Reise- und Schifffahrtskonzern

Aktionäre sägen an der TUI

Von Winand von Petersdorff

17. März 2008 Die eigentliche Überraschung ist, dass Michael Frenzel, der TUI-Chef, immer noch steht. 20 Jahre Vorstand, seit 1994 an der Spitze. Er ist der Dienstälteste im Dax. Und bleibt es wohl.

Die 44 Milliarden Euro schwere britische Pensionskasse Hermes hatte ihn unter Druck gesetzt, die Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS hatte ihm die Entlastung verweigert, der grobe Finanzinvestor Guy Wyser-Pratte hatte gerasselt wie selten. Und ein Wissenschaftlerteam verfasste eine Fallstudie über den Werdegang von TUI als Beispiel für Wertvernichtung. Aber Michael Frenzel ist noch da, und sein Vertrag reicht bis 2012. Gemessen an seinen Nehmerqualitäten, ist Frenzel der Rocky Balboa des Dax. Der Boxer Rocky, verkörpert von Sylvester Stallone, gibt einfach nicht auf.

Zerteilungsphantasien hatten zuletzt den Aktienkurs getrieben

Frenzel stößt allerdings jetzt auf einen echten Gegner. Er heißt John Fredriksen, kommt aus Norwegen, besitzt unter anderem die größte Öltankerflotte der Welt und mehr als 5 Prozent an der TUI. Der Norweger will TUI in zwei selbständige Unternehmen zerlegen: Touristik unter TUI Travel und Schiffsfracht unter Hapag Lloyd. Eine erste Niederlage hat Fredriksen Frenzel schon beschert. TUI sollte mit der eigenen Frachtschiff-Tochter Hapag Lloyd verschmolzen werden. Das klingt wie eine Formalie, hätte aber die Übernahme des Konzerns erschwert. Übernahme- und Zerteilungsphantasien aber hatten zuletzt den Aktienkurs getrieben.

Frenzel erlebte, wie Fredriksen die Idee versenkte - mit einem Brief und der glaubwürdigen Drohung, er könne zur entscheidenden Hauptversammlung die Verschmelzung blockieren, indem er mehr als 25 Prozent der Stimmen mobilisiert.

Frenzel gewinnt Zeit

Die wahren Qualitäten Frenzels zeigen sich in der Krise. Er lenkt nach außen hin ein und verfolgt weiter zäh seinen Plan eines Konzerns auf zwei Beinen. Zerschlagung, so wird zwar jetzt kolportiert, schließt er nicht mehr aus. Aber dazu dürfte es nicht kommen. So viel ist jetzt schon klar: In der Aufsichtsratssitzung am Montag bekommt Frenzel den Auftrag, Varianten für die Zerlegung durchzurechnen. Frenzel gewinnt so die Zeit für seinen Plan, den Laden zusammenzuhalten.

Mindestens vier Ideen kursieren. Erstens: Der Börsengang der Hapag Lloyd. Er fällt aus wegen schwacher Kapitalmärkte. Zweitens: Jeder TUI-Aktionär bekommt für seine Aktie zwei neue, eine Reiseaktie und eine Hapag- Lloyd-Aktie. Ähnlich problematisch. Wegen der schwachen Börse blieben die Aktien niedrig bewertet, zumal Schwierigkeiten mit der Aufteilung der gewaltigen Schuldenlast entstehen. Die hohen Schulden halten auch Finanzinvestoren fern. Dritte Variante: Hapag Lloyd wird komplett verkauft. Ostasiatische Reeder zeigen sich jetzt schon interessiert, dem Norweger Fredriksen wird ohnehin ein Interesse unterstellt. Gegen die Idee kämpfen die Arbeitnehmer und die Stadt Hamburg, die gemeinsam um Arbeitsplätze und Bedeutung der Hansestadt fürchten. Dagegen spricht auch, dass Hapag Lloyd die Integration einer großen Übernahme selbst noch nicht abgeschlossen und deshalb die alte Ertragskraft noch nicht wieder erlangt hat. Ein Verkauf käme zu früh, sagen Analysten.

Gemeinschaftsunternehmen mit TUI als Großaktionär

Damit gewinnt jene Variante an Zugkraft, die Frenzel am liebsten hat: Hapag Lloyd wird in ein Gemeinschaftsunternehmen eingebracht, an dem TUI als Großaktionär beteiligt ist. Diese Konstruktion praktiziert Frenzel schon im Tourismus mit TUI Travel, im Kreuzfahrtgeschäft mit Royal Caribbean und bei Hotels mit der spanischen Hotelgruppe Riu. Die Airline wird zurzeit ebenfalls in ein solches Joint Venture eingebracht.

In diesem Zusammenhang ist auch der gescheiterte Plan zu sehen, die TUI-Zentrale von Hannover nach Hamburg zu verlegen. Dann hätten es die Hanseaten leichter verkraftet, dass Hapag Lloyd Teil eines größeren Schiffsfrachtunternehmens wird. Neptune Orient Lines aus Singapur hat Interesse.

Der Norweger Fredriksen könnte diesen Plan blockieren, denn dafür reichen 25 Prozent. Aber um eigene Ideen durchzusetzen, fehlt ihm die Mehrheit. Er könnte aber auch Teil der Lösung sein und sich mit Frenzel vertragen. Der Mann ist noch nicht am Ende.

Rocky Balboa unterlag in seinem entscheidenden Kampf. Aber nach Rocky eins folgten fünf weitere Filme. Am Ende hatten meistens die Gegner platte Nasen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 40
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

 
Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 4.544,31 -7,01
TecDax 516,75 -4,81
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,34 +0,00
Bund Future 114,67 -1,44
Gold 847,40 +0,00
Öl 76,65 -7,49
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche