18. Februar 2008 Der 46 Jahre alte Frank Appel wird neuer Vorstandsvorsitzender der Post. Das teilte der Aufsichtratsvorsitzende der Post, Jürgen Weber, am Montag in Bonn nach einem Beschluss des Aufsichtsrats mit. Appel sei einstimmig gewählt worden und trete sein Amt mit sofortiger Wirkung an. Zuvor
akzeptierte das Gremium den Rücktrittsgesuch des bisherigen Vorstandsvorsitzenden Klaus Zumwinkel. Dieser hatte wegen einer Steueraffäre vergangene Woche seinen Rücktritt angeboten.
Für Appel ist es ein schweres Erbe. Das ganze Land fragt sich, wie es weitergehen soll mit dieser Post, deren Ex-Chef am vergangenen Donnerstag von der Polizei aus seiner Villa in Köln-Marienburg abgeführt wurde. Einen vergleichbaren Skandal hatte das Unternehmen in seiner Geschichte seit den Zeiten von Thurn und Taxis nicht erlebt.
Der bisherige Logistikvorstand war Zumwinkels Liebling
Den Kronprinzen hatten sie den 46 Jahre alten Appel getauft. Ein fast zwei Meter großer Mann mit hoher Denkerstirn und großen dunklen Augen, der Vorstandssitzungen bisweilen mit kleinen Scherzen auflockert. Der bisherige Logistikvorstand war Zumwinkels Liebling: Wie jener hatte er seine prägenden Jahre bei der Unternehmenberatung McKinsey verbracht. Solche aufstrebenden Leute von McKinsey stellte Zumwinkel bevorzugt ein; zeitweilig bestand mehr als die Hälfte des Post-Vorstands aus Ex-Mackies. Jetzt wird gerade diese Verbundenheit mit dem zurückgetretenen Vorstandschef für Appel zum Problem: So sehr hat das Image des einstigen Vorzeige-Managers gelitten, dass es jetzt von Nachteil ist, wenn man von ihm protegiert wurde.
Dass er dennoch Postchef wird, verdankt Frank Appel der Bundesregierung. Die Kapitalmärkte hätten lieber John Allan gesehen. Der kleine, dicke Finanzvorstand der Post, ein Schotte, spricht die Sprache der Börse. Er weiß, wie die Kapitalmärkte ticken. Hatte er doch vor seiner Zeit bei der Deutschen Post als Chef des britischen Logistik-Dienstleisters Exel die Jungs der Londoner City stets erfolgreich von seiner Strategie überzeugen können. Er ist wie sie: straight, angelsächsisch, zynisch. Als Allan als Finanzvorstand antrat, machte der Kurs der Aktie dementsprechend gleich einen kleinen Freudensprung.
Appel inszeniert sich als Manager ohne Allüren
Aber Allan ist kein Deutscher. Und er spricht kaum Deutsch. Das aber scheint für ein Unternehmen wie die Deutsche Post, das mehrheitlich im Besitz des Bundes ist und noch einen nationalen Symbolwert hat, ein ernstzunehmendes Hindernis zu sein. Vor allem für Finanzminister Peer Steinbrück gab das den Ausschlag, bei der Postchef-Kür lieber Frank Appel zu unterstützen. Ob so etwas gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstößt, hat er zu prüfen wohl vergessen.
Appel inszeniert sich als Manager ohne Allüren. Am Handgelenk trägt er am liebsten eine vergleichsweise billige Uhr. Auch vom Blackberry hält Appel, anders als Allan, nicht viel. Von dem Schotten hatte die Times einst geschrieben, er könne ohne die ständigen Nachrichten des tragbaren Internetportals vermutlich gar nicht mehr leben. Frank Appel hingegen soll es ablehnen, überhaupt ein Blackberry zu benutzen: Gerade am Wochenende gehöre er ganz seiner Familie. Und zum Thema vierrädrige Statussysmbole erzählt Appel gern, dass der Pförtner ihn nicht auf den Parkplatz lassen wollte, als er in den Vorstand befördert wurde: Zu wenig habe sein alter Kombi zu den gediegenen Limousinen der neuen Kollegen gepasst.
Promovierter Neurobiologe
Solche Manager-Symbole abzulehnen ist unter Naturwissenschaftlern nicht ungewöhnlich: Man gibt sich puristisch. Schon als Schüler soll Appel in naturwissenschaftlichen Fächern herausragend gewesen sein. Später studierte er Physik und Chemie und promovierte in Neurobiologie. Doch der Wissenschaftsbetrieb war dem ehrgeizigen Erfolgsmenschen auf Dauer zu langweilig: Es ging immer nur darum: Wer steht als Erster auf der Publikation und wer als Zweiter.
