21. März 2007 Der Essener Einzelhandelskonzern Karstadt-Quelle will seine schwächelnde Versandhandelssparte mit der Rückkehr ins Einkaufsfernsehen aufpäppeln. Wie in Branchenkreisen zu hören ist, führt Karstadt Verhandlungen zum Kauf des Münchner Einkaufsenders Home Shopping Europe (HSE). Dessen bisherige Eigentümer, der amerikanische Medienunternehmer Barry Diller und seine Interactive Corp., sind verkaufsbereit und haben Karstadt vorerst Exklusivverhandlungen eingeräumt. Karstadt-Chef Thomas Middelhoff verfolgt das Projekt bereits seit einigen Monaten. Zudem sollen auch Finanzinvestoren Interesse an dem Sender signalisiert haben.
Dem Vernehmen nach hat Karstadt bereits eine Unternehmensprüfung (Due Diligence) bei HSE durchgeführt. In Branchenkreisen heißt es, eine Einigung zwischen Diller und Middelhoff sei wahrscheinlich, gleichwohl wird ein Scheitern der Verhandlungen nicht ausgeschlossen. Als Kaufpreis soll ein Betrag im unteren dreistelligen Millionenbereich im Gespräch sein. Die finanziellen Möglichkeiten dafür dürfte Karstadt haben, hat das Unternehmen doch vor kurzem seinen umfangreichen Immobilienbesitz verkauft und sich damit entschuldet. Ein Karstadt-Sprecher und HSE-Geschäftsführer Konrad Hilbers wollten sich allerdings nicht zu dem Thema äußern.
Unter der Versandhandelsmarke Quelle weiterführen
Karstadt war schon einmal Gesellschafter bei HSE, dem zweitgrößten deutschen Einkaufskanal. Die Versandsparte Quelle hatte 1995 und damit vor der Fusion mit Karstadt den Sender mit gegründet. Im Februar 2005 verkaufte jedoch der damalige Konzernchef Christoph Achenbach den Anteil von zuletzt 10 Prozent an den Mitgesellschafter Interactive Corp., um Geld für den in Existenznot geratenen Handelskonzern zu beschaffen.
Der heutige Karstadt-Chef Middelhoff ist dagegen dem Mediengeschäft sehr viel stärker zugetan. Er war früher Vorstandsvorsitzender des Gütersloher Medienkonzerns Bertelsmann. Aus dieser Zeit kennt er auch HSE-Geschäftsführer Hilbers, ebenfalls Ex-Bertelsmann und zeitweise Chef der Online-Musikbörse Napster.
Erwartet wird, dass HSE im Falle des Zuschlags für Karstadt einen neuen Namen bekommt und unter der Versandhandelsmarke Quelle weitergeführt würde. Das Einkauffernsehen ist mit einem Anteil von rund 5 Prozent ein Nischensegment im deutschen Versandhandel, doch zumindest der Düsseldorfer Marktführer QVC ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich und stark gewachsen. HSE war in den neunziger Jahren unter dem früheren Namen Hot zwar Branchenpionier in Deutschland, ist jedoch ins Hintertreffen geraten. Verkauft werden im Einkaufsfernsehen vor allem Schmuck, Kosmetik und Sportartikel.
Rückgang der Reichweite im Kabelfernsehen
Im vergangenen Jahr litt HSE anders als QVC und der kleinere Rivale RTL Shop unter schrumpfenden Erlösen. Der Nettoumsatz ist nach Angaben von Geschäftsführer Hilbers um 6 Prozent auf 286 Millionen Euro gesunken. Der operative Gewinn (Ebitda) liege stabil im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. HSE hat nach eigenen Angaben rund 1,3 Millionen aktive Kunden, die mindestens einmal jährlich kaufen. Hilbers ist gleichwohl zuversichtlich: Wir peilen für dieses und die folgenden Jahre ein Wachstum von jeweils 10 Prozent an. Das Unternehmen beschäftigt intern rund 460 Mitarbeiter. Hinzu kommen rund 1500 Beschäftigte bei externen Dienstleistern.
Für das Umsatzminus macht Hilbers nicht zuletzt einen Rückgang der Programmverbreitung (Reichweite) im Kabelfernsehen verantwortlich: Wir haben seit Mitte 2005 insgesamt 2,5 Millionen Kabelhaushalte verloren, sagt der HSE-Chef. Grund sei die stufenweise Umstellung der Netze durch die Kabelbetreiber auf Digitalempfang. Dabei fallen analoge Sendeplätze häufig zu Lasten kleiner Sender weg. HSE traf dies etwa in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Mittlerweile sieht Hilbers aber das Ende der Rückgänge erreicht: Wir rechnen damit, dass unsere Reichweite jetzt stabil bleibt, sagt er. HSE setzt außerdem auch auf das noch junge Internetfernsehen (IP-TV) und den Online-Vertrieb.
Text: F.A.Z., 21.03.2007, Nr. 68 / Seite 17
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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