Theo Müller im Gespräch

„Der Bauernpräsident müsste zurücktreten“

Der Molkereikonzern ist bekannt durch Marken wie Müller-Milch und Weihenstephan

Der Molkereikonzern ist bekannt durch Marken wie Müller-Milch und Weihenstephan

19. November 2008 Der Milchpreis fällt trotz aller politischen Bemühungen. Theo Müller, Eigentümer der Molkereigruppe Müller, rät den Bauern zur Anpassung an den Markt. Außerdem greift er im Gespräch mit der F.A.Z. die Erbschaftsteuer an.

Herr Müller, wagen Sie eine Prognose für den Milchpreis?

Im Moment bekommen die Bauern noch einen relativ hohen Milchpreis von etwa 31 Cent je Liter. Der Preis könnte im Januar auf 26 bis 28 Cent fallen. Grund ist - neben dem Angebotsüberhang - die Kündigungsmöglichkeit der Lieferverträge und Molkerei-Mitgliedschaften zum Jahresende.

Was läuft auf dem Milchmarkt schief?

Theo Müller rät dem Bauernverband, den Markt zu akzeptieren

Theo Müller rät dem Bauernverband, den Markt zu akzeptieren

Es läuft gar nichts schief. Die Milchwirtschaft kommt nach 50 Jahren Irrtum und staatlicher Intervention langsam in der Marktwirtschaft an. Die Begrenzung der Milchproduktion über die Milchquote wird in der EU 2015 aufgehoben. Vorher wurde der Interventionspreis fünf Jahre lang gesenkt, als Ausgleich erhalten die Bauern Flächenprämien.

Wie erklären Sie den aktuellen Verfall der Milchpreise?

Das Angebot ist höher als die Nachfrage. Das war im vergangenen Jahr noch anders, da konnte man außerhalb der EU bis zu 50 Cent je Liter erzielen.

Um den Bauern zu helfen, hat Bayern im Bundesrat den Versuch unternommen, die deutsche Milchquote um zwei Prozent zu senken. Die anderen Bundesländer haben das blockiert, ein Fehler?

Wir haben einen europäischen Markt. Auf dem EU-Markt werden 140 Milliarden Liter Milch erzeugt, davon 28 Milliarden in Deutschland. Dieser EU-Markt ist verbunden. Die Preise für Käse, Milch und Butter gleichen sich an, für Markenprodukte gelten andere Regeln. Wenn Deutschland zwei Prozent weniger produziert, hat das auf den Milchpreis in der EU keine Auswirkung. Andere Länder produzieren dann mehr.

Die EU-Agrarminister beraten gerade über den Milchmarkt. Was erwarten Sie?

Die EU ist unter Zugzwang. Sie wird wahrscheinlich eingreifen und eventuell Exporterstattungen beschließen. Geld dürfte noch vorhanden sein; die Hälfte des EU-Etats geht an die Landwirtschaft, da könnte noch etwas für die Milch übrigbleiben.

Höhere Ausgleichzahlungen der EU sind keine Dauerlösung, wenn man einen freien Milchmarkt erreichen will. Müssen nicht mehr Bauern aufhören, wenn sich die Produktion nicht lohnt?

Langfristig wäre das die Lösung. Man kann nicht mehr überall Milch produzieren. Man stellt sie dort her, wo sie günstiger produziert werden kann. Der Umstellungsprozess wird jedoch einige Zeit dauern, da die Fixkosten nicht kurzfristig angepasst werden können.

Im Sommer hatte der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer einen "Milchgipfel" einberufen, um den Bauern zu höheren Preisen zu verhelfen. Genutzt hat es nichts. Was raten Sie seiner Nachfolgerin Ilse Aigner?

Die Politik in Bund und Ländern hat wenig bis keine Handlungsmöglichkeiten, was die Höhe des Milchpreises anbelangt. Deutschland müsste aus der EU austreten, um wieder eine nationale Milchpolitik betreiben zu können. Das ist keine Alternative.

Der Bauernverband und der Verband der Milchviehhalter haben Protest und Boykotte organisiert, um höhere Milchpreise in den Läden zu erzwingen. Jetzt kritisieren enttäuschte Bauern ihren Präsidenten Gerd Sonnleitner, am Wochenende gab es in Bayern Demonstrationen. Zu Recht?

Sonnleitner müsste wegen Erfolglosigkeit zurücktreten. Der Bauernpräsident kämpft an den völlig falschen Fronten. Er hat die EU-Beschlüsse zur Abschaffung des Milchquotensystems im Jahr 2000 mitgetragen. Jetzt muss er den Markt akzeptieren. Auf dem Markt gibt es keine Planungssicherheit. Sonnleitner sagt den Bauern nicht die Wahrheit. Er hat sie im Unklaren gelassen, was auf sie zukommt. Er müsste ihnen raten: Seht zu, dass ihr eine bestimmte Größe habt, dass ihr die Kosten in den Griff bekommt und macht nicht zu viele Schulden. Um von eigenen Fehlern abzulenken, polemisiert er stattdessen gegen die Molkereien und insbesondere gegen den Handel.