Da kam die Kultur der Unternehmensberatung McKinsey, bei der Appel stattdessen anheuerte, seinem Charakter ungleich mehr entgegen. Diese Mischung aus Nachdenklichkeit und knallhartem betriebswirtschaftlichem Denken, aus Visionen und Powerpoint-Präsentationen, das war seine Welt. Bis heute schätzen seine Kollegen Appels kühlen Verstand und die Präzision seiner Arbeit. Charisma hingegen hat er bislang kaum gezeigt. Aber vielleicht ist die Rolle des Kronprinzen eben einfach anders als die eines Chefs. Appels Bewährungsprobe, ob er das nötige Showtalent für den öffentlichen Auftritt als Dax-Chef mitbringt, steht zumindest noch aus. Bislang machte er als Vorstandsmitglied einen eher zurückhaltenden, fast unsicheren Eindruck. Bisweilen schien es Beobachtern, als wisse er mit seinen Händen nicht so recht, wohin.
Ausgesprochen hanseatisch
Im Zungenschlag unterscheidet Appel sich deutlich von seinem Vorgänger. Während Zumwinkel mit rheinländischer Einfärbung spricht, klingt Appel ausgesprochen hanseatisch. Aufgewachsen ist der Hamburger im Stadtteil Bergedorf, dem früheren Wahlkreis Helmut Schmidts. Ob das norddeutsche Temperament es Appel schwieriger macht, ein Netzwerk aufzubauen als seinem Vorgänger, der gern mit seiner rheinländischen Umgänglichkeit kokettierte, steht dahin. Zumwinkels einstiger Erfolg wurde schließlich auch mit seinen guten Kontakten zur Politik in Verbindung gebracht.
Die Herausforderungen, die auf den vergleichsweise jungen Appel zukommen, sind auf jeden Fall gewaltig. Zumwinkel hinterlässt viele offene Baustellen: Dinge, um die er sich seit Jahren hätte kümmern müssen. Nicht zuletzt deshalb dümpelte der Aktienkurs der Deutschen Post lange Zeit vor sich hin. Es bleibt vordringlich, Veränderungen und den Unternehmenswert voranzutreiben, lautet das Fazit einer Studie der Investmentbank Morgan Stanley zur Postaktie.
Wichtigstes Thema: Der Verkauf der Postbank
Wichtigstes Thema dürfte der Verkauf der Postbank werden. Die Investoren an den Kapitalmärkten drängen seit langem, Post und Postbank müssten getrennt werden. So ließe sich ein höherer Gesamtwert erzielen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Commerzbank-Chef Klaus Peter Müller hatten in den vergangenen beiden Wochen deutlich gemacht, dass ihre Banken sehr an einer Übernahme interessiert sind. Zumwinkel hatte früher immer erzählt, es sei unmöglich, die Postbank von der Post zu trennen: weil die Postbank-Filialen ja in den Postgebäuden untergebracht seien. Zuletzt aber hatte er das offenbar nicht mehr so eng gesehen - und eine Fusion mit einer anderen Bank nicht mehr ausgeschlossen.
Bei Zumwinkels Rücktritt wurde schon an den Börsen spekuliert, der Schotte Allan könnte, wenn er Chef würde, den Deal sogar vorziehen. Auch darum waren viele Anleger etwas enttäuscht, als Allans Chancen auf den Posten sanken. Vermeiden kann Frank Appel den Verkauf der Postbank schwerlich: Wie schnell er ihn aber angeht, wird von den Märkten mit Spannung erwartet.
Da wird Appel sich arg strecken müssen
Dringend ist auch eine Lösung für das defizitäre Amerika-Geschäft der Expresstochter DHL. Zumwinkel hatte sich seit Jahren darum gedrückt. Immer wieder wurden Ziele angegeben, wann schwarze Zahlen erreicht werden sollten. Immer wieder wurden die Ziele verschoben. Zumwinkel hatte argumentiert, die Post müsse ein weltweites Netz für die Auslieferung von Expressgut anbieten können. Das sei entscheidender als die Ertragssituation in den einzelnen Ländern. Vermutlich ein fataler Fehler: Gut fünf Milliarden Euro soll die Post in Amerika inzwischen versenkt haben. Jetzt wird überlegt, ob es nicht günstiger wäre, das Beförderungsnetz in Übersee teilweise zu schließen - oder mit einem der Konkurrenten zu kooperieren.
Auf Dauer braucht auch die Hauptertragsquelle der Deutschen Post, das Briefgeschäft in Deutschland, eine Neuausrichtung. Zwar ist es Zumwinkel mit der Durchsetzung des Mindestlohns gelungen, die Konkurrenten zunächst auf Abstand zu halten. Viele Tochtergesellschaften des privaten Postdienstleisters PIN wurden insolvent. Auch die niederländische TNT Post kürzte ihre Expansionspläne in Deutschland drastisch zusammen. Gleichwohl wird der Fall des Briefmonopols langfristig Folgen für die Deutsche Post haben - ausruhen wird sich Frank Appel auch auf dem Gebiet nicht können. Im Gegenteil. Wenn Appel den Konzernumbau anpackt, den die Investoren fordern, wird er sich mit Kollegen anlegen müssen. Manche von denen sind älter, haben deutlich mehr Erfahrung als er - und wären selbst gern Chef geworden. Im Aufsichtsrat heißt es deshalb: Da wird Appel sich arg strecken müssen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp
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