Porträt: Nicholas Oppenheimer

Der Diamantenkönig

Von Bettina Schulz

Herr über Handel mit Diamanten: Nicholas Oppenheimer

Herr über Handel mit Diamanten: Nicholas Oppenheimer

26. Oktober 2006 Über drei Generationen hat die Familie Oppenheimer den Minenkonzern De Beers und damit den Diamantenhandel der Welt beherrscht. Die Oppenheimer sind in Südafrika zu einer der reichsten Familien aufgestiegen. Aber Familienoberhaupt Nicky F. Oppenheimer, Chairman des Konzerns De Beers, wird heute mit den Konsequenzen der Geschichte konfrontiert. Er mußte in den vergangenen Jahren eine veränderte Geschäftspolitik einleiten, die De Beers zwar für die Zukunft rüstet, gleichzeitig aber Machtverlust für das Unternehmen und die Familie Oppenheimer bedeutet. Gleichzeitig kämpft Oppenheimer um das Ansehen der Diamantenindustrie.

Gemeinsam mit der Regierung Tansanias forciert De Beers ein Projekt, um dort bitterarmen Arbeitern unter die Arme zu greifen, die an Flußufern nach Diamanten suchen. 1,3 Millionen dieser "informellen" Arbeiter durchwühlen unkontrollierte Flußgebiete in Tansania, Sierra Leone, Angola und Kongo nach ausgespülten Diamanten. Sie werden rücksichtslos ausgebeutet und leben in tiefster Armut.

Ein wunder Punkt für die Branche

Oppenheimer weiß, daß dies ein wunder Punkt für die gesamte Branche ist: "Wir können nicht einfach danebenstehen und zusehen, auch wenn De Beers nichts mit dieser Art von Diamantensuche zu tun hat."

De Beers gewinnt seine Rohdiamanten aus offiziellen Minen in Südafrika, Botswana, Namibia und Tansania. Aber Oppenheimer ist um den Ruf der Industrie besorgt, denn schließlich will De Beers die Nachfrage nach Diamanten in Indien und China ankurbeln, und da schadet negative Publizität.

„Blood Diamond“ - Rache der Vergangenheit

Mißstände in der Diamantenindustrie sind gefährlich für die Reputation, und selbst Fehler der Vergangenheit rächen sich heute. Dies wird sich Weihnachten zeigen, wenn aus Hollywood der Film "Blood Diamond" in die Kinos kommt.

Der Film mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle spielt während des blutigen Bürgerkriegs in Sierra Leone Ende der neunziger Jahre. Damals finanzierten die Guerrillas ihren Kampf mit dem Verkauf illegal geschürfter Rohdiamanten.

Da De Beers über Jahrzehnte den weltweiten Handel in Rohdiamanten beherrschte, wird der Konzern für das blutige Geschäft dieser "Konfliktdiamanten" mitverantwortlich gemacht, obwohl De Beers von Sierra Leone schon seit 1985 keine Steine mehr bezieht.

Der Diamantenhandel hat sich verändert

Oppenheimer ist frustriert, daß die Öffentlichkeit nicht wahrnimmt, daß sich der Diamantenhandel verändert hat. Im Jahr 2003 verpflichtete sich die weltweite Diamantenindustrie, nur noch legal geschürfte und mit entsprechenden Zertifikaten versehene Steine anzufassen.

Dieses Kontrollsystem, genannt Kimberley-Prozeß, wurde mittlerweile von 67 Staaten ratifiziert. "Aus dem Elend des Bürgerkrieges in Sierra Leone ist ja gerade der Kimberleyprozeß entstanden", sagt Oppenheimer.

