Die Chancen stehen günstig

Es gibt wieder mehr Lehrstellen in Deutschland

Von Bettina Weiguny

18. Oktober 2007 Die äußeren Umstände für die Hauptschüler in Raunheim sind so gut wie lange nicht mehr: Der Aufschwung hat den Arbeitsmarkt erreicht, die Lage am Lehrstellenmarkt entspannt sich. Die Unternehmen bieten jungen Menschen wieder mehr Chancen.

Die Bundesregierung hat diese Woche bereits die Trendwende auf dem Azubi-Markt ausgerufen. Und die Bundesagentur für Arbeit berichtet von „deutlich weniger unversorgte Bewerbern“ als vor einem Jahr.

„Endlich könnten wir es hinbekommen“

Von Oktober 2006 bis September 2007 sind demnach 516.400 Ausbildungsstellen gemeldet worden, 57.200 mehr als im Vorjahreszeitraum. Zum Start der Ausbildung konnten knapp eine halbe Million Verträge abgeschlossen werden. 18.400 Ausbildungsplätze sind noch immer unbesetzt, 29.100 Jugendliche haben keine Lehrstelle gefunden. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage schließt sich, ganze 10.700 Stellen fehlen im Saldo, vor einem Jahr lag die Zahl noch dreimal so hoch. (Siehe Grafik.)

Für den angeschlagenen Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) kam die gute Nachricht wie gerufen. „Endlich könnten wir es hinbekommen“, frohlockte der Vizekanzler am Donnerstag, „dass in diesem Jahr kein junger Mann und keine junge Frau von der Schule in die Arbeitslosigkeit startet.“ Die Kammern und Arbeitsagenturen hätten bereits mit der Nachvermittlung begonnen. Er könne allen Jugendlichen, die jetzt noch auf der Suche seien, raten: „Lasst euch beraten. Die Chancen sind da.“

„Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft“

Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und die Arbeitgeber werten dies als Resultat der guten Konjunktur sowie als Erfolg des Ausbildungpaktes, der im Jahr 2004 von Bundesregierung, Bundesagentur und Wirtschaftsverbänden geschlossen wurde. Eklärtes Ziel damals war es, die Zahl der Lehrstellen Jahr für Jahr zu erhöhen. „Der Aufschwung ist nun auch bei den jungen Menschen angekommen“, jubiliert nun Glos. Damit verschleiert er freilich die Tatsache, dass die Jugendlichen zunehmend in außerbetrieblichen, sprich: staatlich geförderten Ausbildungsverhältnissen unterkommen.

Die Gewerkschaften kritisieren dies als „Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft“. Während sich die Zahl der außerbetrieblichen Plätze mit 93.000 mehr als verdoppelt habe, sei die Zahl der ausbildenden Betriebe erneut gesunken, empört sich die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. „Nur noch 21 Prozent der Betriebe bilden aus.“ Das müsse sich ändern.

Kleine Klassen, großer Praxisbezug

Allgemein anerkanntes Problem ist nach wie vor die schlechte Einstiegsqualifikation der Jugendlichen. Immer noch verlassen Jahr für Jahr 80.000 Jugendliche die Schule ohne einen Abschluss. Bund und Länder suchen deshalb seit langem nach Maßnahmen, um die Jugendlichen besser auf die Arbeitswelt vorzubereiten, um Migranten besser zu integrieren, ihre Chancen auf eine Lehrstelle zu vergrößern und der Hauptschule ein neues Profil zu geben.

SchuB-Klassen, wie die in diesem Spezial beschriebene neunte „Schule und Beruf“-Klasse an der Anne-Frank-Gesamtschule südlich von Frankfurt, sind in vielen Bundesländern gerade zu diesem Zweck eingerichtet worden. Das enge Schüler-Lehrer-Verhältnis durch kleine Klassen und der Praxisbezug durch fortlaufende Praktika während des Abschlussjahres soll die Zahl derer senken, die ohne Abschluss die Schule verlassen. Das Projekt in Hessen kann bereits erste Erfolge vorweisen: So ist die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss von 20 Prozent auf etwa 13 gesunken. Ein Abschluss garantiert zwar nicht gleich eine Lehrstelle - er verbessert die Chancen aber enorm.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.10.2007, Nr. 41 / Seite 40
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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