Bankensystem

Das Vertrauen ist erschüttert

Von Bettina Schulz

Die Krise köchelt seit Monaten

Die Krise köchelt seit Monaten

16. März 2008 Die Rettung der amerikanischen Investmentbank Bear Stearns vor einem Kollaps in der vergangenen Woche zeigt, wie dramatisch sich die Finanzkrise inzwischen zugespitzt hat. Ohne mit der Wimper zu zucken, fängt die amerikanische Notenbank (Fed) ein Schwergewicht wie Bear Stearns über JP Morgan auf. Die Gefahr einer systemischen Bankenkrise ist offensichtlich groß. Doch niemand braucht Angst zu haben, dass eine große Bank kollabieren könnte. Angesichts einer drohenden vernichtenden Verkaufswelle an den Finanzmärkten erscheint es selbstverständlich, dass im Moment jedes halbwegs große Institut sofort aufgefangen wird.

Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass die Notenbanken ernsthaft darauf achten müssen, eine systemische Bankenkrise zu vermeiden. Eine ähnliche Gefahr gab es nur einen sehr kurzen Moment während des Zusammenbruchs des Hedge-Fonds Long Term Capital Management (LTCM) vor zehn Jahren. Doch die heutige Situation ist ernster, weil sich nicht nur ein Institut in einer dramatische Krise befindet, sondern der gesamte Bankenmarkt von einer Liquiditätskrise betroffen ist, in der Notenbanken nur begrenzt helfen können.

Die Banken leihen sich gegenseitig kaum Geld mehr

Der Interbankenmarkt, auf dem sich Banken untereinander ohne Stellung von Sicherheiten gegenseitig Geld leihen, ist zum Erliegen gekommen. Die Finanzierung gegen Sicherheiten ist gleichzeitig extrem teuer geworden, weil keine Bank das Risikopotential ihres Nachbarn einschätzen kann. Der Preis der zu stellenden Sicherheiten kann zudem nur schwer ermittelt werden. In zu vielen Segmenten des Kreditmarktes ist der Handel ausgetrocknet.

Die Fed kann daher die Zinsen immer weiter senken - der Effekt auf den Markt bleibt begrenzt. Am kommenden Dienstag wird die amerikanische Notenbank ihren Leitzins voraussichtlich nochmals um 75 Basispunkte herabsetzen. Aber sie kann die Banken nicht zwingen, über Kreditschöpfung diese günstigeren Konditionen an den Markt weiterzugeben, wenn die Banken sich gegenseitig und der Realwirtschaft gegenüber den Geldhahn zudrehen.

Der Ausverkauf am Aktienmarkt ist noch lange nicht zu Ende

Dies ist der Grund, warum die Zinssenkungen in der Realwirtschaft weniger ankommen als erhofft und sich eine Rezession in den Vereinigten Staaten nicht abwenden lässt. Dies ist auch der Grund, warum der Ausverkauf am Aktienmarkt noch lange nicht zu Ende ist und sich die Aktienmärkte nicht einfach so schnell im zweiten Halbjahr erholen dürften, wie dies viele Marktteilnehmer hoffen.

Die Zinssenkungen in den Vereinigten Staaten haben sogar einen kontraproduktiven Effekt: Je mehr die Fed die Zinsen senkt, desto mehr verliert der Dollar an Wert. Ende vergangener Woche rutschte die amerikanische Währung auf ein Rekordtief gegenüber Yen und Euro. Je tiefer der Dollar sinkt, desto stärker zieht wiederum der Ölpreis an, der vergangene Woche auf mehr als 110 Dollar je Barrel (159 Liter) für die Sorte WTI kletterte. Auch andere Rohstoffe werden immer teurer. Dies entfacht Inflationsängste, was sich im Goldpreis mit 1007 Dollar für die Feinunze in der vergangenen Woche ausdrückte. Je mehr die Inflationsängste steigen und je weniger die Fed die Rezession in Amerika durch Zinssenkungen abfedern kann, desto mehr verliert der Markt das Vertrauen in die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, die Misere zu kurieren - und desto mehr steigt der Druck auf den Dollar.

Was sind die nächsten Schritte?

In dieser Krise müssen die Notenbanken tun, was sie eigentlich vermeiden wollen: massiv Liquidität in den Markt pumpen. Sie müssen eine immer größere Palette von eigentlich für Notenbanken inakzeptablen Kreditrisiken gegen die Zuführung von Liquidität annehmen und sie müssen Banken mit Blick auf das systemische Bankenrisiko retten, ob sie wollen oder nicht. An den Finanzmärkten wird bereits gegrübelt, was die nächsten Schritte sein werden.

In dieser Woche werden die amerikanischen Investmentbanken ihre Abschreibungen für das derzeit laufende Quartal veröffentlichen. Bear Stearns fängt an diesem Montag mit der Veröffentlichung seiner Zahlen an. Dabei stöhnen die Banken unter dem Zwang, Wertpapierpositionen, für die es derzeit keine Marktpreise gibt, zum Marktwert anzusetzen. Das übersteigert das geschätzte Verlustpotential der Banken und beschleunigt die Krise. Es ist auch fraglich, ob die Eigenkapitalvorschriften der Banken die Krise nicht verschlimmern, weil Banken umso mehr Kapital vorhalten müssen, desto höhere Risikopositionen sie auf der Bilanz halten.

Die Fehler wiederholen sich

Auch Interventionen der Notenbanken zugunsten des Dollar werden inzwischen diskutiert. Natürlich beteuern Notenbanker und Politiker, dass Wechselkurse eine Sache des Marktes sind. Ein niedriger Dollar hilft den Vereinigten Staaten in ihrer Misere, und ein starker Euro dämpft die Inflationsgefahren in Europa. Es mag aber sein, dass die Notenbanken letztlich nicht anders können, als den sich beschleunigenden Verfall des Dollar zumindest abzubremsen.

Die Fragen werden drängender: Wie konnte es trotz all der Aufsichtsbehörden und all der Erfahrungen aus früheren Finanzkrisen geschehen, dass sich die Welt heute in einer Situation befindet, in der sich die Notenbanken ernsthafte Sorgen um die Stabilität des Finanzsystem machen müssen? Wie konnte es sein, dass in den Vereinigten Staaten Bürger mehr als 100 Prozent einer Immobilie finanziert bekamen, nachdem genau diese Art der Kreditvergabe zehn Jahre zuvor in Großbritannien zu einer dramatischen Immobilienkrise und Rezession geführt hatte? Wie konnte es sein, dass es mit gutem Grund Großkreditrichtlinien und Eigenkapitalunterlegungsvorschriften gibt und Aufsichtsbehörden zusahen, wie Banken exorbitante Risiken außerhalb ihrer Bilanz anhäuften? Wie konnte es sein, dass Aufsichtsbehörden und Notenbanken schweigen, wenn Marktteilnehmer ihre Investitionen bis zu 32 Mal hebeln und damit ein Schneeballsystem kreieren? Würde die Mehrheit der Bevölkerung verstehen, was derzeit im Finanzwesen abläuft, wäre das Vertrauen der Bevölkerung in das Bankensystem und ihre Aufsicht zutiefst erschüttert.

Text: F.A.Z., 17.03.2008, Nr. 65 / Seite 24
Bildmaterial: REUTERS

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