliches Flächenproblem“, sagte Heitzer. Nach Einschätzung des Amtes steht das geplante Gemeinschaftsunternehmen dem Supermarktgeschäft von Edeka näher als dem Discountgeschäft von Aldi oder Lidl. Plus und besonders Netto seien zwar Discounter, jedoch mit einem hohen Anteil an Markenartikeln. Sie setzten sich mit ihrem Konzept klar von Aldi ab und verfolgten mit ihrem Sortiment eher eine Hochpreisstrategie.

Tengelmann-Chef Haub enttäuscht über Fusionsbedingungen

Der vom Kartellamt verlangte Verkauf von Filialen richtet sich in erster Linie auf die neuen Bundesländer und Süddeutschland. Wenn sich nachweislich keine Käufer finden, dürften einzelne Filialen auch geschlossen werden. Um ein Gegengewicht zum neuen Discount-Gemeinschaftsunternehmen zu schaffen, besteht das Kartellamt darauf, dass die Märkte möglichst im Paket, höchstens aber an drei unterschiedliche Käufer veräußert werden. Für die Abgabe der Filialen gelte ein „sehr enges Zeitfenster“. Wenn der Verkauf innerhalb dieser Frist, zu der das Kartellamt keine weiteren Angaben machte, nicht gelingt, ist die Genehmigung hinfällig.

Karl-Erivan Haub, der geschäftsführende Gesellschafter der Mülheimer Tengelmann-Gruppe, zeigte sich enttäuscht über die Konditionen der Fusion. Die Anzahl der zu verkaufenden Filialen sei höher ausgefallen als erwartet. Auch sei das Bundeskartellamt nicht dem Wunsch der Gruppe gefolgt, aktiv am entstehenden Gemeinschaftsunternehmen beteiligt zu bleiben. Die jetzt geforderte Gesellschafterstruktur mache aus der geplanten Partnerschaft fast einen Unternehmensverkauf, das sei nicht das Ziel der Familie gewesen. „Wir hätten gerne mehr Gestaltungsspielraum gehabt.“ Als „bitter“ bezeichnete Haub vor allem die Untersagung der Einkaufskooperation.

Rewe „geeigneter Kandidat“ für restliche Plus-Filialen

„Im Sinne unserer Mitarbeiter sind wir froh, dass das Bundeskartellamt nach inzwischen mehr als sechs Monaten seine Entscheidung getroffen hat“, räumte Haub aber ein. „Nun haben wir endlich Klarheit.“ Tengelmann hat nach eigenen Angaben schon Gespräche über den geforderten Verkauf von Filialen aufgenommen. Haub gab sich zuversichtlich, diese Auflage innerhalb von sechs Monaten erfüllen zu können, damit der Zusammenschluss spätestens Anfang nächsten Jahres vollzogen werden könne.

Plus soll Teil eines neuen Discount-Giganten werden

Plus soll Teil eines neuen Discount-Giganten werden

Das Kartellamt sähe für die Übernahme der Märkte am liebsten einen starken ausländischen Anbieter, machte die Leiterin der federführenden Beschlussabteilung, Birgit Krüger, deutlich. Auch die Kölner Rewe sei ein „geeigneter“ Kandidat. Aus Sicht des Rewe-Chefs Alain Caparros wäre diese Übernahme für die eigenen Wachstumsziele „nicht zentral, aber vielleicht eine Opportunität“, ließ er am Dienstag mitteilen. Vorübergehend sollen die zum Verkauf stehenden Märkte von einem unabhängigen Treuhänder betreut werden, den das Kartellamt auf Vorschlag der Partner auswählen wird.

Edeka: „Sehr guter Tag für die Verbraucher in Deutschland“

„Das ist ein sehr guter Tag für die Verbraucher in Deutschland“, kommentierte Edeka-Vorstandssprecher Markus Mosa die Entscheidung der Kartellwächter. Denn unter der neuen Führung werde Plus seine im Wettbewerbsvergleich höheren Preise auf das niedrigere Niveau der Netto-Gruppe senken. In einer Telefonkonferenz kündigte er ferner an, alle 25 000 Plus-Mitarbeiter zu übernehmen und bis 2010 weitere 2500 Stellen zu schaffen. Sobald die endgültige Freigabe vorliegt, will Mosa binnen 18 Monaten 1750 der 2500 Plus-Filialen auf Netto umstellen. Die restlichen 750 Läden in Innen- und Großstädten sollen weiterhin unter dem Namen Plus firmieren, aber ein kompakteres Sortiment führen.

Weil Edeka weniger Filialen kauft als geplant, zahle man nun auch entsprechend weniger für die Übernahme, sagte Mosa, ohne Zahlen nennen zu wollen. Zur Finanzierung sagte er lediglich: „Wir haben eine ausreichende Kapitalausstattung.“ Dass das Kartellamt die geplante Kooperation in der Warenbeschaffung untersagt hat, habe für Tengelmann „einen unschönen Beigeschmack“, bringe Edeka aber „keine wesentlichen Nachteile“. Durch die Übernahme steigt der Brutto-Umsatz der Discounter-Gruppe unter dem Dach der Edeka um 6 Milliarden auf 10,4 Milliarden Euro.

Kartellamt: Konzentration im Handel hat sich erheblich beschleunigt

Behördenpräsident Heitzer hob hervor, dass sich der Konzentrationsprozess im Lebensmitteleinzelhandel erheblich beschleunigt habe. Schon deshalb werde das Kartellamt die Entwicklung auch bei weiteren Fusionsvorhaben sehr aufmerksam verfolgen müssen. Fünf Vollsortimenter und Discounter teilten sich heute 90 Prozent des Marktes, während 1999 die acht größten Ketten nur auf einen Anteil von 70 Prozent gekommen seien. Der Markenverband forderte am Dienstag, die Nachfragemacht im Einzelhandel weiter zu beschränken.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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