Zahl der „Blutdiamanten“ nimmt ab

Freilich sind De Beers und die Branche mit schuld, daß der Kimberleyprozeß der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Aus Sorge um ihr Image hängte die Branche den Kimberley- Prozeß nie an die große Glocke. "Wir haben immer gedacht, solange wir stillschweigend unser Geschäft korrekt abwickeln, reicht das", sagt Oppenheimer rückblickend. "Aber ich bin heute auch der Meinung, daß man stärker an die Öffentlichkeit muß. Dann kommt man zwar auf den Prüfstand. Aber es geht heute nicht mehr anders."

Er macht gute Miene zum bösen Spiel: "Der Film gibt uns wenigstens die Gelegenheit, aufzuklären." Der Handel der sogenannten "Blutdiamanten" ist seither von 4 auf 0,2 Prozent des Welthandels geschrumpft. Illegal geschürfte Diamanten kommen heute nur noch aus einer Region im Norden der Elfenbeinküste.

De Beers öffnet seinen Hochsicherheitstrakt

"Der Kimberley-Prozeß ist ein riesiger Erfolg, der völlig unterschätzt wird", sagt Oppenheimer und deutet an, daß die Verhandlungen auch für De Beers eine Überwindung der ehemals sehr verschlossenen Geschäftspolitik der Oppenheimers waren. "Wir haben uns da mit Regierungen und Nichtregierungsorganisationen an einen Verhandlungstisch gesetzt - das hätten wir früher nie getan."

Aber Oppenheimer erkennt, daß sich De Beers öffnen muß - mit der bevorstehenden Publizität des Films um so mehr. Und so öffnete der sonst so verschwiegene Konzern in diesen Wochen seinen Hochsicherheitstrakt im Londoner Hauptquartier.

Journalisten durften Diamanten durchwühlen

Täglich sortieren dort Mitarbeiter Hunderte von Rohdiamanten. In einem Saal, in dem jeder Zentimeter mit Kameras überwacht wird und abends jeder Staubsaugerbeutel gefiltert wird, ließ De Beers Journalisten durch ganze Haufen von Rohdiamanten wühlen, und Oppenheimer, der wenig von Eigenpublizität hält, stand Rede und Antwort.

Oppenheimer sieht De Beers an vielen Fronten mit Vorwürfen konfrontiert. Vergangenes Jahr waren es die Demonstrationen der Nichtregierungsorganisation "Survival International", die aus Anlaß einer Londoner Diamantenausstellung zum Boykott von De Beers aufrief.

Oppenheim, ein selbstbwußter Afrikaner

Die Vorwürfe: De Beers habe in Botswana die Schürfrechte im Nationalpark Central Kalahari Game Reserve, nachdem die Muttergesellschaft von De Beers, Anglo American, dort bei Probebohrungen Diamanten gefunden hätten. Seither würden die dort lebenden Buschmänner von der Regierung umgesiedelt. Oppenheimer sagt, die Umsiedlung habe nichts mit den Schürfrechten zu tun, und das wisse Survival International genau.

Oppenheimer ist in Johannesburg geboren, hat zwar in Oxford studiert, aber bezeichnet sich selbstbewußt als Afrikaner. Er ist stolz darauf, daß der De-Beers-Fonds Millionen in soziale und medizinische Hilfsprojekte pumpt. Und so ärgert sich der Manager darüber, daß nicht anerkannt wird, welch Reichtum die Diamantenindustrie Botswana und Namibia bringt. "Das sind afrikanische Erfolgsgeschichten. Die Diamantenindustrie ist dort größter Arbeitgeber, finanziert Schulen, Krankenhäuser und Medikamente gegen Aids. Wir hoffen, daß wir diesen Erfolg auch nach Angola bringen können", sagt Oppenheimer. Er ist verärgert darüber, daß Afrika immer als ausgebeuteter, auf Almosen angewiesener Kontinent dargestellt wird.

