Bahnprivatisierung

Der Börsengang kommt noch in diesem Jahr

Von Kerstin Schwenn und Stefan Ruhkamp

29. April 2008 Der Bund will die Aktie der Deutschen Bahn AG noch in diesem Jahr an der Börse plazieren. Die Bundesregierung strebe als Termin November oder Dezember an, sagte Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) nach dem Koalitionsbeschluss zur Teilprivatisierung am Dienstag in Berlin.

Der Privatisierungsprozess könne sich aber auch ins nächste Jahr hineinziehen. Nun komme es darauf an, den richtigen Zeitpunkt für die Plazierung der Aktie zu finden. Auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, zeigte sich zuversichtlich, dass ein Börsengang noch im Herbst gelingen könne. Mit dem Beschluss der großen Koalition, der eine europäische Dimension habe, sei er hochzufrieden.

Nach dem von Union und SPD beschlossenen Konzept sollen bis zu 24,9 Prozent der neuen Verkehrsholding verkauft werden, in der künftig die Sparten Personen- und Güterverkehr gebündelt werden. Vollständig bei der Bahn und damit in der Verantwortung des Bundes bleiben Netz und Bahnhöfe.

Kaum Einfluss privater Investoren

In der Vereinbarung der Koalitionsrunde heißt es: „Private Investoren erhalten keinen unternehmensbestimmenden Einfluss auf den Kernbereich der Unternehmenspolitik der Deutschen Bahn AG.“ Tiefensee rechnet aber trotz der Begrenzung des privaten Anteils und Einflusses nicht mit Schwierigkeiten bei der Investorensuche. In Kreisen der Banken hieß es, die Pläne, vinkulierte Namensaktien oder stimmrechtslose Vorzugsaktien auszugeben, mit denen die Eigentumsrechte der Aktionäre beschränkt würden, seien inzwischen verworfen worden.

Die Bahn-Aktie werde sicher sein und für langfristigen Erfolg durch Rendite und Wertsteigerung sorgen, sagte Tiefensee dem Deutschlandfunk. Die Erlösschätzungen der Banken reichten von 5 bis 8 Milliarden Euro. Bei einem Erlös von 5 Milliarden Euro wäre die Bahn der drittgrößte deutsche Börsengang nach Telekom und Post. Die Einnahmen sollen zu je einem Drittel für Investitionen in die Infrastruktur, zur Stärkung des Eigenkapitals der Bahn sowie für den Bundeshaushalt verwendet werden.

Ab Mittwoch Bewerbung für Konsortium

Der Bund wird am heutigen Mittwoch die Banken per Zeitungsanzeige dazu auffordern, sich als Begleiter des Börsengangs zu bewerben. Den Börsenprospekt hat die Bahn schon vorbereitet. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) dürfte noch im Mai über die Zusammensetzung des Konsortiums entscheiden. Beste Chancen für einen der voraussichtlich vier Plätze als Konsortialführer werden Credit Suisse, Goldman Sachs, Morgan Stanley und Deutscher Bank zugeschrieben, die dem Bund bei der Neuordnung der Eigentumsverhältnisse des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS behilflich waren und noch immer EADS-Anteile halten.

In der zweiten Reihe dürften etwa zehn bis zwölf weitere Banken als Lead Manager assistieren, vermuten Investmentbanker. Das gesamte Konsortium darf für seine Dienste beim Börsengang auf eine Bezahlung hoffen, die etwa 1,5 bis 1,75 Prozent des Emissionsvolumens entspricht, hieß es in Kreisen der Banken. Beim Börsengang der Deutschen Telekom im Jahr 1996 betrug der Wert noch 2,5 Prozent. Doch seitdem sind die Preise für die Dienste der Banken offenbar gefallen. Beim Börsengang des Hamburger Hafens seien im vergangenen Jahr nur noch 1,75 Prozent des Emissionsvolumens an die Banken geflossen.

Zuteilung schon Ende Oktober möglich

Unterdessen trifft die Bahn die letzten Vorbereitungen für den Börsengang und baut das Unternehmen um: Ende Mai sollen die operativen Betriebsteile des Personennah- und -fernverkehrs sowie des Güterverkehrs in die neue Holding eingebracht werden, die intern als Verkehrs- und Logistik AG (VuLAG) firmiert. Als rechtliche Hülle, etwa im Entwurf des Privatisierungsvertrages zwischen Bahn und Bund, dient dazu die Stinnes AG. Der Stinnes-Konzern (mit der Logistik-Tochtergesellschaft Schenker) war von der Bahn vor fünf Jahren übernommen worden. Schenker ist inzwischen in die Bahn eingegliedert; die Mutterfirma hat keine eigene Funktion mehr.

Nach den Plänen von Bund und Konzern soll der Bahn-Aufsichtsrat der Neuordnung Ende Juli endgültig zustimmen. Ende August sind die ersten Analysten-Präsentationen geplant. Im September und Oktober will man dann auf den „Roadshows“ die Aktie den Anlegern vorstellen, Ende Oktober könnte es zur Preisfestlegung und Zuteilung kommen.

Für Privatanleger könnte es dann einen zusätzlichen Kaufanreiz geben, sagte ein Investmentbanker, dessen Arbeitgeber als Kandidat für das Konsortium gilt. Denkbar sei ein Abschlag gegenüber dem Preis, den institutionelle Investoren für die Bahn-Aktie zu zahlen haben. Eine weitere Möglichkeit seien Treueaktien für private Anleger, die die Aktie eine bestimmte Zeit halten. Mit beiden Modellen wurden die Privatanleger schon beim Börsengang der Telekom gelockt. Dieses Mal werde ein Anteil der Privatanleger in der Größenordnung von 15 Prozent angestrebt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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