Von Roland Lindner und Henning Peitsmeier
14. Januar 2008 Es könnte ein trauriges Jubiläum werden: Der größte amerikanische Autohersteller General Motors feiert in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag. GM will den Anlass gebührend begehen: Um den 16. September herum, dem offiziellen Gründungsdatum, ist eine einwöchige Party geplant, die sich über die ganze Welt erstrecken soll.
Die Vorzeichen für den Weltkonzern sind aber schlecht: Trotz mehrjähriger massiver Sanierungsanstrengungen hat es der Vorstandsvorsitzende Rick Wagoner bis heute nicht geschafft, das Autogeschäft auf dem wichtigen Heimatmarkt in die Gewinnzone zu bringen. Dazu kommt jetzt auch noch eine Eintrübung des gesamten Marktumfelds in den Vereinigten Staaten. In der Branche wird damit gerechnet, dass Amerikaner in diesem Jahr sehr viel weniger Autos kaufen.
Niedrigstes Niveau der vergangenen zehn Jahre
Das sind schlechte Vorzeichen nicht nur für das GM-Jubiläum, sondern auch für die Automesse in Detroit. Mit großem Pomp ist die North American International Auto Show (NAIAS), der erste große Branchentreff des Jahres, am gestrigen Sonntag eröffnet worden. Doch unter den Ausstellern machen sich Sorgen breit. Denn die Zeiten, in denen in den Vereinigten Staaten kontinuierlich 17 Millionen Autos und mehr im Jahr verkauft werden, sind vorbei. Schon 2007 schrumpfte der Gesamtabsatz um 2,5 Prozent auf 16,1 Millionen Fahrzeuge, das niedrigste Niveau der vergangenen zehn Jahre. Im neuen Jahr rechnet Analyst Rod Lache von der Deutschen Bank mit einem weiteren Rückgang auf 15,7 Millionen Autos, die Ratingagentur Standard & Poor's erwartet sogar nur noch 15,5 Millionen. Und auch auf dem zweiten großen Automarkt, in Westeuropa, gehen die Prognoseinstitute von rückläufigen Zulassungszahlen aus. Die Autoindustrie wächst 2008 nur außerhalb von Westeuropa und Nordamerika, sagt etwa Nikolaus Soellner, Automobilfachmann von A. T. Kearney.
In Amerika belastet die fortdauernde Krise an den Immobilienmärkten: Eine Mischung aus fallenden Häuserpreisen und gestiegenen Zinsen hat die Konsumfreude in den Vereinigten Staaten abgebremst. Viele Amerikaner haben in der Vergangenheit Kredite aufgenommen und ihre Häuser beliehen, um Anschaffungen wie Autos zu finanzieren. Das ging lange gut, weil die Immobilienpreise über Jahre hinweg gestiegen sind und die Zinsen niedrig waren. Die gestiegenen Zinsen sorgen nun aber für höhere Belastungen der Haushalte, gleichzeitig ist der Wert ihrer Immobilien gesunken. Auch Hausbesitzer, die keine Kredite aufgenommen haben, fühlen sich wegen der rückläufigen Immobilienpreise weniger vermögend und sind entsprechend vorsichtiger beim Geldausgeben.
Das Geschäft mit Pick-ups droht einzubrechen
Gerade den Verkäufern von GM, Ford und Chrysler, die mehr Masse denn Klasse anbieten, treibt diese Aussicht Sorgenfalten auf die Stirn. Das für die Big Three so wichtige Geschäft mit Pick-ups, die oft von Bau- und Handwerksunternehmen gekauft werden, droht einzubrechen. Die deutschen Hersteller werden von der Immobilienkrise nicht so hart getroffen, vermutet Thomas Sedran, Direktor der Beratungsgesellschaft Alix Partners. Doch auch BMW, Mercedes und Audi sind nicht sorgenfrei: Ihnen macht aber der Wechselkurs zu schaffen.
Zusätzlich gedämpft wird die Konsumlust durch die hohen Benzinpreise. Das wiederum könnte die Deutschen in ihrer Diesel-Offensive bremsen. Rational ist der Diesel für Amerika der richtige Motor, sagt Sedran. Die große Frage ist, wie sich die Nachfrage nach großen Motoren entwickelt. Allen Zweiflern zum Trotz präsentiert Audi seinen Supersportwagen R8 in einer Dieselversion mit großen V12-TDI - freilich nur als Konzeptstudie.
Die Öko-Aushängeschilder
Auf der Detroit Motor Show wollen sich beinahe alle Aussteller von der sparsamen Seite zeigen. Die japanischen Hersteller, allen voran Toyota und deren Tochtergesellschaft Lexus, sind dabei, ihren Vorsprung in der Hybridtechnologie, also der Kombination von Benzin- und Elektromotor zu verteidigen. GM hat ebenfalls eine Hybridversion seines größten sportlichen Geländewagens gezeigt und dabei den Verbrauch des Cadillac Escalade angeblich um fast 50 Prozent vermindert. Das Öko-Aushängeschild von GM ist aber ein Elektroauto, der Chevrolet Volt. Auch Ford und Chrysler zeigen Studien für Hybridfahrzeuge oder Elektroautos. Ford will mit einem auf Sparsamkeit getrimmten Explorer beweisen, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Die sinkenden Verkaufszahlen der einst so beliebten, aber durstigen F-Series haben den Konzern empfindlich getroffen.
Nicht fehlen dürfen die deutschen Marken. Daimler probiert es mit dem Kleinstwagen Smart: Mitte Januar startet der Verkauf des im Elsass hergestellten Smart zum Einstiegspreis von 11.590 Dollar. Zwar dürfte der starke Euro die Profitabilität des Exportgeschäfts drücken, doch ist Konzernchef Dieter Zetsche fest entschlossen, den Amerikanern das Auto in nennenswerter Stückzahl anzubieten. Und tatsächlich: Nach ersten Roadshows haben sich mehr als 30.000 Amerikaner einen der Smarts gegen Vorkasse von 99 Dollar reserviert.
Die Misere dauert seit Jahren
Trotz der mehr als 50 Messeneuheiten und der wie gewohnt tollen Inszenierungen erwarten auch kühne Optimisten keinen Impuls der Detroit Motor Show für den Gesamtmarkt. Im Gegenteil: Pessimistische Prognosen gehen sogar von einem Einbruch auf unter 15 Millionen Neuzulassungen aus. Es wäre eine Hiobsbotschaft für die amerikanischen Hersteller: Denn GM, Ford und Chrysler waren nicht einmal in Zeiten eines viel besseren Marktumfelds in der Lage, den Absturz in die Krise zu verhindern. GM geriet im Jahr 2005 in eine schwere finanzielle Schieflage, bald danach ereilte die Wettbewerber Ford und Chrysler ein ähnliches Schicksal. Alle drei Hersteller starteten tiefgreifende Sanierungen. Sie schlossen Werke und trennten sich von jeweils mehreren zehntausend Mitarbeitern. Chrysler wurde gar verkauft: Der Stuttgarter Daimler-Konzern gab seine amerikanische Tochtergesellschaft an den Finanzkonzern Cerberus ab. Bis zuletzt wiesen die amerikanischen Hersteller auf ihrem Heimatmarkt Verluste aus.
Die seit Jahren andauernde Misere erklärt sich damit, dass die amerikanischen Hersteller in erheblichem Umfang Marktanteile verloren haben, vor allem an japanische Unternehmen. Im vergangenen Jahr schrumpfte der kombinierte Marktanteil von GM, Ford und Chrysler auf dem Heimatmarkt von 53,7 auf 51,1 Prozent. Noch im Jahr 2003 kamen die drei Hersteller zusammen auf mehr als 60 Prozent. Die japanischen Marken bauten ihren Anteil 2007 dagegen abermals von 39,4 auf 41,7 Prozent aus.
Toyotoa übernimmt die Führung
Und Toyota steht davor, GM als größten Autohersteller der Welt abzulösen. Für 2007 meldeten die Japaner gerade einen Absatz von 9,37 Millionen Autos. GM hat noch keine endgültigen Zahlen veröffentlicht, die bisherige Prognose des Unternehmens von 9,3 Millionen liegt aber unter dem Wert von Toyota. Selbst wenn sich GM noch einmal vor Toyota halten könnte, erwarten Marktbeobachter spätestens im laufenden Jahr eine Wachablösung. Der Wechsel an der Spitze hätte eine historische Bedeutung. GM hat die Position als größter Hersteller der Welt 76 Jahre lang gehalten. Und das ist kein Grund zum Feiern.
Detroit Auto Show
Die North American International Auto Show findet in diesem Jahr zum zweiundneunzigsten Mal statt. Detroit ist das Zentrum der amerikanischen Autoindustrie: General Motors, Ford und Chrysler haben ihren Hauptsitz hier oder in der Umgebung. Ihr Niedergang hat die Region in den vergangenen Jahren schwer getroffen. Detroit ist zu einer Problemstadt geworden, geplagt von Armut und hoher Kriminalität, und mit einer desolaten Innenstadt, in der viele Flächen brachliegen. Heute leben nur noch 900.000 Menschen in Detroit, vor fünfzig Jahren waren es noch doppelt so viel. Nur vereinzelt gibt es Zeichen für eine Belebung: So sind gerade zwei neue Kasinos eröffnet worden, und am Ufer des Detroit River entsteht ein Wohn- und Erlebnispark. Trotzdem erschwert die fortdauernde Krise der Autohersteller und damit verbundene Entlassungen jeden Aufschwung. Die Automesse gehört jedes Jahr zu den Höhepunkten in Detroit und soll auch 2008 nach Schätzungen der Veranstalter wieder 500 Millionen Dollar in die lokale Wirtschaft pumpen.
Die Aussteller wollen das Publikum mit mehr als 50 neuen Modellen begeistern. Darunter sind sowohl serienreife Fahrzeuge als auch Konzeptautos, deren Markteinführung oft noch in den Sternen steht. Eine immer größere Präsenz auf der Messe hat China: In diesem Jahr kommen gleich fünf chinesische Hersteller nach Detroit. China zeigte schon in den vergangenen beiden Jahren Flagge, allerdings nur mit jeweils einem Hersteller. Startschuss für die Messe war am gestrigen Sonntag, und sie ist an den ersten drei Tagen Journalisten vorbehalten. Am 16. und 17. Januar kommen die Fachbesucher. Zu den Publikumstagen vom 19. bis zum 27. Januar ist die Messe für jedermann zugänglich. Tickets kosten 12 Dollar für Erwachsene und 6 Dollar für Kinder. lid.
Text: F.A.Z., 14.01.2008, Nr. 11 / Seite 15
Bildmaterial: dpa
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