Von Holger Steltzner, Henning Peitsmeier und Susanne Preuß
18. Juni 2008 Mercedes baut die nächste Generation der A- und B-Klasse nicht mehr ausschließlich in Deutschland, sondern auch in Ungarn. Der Daimler-Vorstand hat beschlossen, 800 Millionen Euro für ein neues Werk in Kecskemét in der ungarischen Puszta auszugeben.
Für weitere 600 Millionen Euro soll die bestehende Fertigung im badischen Rastatt modernisiert werden. Entgegen früheren Pläne, die neue Kompaktwagengeneration mit einem Partner zu entwickeln und zu bauen, ist der Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche von einem Alleingang überzeugter denn je: Gespräche mit einer Reihe von möglichen Partnern haben gezeigt, dass die variablen Kosten besser ausfallen, wenn wir die neue Reihe von vornherein allein machen, sagte Zetsche dieser Zeitung. Vor allem eine Partnerschaft mit BMW scheitere in der Kompaktklasse an den unterschiedlichen Antriebskonzepten: Heckantrieb bei der BMW Einser-Reihe, Frontantrieb bei A- und B-Klasse. Als Kooperationspartner für Daimler waren auch Peugeot und Fiat im Gespräch. Anders als Daimler hat sich BMW entschieden, für seine Einser-Reihe künftig auf Motoren des französischen Kleinwagenherstellers Peugeot zurückzugreifen.
Lohnniveau in Kecskemét: 5 Euro je Stunde
Daimler hatte bei der Standortsuche bis zum Schluss mehrere Angebote aus Osteuropa in der engeren Auswahl. Das Lohnniveau in Kecskemét mit 5 Euro je Stunde sei nicht allein ausschlaggebend gewesen, sagte Zetsche. Für die Stadt Kecskemét, eine Autostunde von Budapest entfernt, sprächen gutausgebildete Arbeitskräfte, ein dichtes Zulieferernetzwerk und eine gute Logistik: Der geographische Schwerpunkt der Zulieferer für dieses Modell liegt etwa in der Mitte von Rastatt und Kecskemét. In der ungarischen Provinz entstehen bei Mercedes und den Zulieferern bis zu 2500 neue Arbeitsplätze. Für das neue Werk bekommt der Autokonzern Subventionen im Rahmen der EU-Konventionen. Es habe aber Standorte gegeben, die noch mehr geboten hätten, sagte Zetsche.
Der ungarische Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany bezeichnete das Engagement von Daimler als die größte ausländische Investition seit der demokratischen Wende vor 19 Jahren. Sein Land habe sich in einem Wettbewerb der Qualität und nicht der Subventionen gegenüber Mitbewerbern aus Polen, Rumänien und Serbien durchgesetzt, erklärte Gyurcsany in Budapest. In Ungarn hatten sich bereits in den ersten Jahren nach der Wende internationale Autohersteller niedergelassen. Audi ist seit den neunziger Jahren mit einem Werk in Györ in Westungarn vertreten, Suzuki produziert in Esztergom bei Budapest.
Der fünfte ausländische Standort von Daimler
Die ersten Autos aus dem neuen Daimler-Werk werden 2011 auf den Markt kommen. Statt bisher zwei Varianten von A- und B-Klasse soll es künftig vier Varianten geben. Ob es beim alten Namen bleibt, dazu äußerte sich Zetsche nicht. Aus der bisherigen Baureihe werden einige Eigenschaften übernommen, darunter die höhere Sitzposition und das Raumangebot. Gleichzeitig muss die neue Kompaktklasse deutlich höheren Umweltauflagen gerecht werden. Daimler ist als Hersteller überwiegend großer Fahrzeuge von der EU-Kommission aufgefordert, den Flottenverbrauch erheblich zu senken. Dieses Ziel erreicht Daimler auch, indem immer mehr kleinere Autos verkauft werden. Die CO2-Bilanz unserer neuen Kompaktreihe ist noch viel anspruchsvoller, das werden wir über zahlreiche neue Technologien bewältigen, und das kostet Geld. Das technologische Know-how und die finanziellen Ressourcen dazu haben wir. Über die geplanten Stückzahlen der neuen Kompaktklasse schweigt Zetsche zwar. Grundsätzlich gilt aber, dass sich ein neues Werk erst ab Stückzahlen von 100.000 Autos lohnt. Rastatt hat im Zwei-Schicht-Betrieb eine Kapazität von 270 000 Fahrzeugen.
Zetsche interpretiert die Investition von 600 Millionen Euro in Rastatt als Bekenntnis zum Standort Deutschland - zumal in dieser Woche schon 170 Millionen Euro für den Ausbau der Transporterfabriken in Düsseldorf und Ludwigsfelde freigegeben wurden. Der Produktionsvorstand von Mercedes-Benz, Rainer Schmückle, sagte: Rastatt ist ein wichtiger Bestandteil unseres Produktionsnetzwerks. Wir werden das Werk auch mit der nächsten Generation von Kompaktwagen voll auslasten. Für Mercedes-Benz ist das ungarische Werk erst der fünfte ausländische Standort. Wir sind mehr als jeder andere Autohersteller in Deutschland engagiert, sagte Daimler-Vorstandschef Zetsche. Nur 25 Prozent des Umsatzes kommen aus dem deutschen Markt, aber 75 Prozent der Produktion, 87 Prozent der Mitarbeiter und 81 Prozent der Investitionen entfallen auf Deutschland.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp
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