Pharma

„Rot-Grün vernichtet Tausende Arbeitsplätze“

In der Verantwortung für seine Mitarbeiter - Bayer-Chef Wenning

In der Verantwortung für seine Mitarbeiter - Bayer-Chef Wenning

25. April 2005 Herr Wenning, ist der Aspirin-Umsatz vergangene Woche eingebrochen?

Das denke ich nicht, ohne bereits die genauen Zahlen zu kennen.

Dann hatte Ute Vogt keinen Erfolg mit ihrem Boykottaufruf gegen Firmen, die Stellen abgebaut haben?

Ich glaube nicht, daß solche populistischen Aufrufe von der Bevölkerung wirklich ernst genommen werden.

Die Kapitalismuskritik der SPD trifft offenbar den Nerv der Bevölkerung, zwei Drittel geben laut Umfragen Müntefering recht.

Wenn Herr Müntefering überkommene Klassenkampfparolen aufwärmt und einen Streit vom Zaun bricht, ist das sicher nicht hilfreich. Ich kann nicht erkennen, welchen positiven Beitrag diese Aussagen für den Veränderungsprozeß in Deutschland leisten sollen.

Fürchten Sie einen Links-Schwenk der Regierung?

Ich sehe das mehr als Getöse vor dem Hintergrund der anstehenden NRW-Wahl. Ich verstehe gar nicht: Wen meint Herr Müntefering eigentlich?

Wahrscheinlich Manager wie Sie.

Ich fühle mich nicht angesprochen. Wir müssen uns doch den Herausforderungen stellen. Dabei ist die wichtigste Aufgabe eines Vorstandes, ein Unternehmen erfolgreich zu leiten - das ist letztlich auch die sozialste Form der Unternehmensführung. Für Bayer nehme ich in Anspruch, daß wir bei der notwendigen Umstrukturierung in den letzten drei Jahren unserer sozialen Verantwortung gerecht geworden sind.

Der Umbau zu "New Bayer" hat Arbeitsplätze gekostet.

Den Abbau haben wir sozialverträglich gestaltet. Wir haben mit den Arbeitnehmervertretern eine Vereinbarung geschlossen, daß es bis 2007 grundsätzlich keine betriebsbedingten Kündigungen geben wird. In der Verantwortung für die Bayer-Mitarbeiter lasse ich mich von niemandem übertreffen. Um Arbeitsplätze zu sichern und neue aufzubauen, brauchen wir Gewinne, und zwar im Maßstab des globalen Wettbewerbs.

Ab welcher Höhe wird Profit anstößig? Wo beginnt der Exzeß, vor dem Müntefering warnt?

Mit diesen Schlagworten kann ich nichts anfangen. Wenn Unternehmen sich im globalen Wettbewerb behaupten wollen, müssen sie sich Renditeziele setzen, die für den Investor, für den Aktionär, attraktiv sind und so auch den Arbeitsplätzen zugute kommen.

Deutsche-Bank-Chef Ackermann, im Nebenberuf Bayer-Aufsichtsrat, ist sein Ziel von 25 Prozent Eigenkapitalrendite schlecht bekommen, er muß nun als Buhmann herhalten.

Ich halte den Anspruch der Deutschen Bank für gerechtfertigt, die 25 Prozent sind ein Muß für eine Bank, die sich als Global player behaupten will. Und wir brauchen eine starke deutsche Deutsche Bank.

Ihr Anspruch ist nicht viel bescheidener. Sie wollen die Rendite vor Steuern und Abschreibungen auf 19 Prozent steigern.

Wir haben gesagt, daß wir das 2006 erreichen wollen, und wir sind auf einem guten Weg. Nur bei ausreichenden Gewinnen werden wir in der Lage sein, das wachsende Geschäft zu finanzieren.

Welche Ihrer Sparten treibt das Wachstum?

Der Bereich Material Sciences wächst am schnellsten in Asien, aber auch in Nordamerika. In China stieg der Umsatz um rund ein Drittel, in Schanghai investieren wir in den nächsten Jahren 1,8 Milliarden Euro in neue Anlagen.

BASF verbaut dort ebenfalls Milliarden. Wiederholt die Chemieindustrie den Fehler der Autoindustrie in China und schafft teure Überkapazitäten?

Das sehen wir nicht. Unsere Anlagen dort produzieren ja nicht nur für China, sondern für den Weltmarkt. Zudem setzen wir auf Produkte, die den Scheitel ihres Lebenszyklus noch nicht erreicht haben. Durch Innovationen schaffen wir neue Märkte und machen uns weniger abhängig vom allgemeinen Wirtschaftswachstum. Ein Beispiel dafür ist die Compact disc, die wir miterfunden haben und für die wir neue Anwendungen erschließen - bei jeder zweiten CD stammt der Grundstoff übrigens von uns. Jetzt entwickeln wir neue selbstheilende Lacke, bei denen Kratzer von selbst verschwinden. Zur Zeit werden die ersten Autoscheiben aus unserem Kunststoff Makrolon eingebaut. Sie haben gegenüber Glas viele Vorteile.

Nicht jede Innovation trifft das Bedürfnis des Kunden - zum Beispiel die heftig angefeindete Gen-Nahrung, auf die Ihre Pflanzenschutz-Sparte setzt.