Der Zorn der Bauern richtet sich trotzdem auch gegen den Einzelhandel.

Der Handel ist nicht der Schuldige an den Nöten der Milcherzeuger. Der Handel nimmt die Angebote der Molkereien entgegen. Für ihn ist die Höhe des Preises nicht entscheidend, sondern die erzielbare Spanne. Die Bauern schließen Verträge mit den Molkereien, nicht mit dem Handel. Zwar hat Lidl im Frühjahr unter dem Druck des Bauernverbandes den Versuch gemacht, den Bauern etwas zugute kommen zu lassen und freiwillig 10 Cent mehr für die H-Milch und 20 Cent für das Päckchen Butter zu zahlen. Das kann nicht funktionieren, und es hat auch nicht funktioniert. Wenn Trinkmilch 10 Cent mehr bekommt als andere Verwertungsmöglichkeiten, wer soll auswählen, wer der Glückliche ist, der liefern darf? Die H-Milch liefernden Molkereien waren eine Zeitlang im Vorteil.

Es gibt mehr als hundert Molkereien in Deutschland, zwei Drittel gehören den Bauern. Ist die Struktur wirtschaftlich?

Wenn sich Genossenschaften zusammenschließen, könnten sie natürlich etwas einsparen, vielleicht 1 bis 2 Cent je Liter. Doch Zusammenschlüsse kosten zunächst einmal Geld.

Welche Folgen hätten Fusionen der Genossenschaften für private Molkereien wie Ihre, die viertgrößte in Deutschland?

Wenn die Genossenschaften fusionieren und dadurch Kosten sparen, könnten sie mehr für die Milch ihrer Mitglieder bezahlen. Dadurch würde sich auch unser Preis erhöhen. Die Genossenschaften zahlen den gesamten Gewinn an die Bauern aus und müssen deshalb keine Ertragsteuern entrichten. Die privaten Molkereien existieren nur, weil es ihnen immer wieder gelungen ist, erfolgreiche Marken zu entwickeln.

Sie sind der prominenteste deutsche Erbschaftsteuerflüchtling. 2003 sind Sie nach Zürich gezogen, um Erbschaftsteuer zu sparen, und dafür heftig kritisiert worden. Ist die geplante Reform ein Grund zurückzukommen?

Ich habe meinen Wohnsitz in die Schweiz verlagert. Meine deutschen Betriebe zahlen weiterhin die Gewinnsteuern in Deutschland und unterliegen der deutschen Erbschaftsteuer. Zurückkommen? Nein, die Erbschaftsteuerreform ist katastrophal. Das neue Recht ist kompliziert und schwierig; ein bürokratisches Monster. Man muss abgrenzen zwischen gutem und schlechtem Vermögen, das halte ich für unmöglich. Viele Unternehmer werden versuchen, die Erbschaftsteuer zu umgehen, zum Beispiel einen möglichst großen Teil als steuerbegünstigtes Vermögen zu deklarieren. Die Gerichte werden viel zu tun haben. Die Gestaltung kostet Geld, die Erhebung ist teuer, die Streitereien vor den Gerichten auch. Darüberhinaus übersteigen die Kollateralschäden das Steueraufkommen um ein Vielfaches.

Unternehmen müssen aber künftig keine Erbschaftsteuer mehr zahlen, wenn sie Arbeitsplätze schaffen oder erhalten. Eine gute Regelung?

Der Begriff "Arbeitsplätze schaffen" gefällt mir nicht. Unternehmer schaffen Güter und Dienstleistungen mit so wenig Aufwand wie möglich, und auch Arbeit; das nennt man Produktivitätssteigerung oder wie der von mir verehrte Ludwig von Mises "die Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit steigern". Wenn am Ende der sieben oder zehn Jahre die Lohnsumme zu gering ist, um die Begünstigung bei der Erbschaftsteuer zu halten, müsste man nur wegen der Steuerermäßigung Leute einstellen. Das kann nicht sinnvoll sein.

Sie bleiben ein Gegner der Erbschaftsteuer?

Wir übersehen bei der ganzen Diskussion, dass die Erbschaftsteuer abgeschafft gehört. Die Erbschaftsteuer ist eine Steuer auf das Sparen. Ein Unternehmer sollte nicht für die Erbschaftsteuer sparen, sondern in das Unternehmen investieren. In meinem Fall habe ich durch meinen Wegzug die Erbschaftsteuer auf das ausländische Betriebsvermögen gespart, und somit konnte ich in unseren Betrieb in Sachsen insgesamt 700 Millionen Euro investieren. Wir beschäftigen in Sachsen rund 1700 Mitarbeiter, in einer Region, die durch 20 Prozent Arbeitslose gekennzeichnet ist.

Das Gespräch führte Heike Göbel.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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