13. Januar 2008 Fast im Stundentakt hebt der orangefarben gespritzte Spezial-Schiffshebelift Big Willi in diesen Tagen am Ufer des Düsseldorfer Messegeländes die großen Yachten aus dem Rhein, bevor sie von schwerem Zuggerät in die Hallen gebracht werden können. Viele Yachten sind größer, schmucker und vor allem teurer als so manches Eigenheim. Allein rund 70 solcher Cruiser in Abmessungen von 20 bis 30 Metern werden die Besucher der Messe Boot - Düsseldorf 2008 in Halle 6 bewundern können. Die meisten davon mussten wegen ihrer Größe den Wasserweg in die Landeshauptstadt nehmen.
Alle großen Bootsbaunationen werden vom 19. bis 27. Januar auf der führenden Wassersportmesse vertreten sein, wie Messe-Chef Werner Dornscheidt in Düsseldorf ankündigte: von den Niederlanden, Frankreich, Italien, Großbritannien, Spanien und den skandinavischen Ländern bis hin zu den Vereinigten Staaten und den Golfstaaten. Ihr Angebot reicht vom motorisierten Schlauchboot über das Kanu und die Jolle bis zur millionenschweren Superyacht. Zwar mögen sich die Blicke stark auf das kleine, aber umsatzstarke und derzeit gut florierende Segment der großen Yachten richten; der Schwerpunkt des Angebots liegt jedoch nach wie vor auf den erschwinglichen mittleren und kleineren Booten.
Das Geschäft brummt
Die maritime Wirtschaft verspürt derzeit lebhaften Rückenwind. Insgesamt hat der Aufschwung an Stabilität gewonnen, die Aussichten für die kommende Saison werden von der Branche positiv beurteilt, berichtet Jürgen Tracht, Geschäftsführer des Bundesverbandes Wassersportwirtschaft. Schon im vergangenen Jahr hätten sich die Erwartungen an die Wassersportsaison erfüllt, sagt er. Die Branche meldet einen Umsatzanstieg um fast 7 Prozent auf rund 1,9 Milliarden Euro.
Rund 90 Prozent der in Deutschland gebauten Boote werden allerdings exportiert. Einen besseren Überblick über die deutsche Marktverfassung geben nach Auffassung des Verbandes daher die Importzahlen. Danach sind im ersten Halbjahr 2007 - aktuellere Zahlen liegen nicht vor - die Einfuhren von Motorbooten um mehr als 40 Prozent auf über 3000 Einheiten gestiegen. Da viele Motorboote aus den Vereinigten Staaten stammen, dürfte der niedrige Dollarkurs geholfen haben.
Renommierte Werften sind ausgelastet
Bei Segelyachten stiegen die Importe um knapp 40 Prozent auf rund 1050 Einheiten. Doch auch die Nachfrage nach guten Gebrauchten ist nach wie vor ungebrochen, meint Tracht. Gerade Neueinsteiger orientierten sich zunächst mehr im Bereich der Gebrauchtboote. Die gesamte europäische Bootsbauindustrie taxiert der Verband auf ein Umsatzvolumen von etwas mehr als 8 Milliarden Euro. Nimmt man das breite Spektrum an Ausrüstungen, Zubehör und Dienstleistungen rund um den maritimen Freizeitspaß hinzu, liegt der Umsatz bei rund 25 Milliarden Euro. Mehr als 270.000 Menschen sind in diesem Wirtschaftszweig in ganz Europa beschäftigt.
Die deutschen Freizeitboot-Bauer sind traditionell mehr auf die Fertigung von hochwertigen Segelyachten und weniger auf Motorboote spezialisiert. Zwei besonders namhafte unter ihnen haben ihren Sitz erstaunlicherweise mitten im Lande, nämlich die Bavaria Yachtbau aus Giebelstadt bei Würzburg und Dehler aus dem sauerländischen Meschede. Beide Unternehmen sind jüngst von Finanzinvestoren entdeckt worden. Bavaria gehört seit August vergangenen Jahres Bain Capital. In dieser zu den größten Yachtbauunternehmen Europas zählenden Werft mit einer der modernsten Serienfertigungsanlagen für Segelyachten haben mehr als 600 Mitarbeiter im vergangenen Jahr annähernd 4000 Boote gebaut. Das waren 10 Prozent mehr als im Vorjahr.
Keine Flaute in Sicht
Auch bei der 1998 in eine tiefe Krise geratenen Dehler-Gruppe, die vor vier Jahren an den begeisterten Segler Wilan van den Berg ging, stehen die Zeichen auf Wachstum. Hier ist kürzlich der Starnberger Finanzinvestor Buchanan eingestiegen, mit dessen finanzieller Hilfe zusätzliche Produktionskapazitäten geschaffen werden sollen. Die Werft ist derzeit gut beschäftigt, die Lieferzeiten für 2008 reichen bis weit zum Jahresende, heißt es im Sauerland.
Deutschlands zweitgrößter Bootsbauer, die börsennotierte Hanse Yachts aus Greifswald, will in diesem Jahr erstmals die Marke von 1000 Yachten knacken, nachdem sie im Vorjahr 850 Boote gebaut und damit etwas mehr als 100 Millionen Euro Umsatz gemacht hat. Angst vor Flaute hat die Branche derzeit nicht, wie der Verband in einer Konjunkturumfrage zum Jahresende feststellte.
Text: F.A.Z., 12.01.2008, Nr. 10 / Seite 18
Bildmaterial: dpa
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