Interview mit Credit-Suisse-Chef Brady Dougan

„Die Finanzmarktkrise dauert nicht mehr lange“

Dougan: “Wir hoffen, dass sich der Markt bald wieder belebt“

Dougan: "Wir hoffen, dass sich der Markt bald wieder belebt"

17. Februar 2008 Die Großbank Credit Suisse ist unter ihrem neuen Vorstandsvorsitzenden Brady Dougan bisher glimpflich durch die Finanzmarktkrise gekommen. Aber Dougan kann sich nicht beruhigt zurücklehnen. Die Herausforderungen bleiben hoch.

Herr Dougan, schon in Ihrem ersten Jahr an der Spitze der Credit Suisse haben Sie im Bankgeschäft ein Rekordergebnis erzielt. Sind Sie ein glücklicher Mann?

Mit dem Ergebnis der Bank bin ich in der Tat sehr zufrieden, haben doch alle Sparten und alle Regionen hierzu beigetragen. Gerade in einem Jahr wie 2007 war unser Risikomanagement sehr gefragt und hat die Bewährungsprobe bestanden. Zugleich können wir uns nicht ausruhen, denn die Märkte bleiben herausfordernd.

Ganz anders sieht es in der UBS aus. Ist das wirklich eine gute Entwicklung, wenn der schärfste Konkurrent im Land in eine solche Schwächephase gerät und einen Verlust in mehrfacher Milliardenhöhe erleidet?

Die Finanzbranche insgesamt hat einen enormen Rufschaden erlitten. Darüber kann niemand glücklich sein. Aber die UBS bleibt weiterhin eine starke Konkurrentin für uns, und es ist gut, wenn der Finanzplatz Schweiz über zwei gewichtige Institute verfügt.

Hat nicht der Finanzplatz insgesamt Schaden genommen? Der Ruf des soliden Schweizer Bankers scheint verspielt worden zu sein.

Wir können den Eindruck eines Reputationsschadens für den Finanzplatz nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil gewinnen wir auch in der gegenwärtigen Lage weitere Kunden.

Die Finanzminister der G-7-Staaten erwarten nach 100 Milliarden Dollar noch einmal Abschreibungen über 300 Milliarden Dollar als Folge der Hypothekenkrise. Kommt es für die Banken dieses Jahr noch knüppeldick?

Es ist anzunehmen, dass verschiedene Banken noch zu weiteren Abschreibungen gezwungen sein werden. Aber die Finanzmarktkrise muss sich nicht zwangsläufig bis zum Jahresende fortsetzen. Vielmehr könnte sich die Lage schon zur Jahresmitte verbessern. Da bin ich vielleicht etwas zuversichtlicher als viele meiner Kollegen.

Prominente Kollegen wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank sind sehr besorgt über die Anleiheversicherer in Amerika. Sie auch?

Die Lage der Anleiheversicherer bietet für viele Finanzmarktteilnehmer sicherlich Anlass zur Sorge. Wir haben in diesem Bereich allerdings kein nennenswertes Engagement. Aus diesem Grund sind wir nicht in die Gespräche über ein Rettungspaket eingebunden und werden auch kaum daran teilnehmen.

Aber Ihr hoher Bestand an Finanzierungen von Gewerbeimmobilien und Übernahmen vor allem in den Vereinigten Staaten muss Sie doch beunruhigen, oder nicht?

Den Bestand im privaten Hypothekenmarkt haben wir schon frühzeitig und kräftig vermindert. Aber auch bei Gewerbeimmobilien und Übernahmefinanzierungen haben wir unser Engagement vor allem im vierten Quartal stark zurückgefahren.

Brady Dougan lehnt sich beruhigt zurück?

Wir verfügen jetzt generell über gute Assets, die aber nicht immun gegen Marktverwerfungen sind. Daher wollen wir sie weiter abbauen. Zugleich schaffen wir damit Raum für Neugeschäfte. Diese ließen in den vergangenen sechs Monaten sehr zu wünschen übrig. Wir hoffen daher, dass sich der Markt bald wieder belebt.

Zugunsten von Großanlegern hat die Credit Suisse bei einigen ihrer Geldmarktfonds problembehaftete Wertschriften auf die eigenen Bücher genommen. Ist das gerecht gegenüber den anderen Anlegern?

Wir haben uns zu dieser Maßnahme entschlossen, da im anderen Fall, das heißt wenn Anleger ihr Geld aus Fonds nicht zurückziehen können, wir eine stillschweigende Übereinkunft brechen würden. Das hätte problematisch werden können. Daher glauben wir, im besten Interesse von Kunden und Aktionären der Bank gehandelt zu haben.

Die Bank erzielte zwar einen Rekordgewinn, aber in den Vereinigten Staaten war nicht viel zu holen.

