Amerikas Antwort auf die Frage nach den Autos der Zukunft heißt Größe. Große Autos mit großen Motoren. Muscle Cars nennen das die Amerikaner, und wenn sich die Autowelt am heutigen Sonntag auf der Detroit Motor Show trifft, gibt es auf den Ständen von General Motors, Ford und Chrysler vor allem große Spaßautos zu sehen.
Ford zeigt eine Interceptor genannte Limousine, die mehr als fünf Meter lang ist und von einem 400 PS starken Fünfliter-V8-Motor angetrieben wird; Chrysler bietet mit dem bulligen Geländewagen Trailhawk einen Vorgeschmack auf die nächste Cherokee-Generation. Und auch bei den neuen Serienmodellen lassen die Big Three die Muskeln spielen. GM nutzt zum Beispiel für den neuen Chevrolet Malibu aus dem Konzernbaukasten die sogenannte Epsilon-Plattform, die auch Opel Vectra und Saab 9-3 trägt, verlängert aber gleich wieder den Radstand, um deutlich größer zu sein als der Toyota Camry, das meistverkaufte Auto in Amerika.
Die Fachwelt ist sich einig: Es sind die falschen Autos zur falschen Zeit. Seit die Gallone Benzin mehr als 3 Dollar kostet, achten die amerikanischen Autofahrer auf sparsame Motoren. Selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden Autos mit scheinbar unbegrenztem Spritverbrauch zu Ladenhütern.
Die amerikanischen Automanager haben schon erkannt, dass der Verbrauch heute das wichtigste Kaufkriterium bei einem Auto ist, aber die Erkenntnis kommt sehr spät, sagt Theo Klein, Automobilexperte bei der internationalen Unternehmensberatung AT Kearney. Jetzt können sie das Ruder gar nicht schnell genug herumwerfen, denn die Entwicklung umweltfreundlicher und sparsamer Motoren dauert vier bis fünf Jahre.
Und deshalb zeigen GM, Ford und Chrysler auf der Detroit Motor Show allenfalls in Zukunftsstudien, was Toyota längst verkauft: umweltfreundliche Hybridautos, die mit Benzin- und Elektromotor fahren, und preiswerte, spritsparende Autos von hoher Qualität. Damit ist Toyota auf dem besten Weg, GM als weltgrößten Autohersteller abzulösen. Nur auf dem Heimatmarkt ist GM noch führend. Dabei war die Traditionsfirma aus Michigan einst eine Ikone der amerikanischen Wirtschaft, war GM zusammen mit Ford und Chrysler der Stolz der Nation. Heute fahren selbst patriotisch gesinnte Amerikaner einen Lexus, die führende Luxusmarke - von Toyota.
Solange die Big Three dem Kunden nichts Vergleichbares anbieten können, wird sich ihre Absatzkrise wohl noch verschlimmern. 2006 haben GM, Ford und Chrysler 8 Prozent weniger Autos verkauft - trotz immer höherer Rabatte. Und die Automanager sind sicher, dass dieser Trend weitergeht: In einer Befragung von 150 Top-Managern durch die Unternehmensberatung KPMG sagten 89 Prozent, dass die Nachfrage nach Hybridfahrzeugen und benzinsparenden Modellen deutlich zulegen wird. 71 Prozent der von KPMG befragten Manager gehen für die kommenden fünf Jahre von sinkenden Weltmarktanteilen der amerikanischen Automarken aus. Vom Heimatmarkt können die drei Großen keinen Rückenwind erwarten. Im Gegenteil: Die amerikanische Investmentbank Wachovia Corporation sagt voraus, dass die Verkäufe von 17 Millionen Fahrzeugen im Jahr 2005 auf 16,4 Millionen Einheiten in diesem Jahr sinken werden. Wir sehen einen weiteren Niedergang, aber keinen Kollaps, sagt Jason Schenker, Autoexperte bei Wachovia.
Auf die Krise haben GM, Ford und Chrysler bisher nach bekanntem Muster reagiert: Sie entließen Tausende Mitarbeiter, schlossen mehr als zwei Dutzend Werke. Doch allein von der Kostenseite her können sie das Geschäft nicht ankurbeln. Verzweifelt bemühen sie sich nun um neue Autos und setzen auf Kooperationen mit anderen Herstellern. Chrysler, die Schwestermarke von Mercedes-Benz, nimmt sogar Nachhilfe in China. Mit dem chinesischen Hersteller Chery hat Chrysler einen Vorvertrag zur Produktion eines sparsamen Kleinwagens geschlossen. GM lässt bei Opel in Antwerpen das Kompaktmodell Astra fertigen, um es in einigen Monaten unter der Marke Saturn in Amerika verkaufen zu können.
In der Zwischenzeit laufen die Kunden weiter in Scharen zu Toyota. Und zu den deutschen Herstellern. Denn Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen bieten amerikanischen Autofahrern mitten im Benzinpreisschock nun sparsame - und große - Dieselmotoren an. Weil die Selbstzünder in Amerika im Ruf einer Uralttechnologie stehen, reden die Deutschen von Bluetec, Clean Diesel oder Advanced Diesel. Mercedes-Benz zeigt fast die gesamte Modellpalette mit Dieselmotoren und führt sogar die Miniaturmarke Smart in Amerika ein, Audi bietet seinen großen Geländewagen Q 7 als Diesel an, und auch BMW stellt hochmoderne Diesel-Direkteinspritzer groß heraus.
Den verschärften Kampf gegen die Importware im lukrativen Markt für große Autos versuchen manche amerikanische Automanager zu mildern, indem sie den Diesel schlechtmachen. Gern verweisen sie auf das angeblich nicht vorhandene Tankstellennetz. Ein Vorwurf, der die deutsche Autoindustrie kaltlässt. Die Bluetec-Offensive der deutschen Hersteller kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Weichen für den Clean Diesel sind in Amerika gestellt: Seit Mitte Oktober 2006 müssen 85 Prozent aller Tankstellen schwefelfreien Diesel anbieten, sagt Bernd Gottschalk, der Präsident des Verbands der Autoindustrie. Die Behörden achten sorgsam auf die Umsetzung und belegen die Tankstellen mit saftigen Geldstrafen bei Nichteinhaltung.
Es wird niemanden überraschen, wenn die amerikanische Autoindustrie daran arbeitet, Dieselautos zur Serienreife zu bringen. Das ungebrochene Verhältnis zur Größe ist nur noch auf den Messeständen in Detroit zu sehen. Alles, was GM zusammenhält, ist das Wissen, der größte Autokonzern der Welt zu sein, sagt ein GM-Manager. Damit ist es bald vorbei.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.01.2007, Nr. 1 / Seite 27
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.
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