„Der Norden interessiert sich für Afrika nicht“

Am meisten hat ihn die Kampagne von Bob Geldof "Make Poverty History" gereizt. "Ich mag gönnerhafte Spenden für Afrika nicht. Sie sind für die Fehlschläge in Ruanda und Burundi verantwortlich. Es wäre viel besser, die Weißen im Norden würden die Ärmel aufkrempeln und sich in Afrika mit Projekten engagieren", kritisiert Oppenheimer, der in diesem Fall kein Blatt vor den Mund nimmt. "Aber der Norden interessiert sich nicht für Afrika. Da werden die Schulden erlassen und Spenden erteilt, und dann dreht man sich um und kümmert sich um Indien und China."

Dabei glaubt Oppenheimer an die Zukunft Afrikas: "Ich habe heute ein besseres Gefühl, was die Entwicklung in Afrika angeht, als ich es je hatte. Wenn die Welt Afrika nicht immer nur als einen großen, unterentwickelten Kontinent ansehen würde, wäre schon viel gewonnen."

Die Schwarzen holen sich Einfluß zurück

Der wirtschaftliche und soziale Wandel vor allem in Südafrika hat freilich auch Konsequenzen für De Beers und die Familie Oppenheimer. Die Schwarzen holen sich den Einfluß zurück, der ihnen über Jahrzehnte während bitterer Ausbeutung und Diskriminierung im Regime der Apartheid vorenthalten wurde.

Niemand hat dies so kraß erlebt wie Oppenheimer selbst, dessen Sohn Jonathan seinen Stuhl als Chef der südafrikanischen De Beers Consolidated Mines (DBCM) im vergangenen Jahr räumen mußte, um erstmals einen Schwarzen an die Spitze des Unternehmens aufrücken zu lassen. "David Noko ist ein exzellenter Fachmann des Bergbaus, und daher ist das auch besser so", sagt Nicky Oppenheimer gesichtswahrend.

Bisher hatte Oppenheimer De Beers wie ein Familienunternehmen geführt. Die Oppenheimers sind mit 40 Prozent direkt an De Beers beteiligt und über Anglo American auch indirekt engagiert.

Der letzte, der die Macht voll ausgekostet hat

Im vergangenen Jahr wurde Oppenheimer durch die Anforderungen des Black Economic Empowerment (BEE) gezwungen, Eigentumsrechte an De Beers abzugeben. 26 Prozent verkaufte er an schwarze Investoren, Mitarbeiter und Pensionäre. Oppenheimer ist dieser Schritt zunächst nicht leichtgefallen: "Es ist schon hart, wenn dies einfach so gefordert wird. Aber es war unausweichlich."

Heute ist Oppenheimer stolz auf die Einigung. "Es ist der richtige Weg für Südafrika und für jedes Unternehmen, das dort operieren will." Oppenheimer verkörpert die letzte Generation der Familie, die noch die volle Macht von De Beers ausgekostet hat, jetzt aber pragmatische Einschnitte hinnehmen muß.

„Nur“ noch 40 Prozent des Weltmarktes

Bis vor wenigen Jahren kontrollierte De Beers noch zwei Drittel des Weltangebotes von Rohdiamanten mit maßgeblichem Einfluß auf die Preisgestaltung. Doch dies ließ sich angesichts des amerikanischen und europäischen Wettbewerbsrechts nicht länger aufrechterhalten.

Über viele Jahre durfte Nicky Oppenheimer nicht einmal in die Vereinigten Staaten reisen, weil er dort sonst festgenommen worden wäre. Heute darf der Unternehmer wieder nach Amerika fliegen. De Beers hat seine marktbeherrschende Einkaufs- und Preispolitik aufgegeben.

Die eigene Produktion von De Beers macht "nur" noch 40 Prozent des Weltmarktes aus. Oppenheimer schmunzelt, wenn er daran denkt, daß De Beers in Israel immer noch als das "Syndikat" bezeichnet wird. "Das stammt noch aus den Zeiten meines Großvaters. Seither haben sich die Dinge gründlich geändert."



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.10.2006, Nr. 42 / Seite 48
Bildmaterial: AP

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