Zunächst ist festzuhalten, daß wir im Bereich Pflanzenschutz unser Ziel erreicht haben: Wir sind das größte Crop-Science-Unternehmen der Welt. Außerdem bin ich überzeugt, daß die Gentechnik eine der entscheidenden Zukunftstechnologien der nächsten Jahrzehnte sein wird. Sie hilft bei der Entwicklung neuer Medikamente, trägt zur qualitativ besseren Versorgung der Menschheit mit Nahrungsmitteln bei - in der deutschen Diskussion wird oft vergessen, daß auf der Welt 800 Millionen Menschen hungern oder fehlernährt sind. Und sie ist für die stärkere Nutzung nachwachsender Rohstoffe unerläßlich.

Kritiker wie Frau Künast warnen vor nicht absehbaren Risiken beim Eingriff ins Erbgut von Pflanzen.

Frau Künast sagt doch selbst, sie habe keine Erkenntnisse, daß grüne Biotechnologie gesundheitsschädlich sei. Trotzdem wird diese Zukunftstechnologie bei uns auf Grund der Haftungsregeln nicht stattfinden. Die Grünen behindern den Fortschritt in Deutschland - nicht nur in der Gentechnologie.

Minister Trittin rechnet ständig vor, wie viele Jobs er mit seiner Öko-Politik geschaffen hat.

Herr Trittin hat da eine selektive Wahrnehmung. In der Gesamtbilanz werden durch seine Politik Tausende Arbeitsplätze vernichtet. Für sich betrachtet schafft die Windenergie Jobs, sie sorgt aber für eine Verteuerung des Stroms und somit für einen Abbau von Jobs an anderer Stelle. Für mich ist nicht nachvollziehbar, Milliarden in die Entwicklung einer so ineffizienten Energie zu stecken - und auf der anderen Seite fehlen die Mittel für Schulen und Hochschulen, Forschung und Entwicklung. Hier sollte man Prioritäten setzen.

Reden wir über die hausgemachten Probleme bei Bayer. Sorgenkind ist und bleibt die Pharma-Sparte. Ihre Pipeline neuer Produkte ist so gut wie leer.

Das stimmt nicht. Ein Medikament gegen Nierenkrebs soll 2006 ausgeboten werden, ein Anti-Thrombose-Mittel 2008 - der Markt wird auf ein Volumen von 16 Milliarden geschätzt. Da können wir einen neuen Blockbuster gewinnen. Außerdem haben wir 17 Produkte in der Präklinik, 12 in Testphase eins. Klar, wir brauchen etwas längeren Atem. Aber die Opportunitäten sind für Bayer vielversprechend.

Die Sparte wird nicht verkauft, wie hartnäckig spekuliert wird?

Nein. Pharma ist und bleibt Kerngeschäft bei Bayer. Ob Avelox, Trasylol oder Kogenate - die Präparate entwickeln sich sehr gut.

Auch Levitra? Die Umsätze der Potenzpille sind enttäuschend.

Wir haben da nach zwei Jahren 200 Millionen Euro Umsatz erreicht, das Produkt wird auch dieses Jahr zweistellig wachsen.

Sie bleiben weit entfernt von der Zielmarke von einer Milliarde.

Das Geschäft hat sich insgesamt nicht so entwickelt, wie es die Branche erwartet hat. Es wird länger dauern, bis der Markt die prognostizierte Größenordnung von 5 Milliarden Dollar weltweit erreicht. Davon wollen wir einen Anteil von 20 Prozent haben.

Wie wollen Sie das schaffen?

Mit einem veränderten Marketingansatz. Wir werden die Vorteile von Levitra stärker herausstreichen: Sicherheit und schnelle Wirkung. Wir haben das gesamte Werbekonzept angepaßt, damit unsere Vorzüge gegenüber dem Wettbewerb besser ankommen. Außerhalb der USA haben wir in wichtigen Ländern die Schallmauer von 20 Prozent Marktanteil überschritten. Jetzt kommt es darauf an, auch in Amerika aufzuholen.

Erhöhen Sie dafür das Marketing-Budget?

Das wird auch davon abhängen, wieviel die Branche ausgibt. Wir werden auf jeden Fall ein wettbewerbsfähiges Budget zur Verfügung stellen.

Andere Pharmakonzerne setzen neuerdings auf Generika. Novartis kauft Hexal, sind Sie auch auf der Suche?

Nein, das ist für uns kein Thema, wir verfügen über ein großes Potential an innovativen Produkten, auf das wir alle unsere Kräfte konzentrieren.

Die Krise Ihrer Pharma-Sparte wurde durch den Lipobay-Rückzug ausgelöst. Wieviel Geld hat der Fall bis jetzt gekostet?

Wir hatten einen Versicherungsschutz von 1,2 Milliarden Dollar. Den haben wir voll ausgeschöpft. Zudem haben wir 2003 Rückstellungen über 300 Millionen Euro für Vergleiche und Anwaltskosten gebildet, 2004 haben wir 47 Millionen dafür zurückgestellt.

Das Gespräch führte Georg Meck.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.04.2005, Nr. 16 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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