Was Ackermann von Löw lernen kann

„Planbar ist nur die Leistung, nicht aber der Erfolg“

29. Juni 2008 Fußballer und Manager haben vieles gemeinsam. Beide Berufsgruppen wollen vor allem eines: Vorne sein und siegen. Leistung gehört zu ihren Lieblingsvokabeln. Nur lässt sich mit Leistung alleine der Erfolg nicht erzwingen, wie Managerberater Reinhard Sprenger zu berichten weiß, der fast alle großen Dax-Unternehmen zu seinen Kunden zählt. Zufall und Glück gehören auch noch dazu. Auch wenn das die Wirtschaftsbosse nicht gerne hören.

Herr Sprenger, was können Manager von Fußballern lernen?

Zum Beispiel: dass Leistung und Erfolg nicht dasselbe sind.

Beziehen Sie sich auf die deutsche Nationalmannschaft?

Na ja, schauen Sie sich das Halbfinale an: Die Leistung der Türken war eindeutig die bessere. Gewonnen haben die Deutschen.

Ist das ungerecht?

Das mag man so sehen. Aber man sollte die Begriffe sauber trennen. In der Wirtschaft spricht man zum Beispiel gerne von leistungsorientierter Bezahlung. In Wirklichkeit meinen wir damit eine erfolgsorientierte Bezahlung. Planbar ist nur die Leistung. Nicht aber der Erfolg. Dazu gehören immer auch ein Quentchen Glück und eine Prise Zufall.

Das hören Chefs nicht gerne, die glauben, Erfolg mit Leistung erzwingen zu können.

Die gute Nachricht für sie: Sie können die Voraussetzungen dafür schaffen, dass das Glück sie auch trifft.

Dazu haben Sie bestimmt ein Beispiel aus der Fußballwelt parat.

Nehmen Sie die WM 1954. Die Deutschen besiegten die Ungarn im Endspiel 3:2, obwohl die Ungarn als unbesiegbar galten. Warum? Natürlich wegen Sepp Herbergers Taktik, Fritz Walters Regie und Helmut Rahns Schuss. Beigetragen haben aber auch die neuen Schraubstollenschuhe, die von dem Schuster Adolf Dassler, dem Adidas-Gründer, gefertigt worden waren. Diese Stollen boten auf dem nassen Rasen ein besseres Standvermögen als die damals üblichen weichen Korknoppen. Man kann also den Erfolg nicht erzwingen, ihm aber eine gute Ausgangsposition verschaffen.

Macht Joachim Löw als Fußball-Spitzenmanager seine Sache gut?

Zur WM vor zwei Jahren war er eine ideale Ergänzung zu Klinsmann: er als reiner Analytiker, der andere als emotionaler Chef. Das war ein ähnlich gutes Paar wie Bill Gates und Paul Allen bei Microsoft oder Mick Jagger und Keith Richards bei den Rolling Stones. Heute als Teamchef hat Löw dazugelernt. Er hat es verstanden, zur Strategie und Taktik die Leidenschaft hinzuzufügen.

Andererseits gehen die Schwächen der Deutschen doch auch auf sein Konto.

Nur teilweise. Im Spiel gegen Portugal konnte man sehen, wie erfolgreich eine Mannschaft spielen kann, wenn der Chef nicht dauernd von der Seite reinredet. Und gegen die Türken war das deutsche Spiel anfangs pure Überheblichkeit.

Warum eigentlich?

Weil die Mannschaft der große Favorit war. Und hohe Erfolgswahrscheinlichkeit geht häufig mit fehlendem Siegeswillen einher. Da fehlt dann einfach die Spannung.

Erfolg verhindert Erfolg?

Die Gefahr besteht, im Sport wie auch in der Wirtschaft. Wer anderen Firmen überlegen ist, hat es schwer, spannende Ziele zu entwickeln, für die einzusetzen sich lohnt. Erfolg macht lernbehindert.

Marktführer sein ist auch nicht einfach, wollen Sie sagen.

Schauen Sie sich Nixdorf an, Grundig, AEG oder IBM. Die wurden alle Opfer ihrer Erfolgsgeschichte. Dann wird man träge und verliert die Spannung. Auch für die Fußballfans. Die Bundesliga-Stadien sind 30 Prozent leerer, wenn die Fans glauben, dass ihre Mannschaft schon als Sieger feststeht.

Das muss Hoffnungen aufs Endspiel machen, nachdem jetzt die Favoritenrolle der Deutschen angekratzt ist.

Ja, nach der spielerisch desaströsen Veranstaltung gegen die Türkei sind die Aussichten im Finale nun gut.

Das Endergebnis am Sonntag?

Die Deutschen werden gewinnen. Aber eine Herzkammer von mir schlägt auch für den alten spanischen Trainer mit seiner jungen Mannschaft und ihrem modernen Fußball.

Das Gespräch führte Thiemo Heeg.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Campus/Mareike Foecking

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