Touristik

Die Pauschalreise wird individuell

Die Kleinen tun sich zusammen

Die Kleinen tun sich zusammen

08. August 2005 War es nur ein Stein, der in das Wasser geworfen wurde, oder der Auftakt zu einer Neuordnung der Geschäftsbeziehungen zwischen Reiseveranstaltern und den Reisebüros? Die Tatsache, daß rund 2000 Reisebüros ihren eigenen Reiseveranstalter namens „Travelers Friend“ gegründet haben, könnte bei erfolgreichem Geschäftsverlauf und größerem Zustrom durch andere Reisebüros eine Marktinnovation bedeuten. Ähnlich wie im Einzelhandel gewinnt der Vertrieb mehr Unabhängigkeit und womöglich mehr Einfluß auf die Planungsüberlegungen der Reisekonzerne.

Denn als Handelsvertreter verkaufen bislang die deutschen Reisebüros das, was ihnen TUI & Co. in die Regale legen. Es könnte auch der Auftakt zu einer neuen Rolle des stationären Reisevertriebs sein, der sich mehr als Reisehändler oder -makler begreift, zumal durch den Direktvertrieb der Konzerne im Internet und in den Call-Centern eine gefährliche Konkurrenz entsteht. Seit dem Siegeszug der Pauschalreise in Deutschland Mitte der sechziger Jahre wäre das die bislang wohl einschneidenste Veränderung der Branchenstruktur.

Unberechenbare Kunden

Lange Jahre fanden Produktinnovationen zu den jeweiligen Saisonzeiten in den Katalogen statt. Kinderfestpreise, All-Inclusive-Konzepte, der Transport mit der Bahn zum Abflughafen sind die bekanntesten Neuheiten gewesen. Doch der Kunde, der durch Neckermann-Reisen und TUI zur Preissensibilität erzogen und vor allem illoyal geworden ist, wird unberechenbarer.

Er bucht immer später und hofft auf günstige Last-Minute-Angebote, die nichts anderes sind als überzählige Restplätze, die auf Biegen und Brechen verkauft werden müssen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, gibt es seit zwei Jahren Frühbucherrabatte. Selbst der Anbieter für Luxusreisen, Airtours, kann sich dem nicht mehr verschließen und bietet von September an Billigflugangebote in der Kombination mit Luxushotels an - und das sowohl online als auch über das Reisebüro.

Trend zum „Bausteinurlaub“

Damit ist eine weitere Tendenz beschrieben. Die klassische Pauschalreise für die Familie ist zwar nicht tot, aber immer mehr reiseerfahrene Kunden wollen sich aus verschiedenen Bausteinen ihren Urlaub selbst basteln: Flug, Hotel, Ausflüge, Sport- und Kulturangebote aus einer Hand, aber kombinierbar. Die neusten Kataloge von Neckermann-Reisen und TUI-Deutschland zeigen, daß selbst die Großveranstalter ihre Pauschalreisepakete aufschnüren und zerlegen; eine Geschäftsidee, mit der Dertour aus dem Rewe-Konzern seit einigen Jahren gutes Geld verdient.

Noch keine rechte Antwort hat die Branche auf das veränderte Reiseverhalten einer alternden Gesellschaft. Heute sind 36 Prozent der Deutschen älter als 50 Jahre, im Jahr 2050 wird es fast die Hälfte sein. Das sind reiseerfahrene Kunden, die schon heute zur Stammklientel der Veranstalter gehören. Aber sie brauchen mehr und individuelle Angebote als das traditionelle Überwintern in spanischen Urlaubsdestinationen. Qualitativ hochwertiger Wellness-Urlaub, eine andere Form der klassischen Kur, altersgerechte Unterkünfte und Sportangebote könnten ein Angebot der Zukunft sein.

Text: noa., F.A.Z., 06.08.2005
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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