20. Februar 2008 Die Börse hat die Gerüchteküche in der Strombranche um eine weitere Variante bereichert. Statt zu warten, bis sich ein Konkurrent aus der Deckung wagt, könnte die spanische Iberdrola doch auch selbst angreifen. Als Ziel haben sich die Spekulanten ausgerechnet ein deutsches Unternehmen auserkoren, die RWE.
Das ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil es noch immer viele kommunale Aktionäre bei RWE gibt. Schon andere haben da schnell einen Rückzieher gemacht, als sie merkten, wie komplex RWE strukturiert ist. Entsprechend negativ waren auch die ersten Kommentare. Die Geschichte zeigt eigentlich nur eines: Auch RWE sollte sich lieber am Fusionsmonopoly beteiligen als eigene Aktien zurückzukaufen.
EDF und Iberdrola pokern mit Zahlen
Am Mittwoch dominierten dieses Spiel mal wieder Iberdrola und die französische EDF. Beide nutzten die Veröffentlichung ihrer Quartalszahlen, um Stellung zu all den Gerüchten zu beziehen. Viele glauben, dass EdF sich mit dem größten Iberdrola-Aktionär, der spanischen Baufirma Actividades de Construcciones y Servicios SA (ACS), zusammentun könnte.
Zusammen könnten die beiden für Iberdrola und dann den gegenwärtigen Iberdrola-Chef Ignacio Galan abzulösen. EdF werde möglicherweise ein Übernahmeangebot für Iberdrola unterbreiten oder sich im Rahmen einer größeren Transaktion mit ACS auch an der Union Fenosa SA beteiligen. Das ist Spaniens drittgrößter Stromkonzern, der von ACS kontrolliert wird.
Wo sind die Synergien?
EdF hatte bisher mitgeteilt, sie schaue sich sowohl Iberdrola als auch andere spanische Energiekonzerne an. Am Mittwoch sagte EdF-Vorstandschef Pierre Gadonneix, sein Unternehmen erwäge immer noch eine mögliche Transaktion in Spanien, wisse aber noch nicht, wie es vorgehen werde.
Die Franzosen halten sich ganz offensichtlich bereit, um an einer neuen Runde auf dem spanischen Energiesektor teilzunehmen. Doch es ist unklar, ob EdF willkommen ist und von wem. Derzeit wird offenbar überall hin und her gerechnet, denn an der Börse kommt ein Deal nur durch, wenn er Synergien und Werte für die jeweiligen Aktionäre schaffen würde.
EDF ist nicht willkommen
Iberdrola-Chairman Galan sagte dagegen klar, EdF sei nicht willkommen. Das Unternehmen könne alleine bestehen, und das gegenwärtige Führungsteam genieße die Unterstützung wichtiger Aktionäre, um unabhängig zu bleiben. Zudem kritisierte der Manager den Status von EdF. Der Konzern wird zu mehr als 80 Prozent vom französischen Staat kontrolliert. Ein Einstieg bei Iberdrola verstoße gegen die EU-Richtlinien des freien Wettbewerbs.
Mit diesen verbalen Gefechten dürfte das Spiel jedoch erst begonnen haben. Mit dabei ist ja auch noch die deutsche Eon, die in Spanien schon einmal keck vorpreschte, einen langen Übernahmekampf um Endesa dann aber verlor. Die Deutschen hätten Iberdrola sicher gerne, weil die Spanier so stark in erneuerbare Energien investiert haben, insbesondere Windkraft.
RWE investiert in Windkraft
Da kauft Eon derzeit auch jeden Park, den man bekommen kann. Genauso wie RWE. Die Essener kündigten am Mittwoch erst an, dass sie vor der niederländischen Küste zwei große Windparks bauen wollen. Entsprechende Anträge seien bei den Behörden eingereicht worden.
Die ersten Genehmigungen für die Parks erwartet RWE in den nächsten zwei bis drei Jahren. Der eine Windpark ist den Angaben zufolge 64 Kilometer vor der Küste von Ijmuiden geplant. Die Leistung der Anlagen an dem Standort mit dem Namen Tromp soll 1.150 MW betragen. Den Standort des zweiten Offshore-Parks nannte RWE noch nicht.
In dieser Hinsicht ist Iberdrola längst viel weiter, wie der Konzern am Mittwoch herausstellte. Kein anderer Versorger auf der Welt erzeugt so viel Strom mit Windkraft wie die Spanier. Vorstandschef Galan erklärte vor Analysten, er wolle Iberdrola im Einklang mit seinem Strategieplan als Giganten nach globalem Maßstab weiter ausbauen. So was hören Aktionäre gerne und das schreckt andere auch ab. Denn damit wird ein Deal sehr teuer.
Iberdrola erwartet sehr starkes Wachstum
Für 2008 erwartet Iberdrola ein starkes oder sehr starkes Wachstum in allen Bereichen. Im vergangenen Jahr steigerten die Spanier ihr Ergebnis um fast 42 Prozent und übertrafen damit die Markterwartungen. Auch dies ist ein Signal, dass die Spanier unabhängig bleiben wollen. Iberdrola steigerte den Gewinn in erster Linie so stark, weil man die britische Scottish Power übernommen hatte. In diesem Übernahmekampf hatte Eon einen Rückzieher gemacht.
Unterm Strich verdiente Iberdrola dagegen nur 2,35 Milliarden Euro. Das war zwar mehr als erwartet. EDF ist da dennoch viel besser: Im vergangenen Jahr steigerte der weltweit größte Produzent von Atomenergie seinen Betriebsgewinn vor Sonderposten um 5,6 Prozent auf 15,21 Milliarden Euro.
Ein Übernahmekampf wird sehr teuer
Sollte sich ein Konkurrent an Iberdrola herantrauen, dürfte dies ein extrem spannender und auch teurer Übernahmekampf werden. Schon heute ist Iberdrola mit mehr als 50 Milliarden Euro an der Börse bewertet.
Je stärker der Kurs steigt und je länger ein Aggressor zögert, um so teurer könnte ein Geschäft am Ende werden. Genau hierin liegt das Risiko für den Angreifer. Derzeit rechnet die Börse aber offenbar nicht mit einer Attacke auf Iberdrola. Am Mittwoch fiel der Kurs im Verlaufe des Tages sogar. Die Aktie pendelt seit ein paar Tagen knapp über zehn Euro. Das liegt noch ein gutes Stück unter ihren Höchstständen bei 12 Euro.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @stt
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
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