20. Dezember 2004 Der amerikanische Pharmakonzern Pfizer hat seine Werbung gegenüber Patienten für das Schmerzmittel Celebrex auf dem Heimatmarkt mit sofortiger Wirkung gestoppt. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA begrüßte den Schritt.
Das Unternehmen reagiert damit auf die Ergebnisse einer Studie, wonach eine hohe Dosis des zur Linderung von Gelenkschmerzen (Arthritis) entwickelten Mittels mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko einhergeht.
Medikament wird nicht vom Markt genommen
Pfizer will das Medikament, das derselben Medikamentenklasse angehört wie das seit September nicht mehr angebotene Präparat Vioxx des Wettbewerbers Merck & Co., aber nicht vom Markt zurückziehen. Bei einer vorschriftsmäßigen Einnahme sei Celebrex für Arthritis-Patienten nicht gefährlich, heißt es bei Pfizer. Die Vermarktung gegenüber den Ärzten gehe weiter.
Die FDA rät den Ärzten bisher nur, Alternativen zu Celebrex und dem Schwestermedikament Bextra zu verschreiben. Für die Celebrex-Werbung, die die amerikanischen Patienten ansprechen soll, hat Pfizer in den ersten neun Monaten 2004 rund 70 Millionen Dollar ausgegeben. Auch Vioxx war zuvor mit hohem Aufwand beworben worden und hatte in Amerika deshalb schon den Ruf eines "Super-Aspirin", also eines Volksmedikaments.
Gemeinschaftsklage eingereicht
Streit gibt es auch um den Kurssturz der Pfizer-Aktie vom vergangenen Freitag. Am Tag der Bekanntgabe der Celebrex-Studienergebnisse war das Papier bis zum Börsenschluß um 11 Prozent abgesackt. 24 Milliarden Dollar Börsenwert waren vernichtet. Die Anwaltskanzlei Murray, Frank & Sailer hat deshalb eine internationale Gemeinschaftsklage im Namen der Aktionäre eingereicht, die vom 1. November 2000 bis einschließlich 16. Dezember 2004 Pfizer-Aktien erworben haben. In der Klagebegründung heißt es, daß Pfizer wesentliche Tatsachen zur Sicherheit und Marktfähigkeit der Produkte "Celebrex" und "Bextra" entstellt und verschwiegen habe.
Die Analysten der Investmentbank Lehman Brothers haben das Kursziel und die Ergebnisprognosen für Pfizer unterdessen gesenkt, nachdem sie ihre "Celebrex"-Umsatzprognose für das kommende Jahr um 55 Prozent und für 2006 um 5 Prozent reduziert haben. Das Medikament werde zwar auf dem Markt bleiben. Doch die zu erwartenden neuen Hinweise zur Anwendung, die von der Gesundheitsbehörde FDA nach ihren bisherigen Ankündigungen verlangt werden, dürften zu einer kürzeren Behandlungszeit und niedrigeren Dosierungen führen, vermuten die Analysten. Erst von 2008 an sei wegen der geplanten Markteinführung neuer Pfizer-Medikamente wieder Wachstum möglich.
Am Montag hat sich die Pfizer-Aktie im Verlauf bei einem weiter rückläufigen Kurs von rund 25 Dollar (minus 3,1 Prozent) noch nicht richtig stabilisiert. Celebrex war bisher das am meisten verschriebene Medikament gegen Arthritis und gehört zu den wichtigsten Umsatzquellen von Pfizer. In den ersten neun Monaten dieses Jahres hatte sich der Umsatz von Celebrex im Vergleich zur gleichen Zeitspanne des Vorjahres auf 2,3 Milliarden Dollar verdoppelt. Mit Celebrex und dem verwandten Medikament Bextra wollte Pfizer im gesamten Jahr 2004 einen Umsatz von mehr als 4 Milliarden Dollar oder rund 10 Prozent seines Konzernumsatzes machen.
Widersprüchliche Studienergebnisse
Ebenso wie Vioxx zählen Celebrex und Bextra zur Klasse der sogenannten Cox-2-Hemmer, die wegen ihrer Selektivität (sie greifen nur eines von zwei relevanten Enzymen an) die unangenehmste Nebenwirkung gängiger Schmerzmedikamente wie Aspirin, Diclofenac, Iboprufen und Naproxen - nämlich zum Teil schwere Magenblutungen - vermeiden helfen und zudem wirksamer sind.
Vioxx war vom Markt genommen worden, weil in einer Studie ebenfalls Risiken für schwere Nebenwirkungen auf das Herz gefunden worden waren. Nach dem Vermarktungsstopp von Vioxx waren Zweifel an der Sicherheit der gesamten Medikamentenklasse der Cox-2-Hemmer aufgekommen. Pfizer-Vorstandsvorsitzender Hank McKinnell teilt diesen Generalverdacht aber weiterhin nicht und will zunächst widersprüchlichen Studienergebnissen zu Celebrex nachgehen. "Es sterben mehr Menschen an Magenblutungen als an Aids", kommentierte McKinnell die jüngsten Diskussionen um die Cox-2-Hemmer.
Weitere schlechte Nachrichten
Auch die Aktionäre von zwei anderen großen Pharmakonzernen mußten in den vergangenen Tagen schlechte Nachrichten verkraften: So hat das amerikanische Unternehmen Eli Lilly bei seinem Medikament "Strattera" vor möglichen Leberschäden gewarnt. Das Mittel, das unter anderem gegen Hyperaktivität eingesetzt wird, sollte von Patienten mit Gelbsucht sowie solchen, die Anzeichen einer Leberkrankheit zeigten, nicht weiter eingenommen werden, teilte das Unternehmen mit. Die Warnung werde auf das Etikett aufgenommen. Eli Lilly habe von zwei Fällen von ernsten Lebererkrankungen bei der Einnahme erfahren, hieß es. Beide Patienten hätten sich nach Absetzung des Medikaments wieder erholt.
Zudem hat der britische Konzern Astra Zeneca ein enttäuschendes Ergebnis einer klinischen Studie für sein Lungenkrebsmittel "Iressa" veröffentlicht. Das Medikament, das in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten und Japan zugelassen worden ist, verlängert das Leben von Patienten möglicherweise doch nicht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2004, Nr. 298 / Seite 18
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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