Das vergleichsweise schwache Ergebnis im vergangenen Jahr ist großenteils Folge der Bewertungskorrekturen von insgesamt zwei Milliarden Franken. Aber sowohl das Investmentbanking als auch das Private Banking haben dort noch Verbesserungsbedarf. Hierfür haben wir die nötigen Maßnahmen eingeleitet.

Also kein Akquisitionsbedarf?

Wir sind mit der gegenwärtigen Aufstellung der Bank sehr zufrieden und setzen daher weiterhin auf organisches Wachstum. Wenn wir zukaufen, dann nur als Ergänzung der bestehenden Geschäfte. Akquisitionen müssen zu unserer Strategie und zu unseren Geschäftszielen passen.

Banken wie die Credit Suisse mit den zwei Säulen Vermögensverwaltung und Investmentbanking stoßen zunehmend auf Kritik. Sie haben den Effekt aus der Verbindung auf aktuell knapp sechs Milliarden Franken beziffert. Ist das nicht eine kaum nachprüfbare Zahlenspielerei?

Was sich nach außen hin als reines Zahlenwerk darstellen mag, erleben Mitarbeiter und Kunden sehr real. Wir haben jetzt gesagt, dass wir die zusätzlichen Erträge von gegenwärtig 5,9 Milliarden Franken bis 2010 auf mehr als zehn Milliarden Franken ausdehnen wollen. Die Zahlen liegen auf dem Tisch, und wir möchten die Effekte dahinter noch besser erklären.

Vor der Übernahme des Vorstandsvorsitzes hatten Sie sich mit der Sanierung des Investmentbankings in der Credit Suisse einen Namen gemacht. Bleibt es dessen ungeachtet nicht doch ein Geschäft mit großen Ausschlägen nach oben und nach unten, wie sich zum Jahresende zeigte?

Ich meine, unser Investmentbanking ist heutzutage weniger volatil als das vieler Wettbewerber. Gerade in den vergangenen acht Monaten hat es eine ziemliche Stabilität an den Tag gelegt. Bedenkt man die Umstände, ist selbst der Gewinn von gut 300 Millionen Franken im letzten Quartal nach den 4,5 Milliarden in den drei Vorquartalen nicht schlecht. Dessen ungeachtet wollen wir die Volatilität der Investmentbank weiter reduzieren.

Muss nicht auch das Verhältnis zwischen Kosten und Erlösen, also die Cost-Income-Ratio, von derzeit 75 Prozent besser werden?

Im Investmentbanking haben wir unsere Cost-Income-Ratio bereits deutlich verbessert. Unser Ziel ist hier wie auch im Asset Management die Spitzenstellung.

In der Kritik stehen auch die hohen Bonuszahlungen der Banken, die vielen völlig übertrieben erscheinen. Was macht die Credit Suisse?

Die Bonuszahlungen für 2007 werden im Durchschnitt gleich hoch oder etwas niedriger ausfallen als im Vorjahr. Zugleich ist die Aktienkomponente mit Sperrfrist etwas angehoben worden. Lassen Sie mich aber zur Frage der viel kritisierten Anreizelemente generell Folgendes sagen: Allgemein müssen diese Systeme langfristiger angelegt sein. Es geht um einen größeren Gleichklang der Interessen zwischen Mitarbeitern und Unternehmen. So wird bei gewissen Mitarbeitern im Handel ein Teil des Bonus über zwei Jahre gesperrt. Wenn sie in dieser Zeit einen Verlust machen, wird er vom ursprünglichen Bonus abgezogen.

Sollte ein Bezug auf die eingegangenen Risiken geschaffen werden, wie manche meinen?

Dies ist ein bedenkenswerter Vorschlag, der jedoch leider nicht allgemein anwendbar ist. Der Verkäufer von strukturierten Produkten zum Beispiel arbeitet mit relativ wenig Kapital. Daher ist in diesem Fall der Bezug auf die Kapitalbasis nicht sinnvoll. Ich halte die Orientierung am Leistungsausweis für den besseren Maßstab.

Das seit Januar gültige Regelwerk "Basel II" verlangt von den Banken mehr Eigenkapital zur Unterlegung ihrer Geschäfte. Wird dies für Sie ein Hemmschuh?

Hätten wir die neuen Eigenkapitalvorschriften 2007 schon angewandt, hätte unsere Kernkapitalquote (Tier 1) ungefähr 10,2 Prozent statt der ausgewiesenen 11,4 Prozent betragen. Anders gesagt: Für unser bestehendes Geschäft benötigen wir jetzt rund vier Milliarden Franken mehr. Damit haben wir kein Problem. Andere werden es schwerer haben.

Letzte Frage: Sie haben Ihr Amt in Zürich im Frühjahr angetreten. Haben Sie inzwischen wie geplant Deutsch gelernt?

Ich habe zwar noch keine großen Fortschritte gemacht. Aber ich arbeite hart daran.

Das Gespräch führte Jürgen Dunsch.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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