19. November 2007 Die Regale sind gefüllt, der Sekt steht kalt. Die ersten Kunden können kommen. Thomas Eckert hat eine lange Nacht vor sich. Der ostdeutsche Edeka-Kaufmann feiert Premiere. Von Montag an wird er seinen Supermarkt in Halle an der Saale nicht mehr schließen. Wir haben dann 24 Stunden am Tag geöffnet. Außer am Sonntag kann nun die Kasse immer klingeln. Die Gewerkschaft ist geschockt, die Konkurrenz nervös.
Der Wettbewerb in Deutschlands 150 Milliarden Euro schwerem Lebensmitteleinzelhandel geht in eine neue Runde. Nachdem die Edeka-Gruppe durch die angestrebte Übernahme der Tengelmann-Discount-Kette Plus (Edeka-Chef Frenk: Wir heizen Aldi und Lidl ein“) gerade ihre Position als größter deutscher Lebensmittelhändler mit bislang mehr als 10.000 Läden ausbaut, testet sie seit einiger Zeit auch den Rund-um-die-Uhr-Service.
Bremerhaven ging zuerst auf 24-Stunden-Betrieb
Die meisten Erfahrungen hat damit inzwischen die Regionalverwaltung Edeka Minden-Hannover in ihrem Absatzgebiet gesammelt. Anfang Juni stellte ein Markt in Bremerhaven auf 24-Stunden-Betrieb um. Ende Juli folgten zwei Läden in Berlin, im September einer in Wolfsburg.
Seitdem seien dort die Umsätze gegenüber dem Vorjahr um ein Drittel gestiegen, sagt Andreas Laubig, Sprecher von Edeka. Von solchen Zuwächsen wagt Thomas Eckert nicht zu reden. Er verspricht sich von den einkaufenden Nachtschwärmern im sachsen-anhaltischen Halle keine exorbitanten Absatzsteigerungen, wohl aber kleine Schritte nach vorn. In den Abendstunden läuft das Geschäft traditionell auf Hochtouren. Vielleicht können wir davon etwas in die Nacht hinübertragen.
Halle, Leipzig und Dresden sind auch vorne dabei
Ein Jahr arbeitete er an den Plänen. Im November 2006 wurde das Ladenschlussgesetz gelockert. Dabei spielte Halle gemeinsam mit dem benachbarten Leipzig und Dresden eine wichtige Rolle. Unter dem in den neunziger Jahren amtierenden Oberbürgermeister Klaus-Peter Rauen hatte sich die Kommune massiv für eine bundesweite Flexibilisierung des in den Grundzügen hundert Jahre alten Gesetzes stark gemacht.
Damit sollte der angeschlagene städtische Handel nicht nur neuen Schwung bekommen. Deutschland zeigte auch, dass es reformwillig und reformfähig ist, sagt Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) in Berlin.
Lockerung der Öffnungszeiten in Schritten
Im Jahr 2003 hatte der Bundestag zunächst eine Verlängerung der Öffnungszeiten am Samstag beschlossen. Im Juli 2006 stimmte das Parlament dann der Föderalismusreform zu und übertrug den Ländern unter anderem die Gesetzgebungskompetenz für den Ladenschluss. Seitdem haben bis auf das Saarland und Bayern alle Landesregierungen die bis dahin bestehenden Gesetze deutlich gelockert.
Edeka-Händler Eckert will den neuen Möglichkeiten nun Taten folgen lassen. Er war nach der Wende vom elterlichen Drogeriehandel zu Edeka gewechselt und betreibt in der Region heute drei Läden. Das 900 Quadratmeter große Geschäft in Halle ist sein Flaggschiff. Damit nimmt er jetzt volle Fahrt auf.
Eine komplette Nachtschicht für die Kassen
Er hat kräftig investiert, auf die Werbetrommel gehauen und eine komplette Nachtschicht für die Kassen aufgebaut. Für seine bisherige Mannschaft werde sich nichts ändern, sagt er. Nachts arbeite Eckert mit dem Personal externer Firmen. Das kostet einiges, ist aber preiswerter als die fälligen Nachtzuschläge an das Stammpersonal.

Der nächtliche Einkauf ist besonders an Deutschlands bekanntester Tankstelle auf der Reeperbahn in Hamburg beliebt
Das lässt bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi die Alarmglocken schrillen. Lothar Philipp, der örtliche Gewerkschaftsvertreter in Halle, meint: Eckerts Entscheidung ist lächerlich. Viele Einzelhändler verkürzten ihre Öffnungszeiten wieder, da sich der innerstädtische Verkauf zu später Stunde nicht lohne. Eckert wolle wohl nur zeigen, wer in seinem Haus die Macht in Händen halte.
Der Verband findet den Edeka-Vorstoß gut
Hubertus Pellengahr vom HDE hält dagegen. Öffnungszeiten seien zwar Kostenfaktoren, denn wer nach 20 Uhr verkaufe, müsse laut Tarif mit Zuschlägen rechnen, die die Hälfte der üblichen Stundenlöhne ausmachten. Dennoch zahlten sich längere Öffnungszeiten für viele Händler durch höhere Umsätze aus. Die Konkurrenz hält sich mit Nachtschichten zurück.
In ostdeutschen Regionalverwaltungen der Discounter-Kette Aldi heißt es, eine 24-Stunden-Öffnung gebe es zum Glück nicht. Andrea Kübler von der Lidl-Gruppe in Neckarsulm erklärt, man habe keine Absichten, die Pforten dauerhaft zu öffnen.
Rewe schließt auch künftig um 22 Uhr
Andreas Krämer, Sprecher von Rewe in Köln, sagt: Wir planen nicht, unsere Läden rund um die Uhr offen zu halten. In der Gruppe sei ihm kein Händler bekannt, der nach Mitternacht verkaufe. Die Kassen klingelten bis 22 Uhr: Damit fahren wir gut. Auch Edeka spricht bislang nicht von einem flächendeckenden 24-Stunden-Service. Allenfalls in ausgewählten Läden, meint Sprecher Andreas Laubig.
Das könnte sich schnell ändern. Nach einer Studie Christoph Eltzes von der Unternehmensberatung McKinsey steht der deutsche Einzelhandel vor einer Renaissance der Tante-Emma-Läden. Längere Öffnungszeiten könnten sich vor allem für kleinere, weniger personal- und kostenintensive, aber übersichtliche und kundenfreundliche Läden rechnen.
Angriff auf Tankstellen und Kioske
So eröffneten die neuen Ladenschlussgesetze dem klassischen Handel die Chance, Tankstellen und Kiosken wieder Kunden und Umsätze abzujagen. Die setzten bislang 20 Milliarden Euro im Jahr allein mit Lebensmitteln um. Das entspreche knapp 15 Prozent der Gesamterlöse in Deutschlands insgesamt 57.000 Lebensmittelläden umfassender Branche. So verwundere es nicht, dass der Handel neue Verkaufsformate teste.
In Großbritannien konnten die Kleingeschäfte der Tesco-Express-Kette in fünf Jahren den Umsatz auf 2 Milliarden Euro verzehnfachen. Die japanische 7-Eleven-Gruppe ist weltweiter Vorreiter. Mit ihren 30.000 rund um die Uhr geöffneten und gut bestückten Miniläden verdient sie seit Jahrzehnten Milliarden.
Nun geht sie auf Expansionskurs. Deutschland steht bei den Japanern ganz oben auf der Agenda. Thomas Eckert macht sich mit seinem Edeka-Laden in Halle schon mal fit für den verschärften Wettbewerb - zunächst mit einem Begrüßungsglas Sekt für die ersten mitternächtlichen Kunden, dann mit einer Nachtschicht an der Kasse.
Text: F.A.Z., 19.11.2007, Nr. 269 / Seite 19
Bildmaterial: dpa, Marcus Kaufhold - F.A.Z., picture-alliance/ dpa
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