
Das amerikanische Unternehmen Applied Materials setzt auf Solarzellen. So will sich der Fabrikausrüster neben dem klassischen Geschäft mit der Chip- und Bildschirmindustrie einen weiteren lukrativen Wachstumsmarkt erschließen. Mit dem Vorstandsvorsitzenden Michael Splinter sprach Stephan Finsterbusch.
Sie haben in den vergangenen zwei Jahren etwa 1,3 Milliarden Dollar für den Einstieg in die Photovoltaik investiert. Warum?
Wir waren auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern. Vor 40 Jahren starteten wir als Ausrüster für die großen Chipfabriken und sind hier seitdem sehr erfolgreich. Vor 20 Jahren tat sich mit der rasanten Entwicklung in der Bildschirmtechnik ein weiteres lukratives Geschäftsfeld auf. Vor etwas mehr als zwei Jahren stiegen wir schließlich in die Photovoltaik ein, um unsere Angebotspalette als Ausrüster für Hochtechnologiefabriken einmal mehr zu vergrößern und neue Wachstumsmöglichkeiten zu erschließen.
Und nun glauben Sie, die gefunden zu haben?
Ja, das haben wir. Durch die jüngst steigenden Rohstoffpreise, die auf allen Kontinenten rasant wachsende Nachfrage nach Energie und die wachsende Sensibilität für den Umweltschutz konnten wir unsere Produktlinie für die beiden wichtigsten Marktsegmente der Solarzellenindustrie, der Dünnschicht- und Kristallintechnologie, ausbauen. Wir stellen uns so breit wie nötig auf und zielen darauf, nicht nur der technisch wichtigste Ausrüster, sondern auch der Marktführer der Industrie zu werden. So wollen wir bis 2010 den Umsatz von heute 750 Millionen Dollar auf 2,5 bis 3,5 Milliarden Dollar steigern und mit einer operativen Gewinnspanne von 25 Prozent arbeiten.
Davon sind Sie aber noch ein gutes Stück entfernt. Von den vier Konzernbereichen ist die Energie- und Umwelt-sparte nicht nur die am Umsatz gemessen kleinste, sie ist auch die einzige mit Verlust. Wann wird sich das ändern?
Wer verdienen will, muss erst einmal investieren - und wir haben in der Sparte recht ordentlich investiert. So kauften wir im vergangenen Jahr den italienischen Testsystemhersteller Baccini und den Schweizer Präzisionssystemhersteller HCT Shaping. Im Jahr zuvor erwarben wir den Beschichtungsspezialisten Applied Films. Das brachte uns als Ausrüster für die Solarindustrie in der Branche weit nach vorn, kostete aber auch viel Geld. Das lastet nun erst einmal auf der Gewinnrechnung. Dennoch sehen wir uns voll im Plan. Auch haben wir als Ausrüster über die vergangenen Jahrzehnte wichtige Erfahrungen gesammelt, die wir heute gut einsetzen können.
Wann also wird die Sparte mit Gewinn arbeiten?
Vom kommenden Geschäftsjahr an wird sie im Plus sein.
Werden Sie dann Ihre Einkaufstour unter den Ausrüstern fortsetzen?
Weitere Zukäufe will und kann ich nicht ausschließen. Sie stehen aber momentan nicht sehr weit oben auf unserer Agenda. Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf den Ausbau der bestehenden Geschäfte. Bis Ende 2009 werden wir 13 neue Fabriken ausgerüstet haben. In acht dieser Fabriken sind wir gerade dabei, sie mit Maschinen zu bestücken.
Wo sehen Sie das größte Wachstumspotential für die Photovoltaik?
Solarzellen auf Basis der Dünnschicht-Technologie haben der Branche zu einem zweiten großen Boom verholfen. Das Verfahren ist durch das Auftragen hauchdünner Siliziumschichten auf preisgünstige Trägermaterialien wie Glas, Metall oder Kunststoff nicht nur materialsparender als die herkömmliche silizium-wafer-basierende Technik. Es scheint auch mehr Möglichkeiten für die Weiterentwicklung zu haben.
Noch haben klassische Solarzellen mit 16 Prozent einen doppelt so hohen Wirkungsgrad wie Dünnschichtzellen. Glauben Sie, dass diese Lücke bald geschlossen werden kann?
Die Technologie der Dünnschichtzellen macht rasche Fortschritte. In spätestens zwei Jahren werden sie einen Wirkungsgrad von 10 Prozent haben. Die Lücke zu kristallinen Waferzellen werden sie in naher Zukunft aber kaum schließen können. Denn auch Waferzellen werden weiterentwickelt. Das müssen sie auch. Denn wir brauchen so effiziente Zellen wie möglich. Dabei dürfen der Aufwand und Ertrag nicht aus dem Auge verloren werden.
Was heißt das für die Kunden?
Kristalline Siliziumwaferzellen sind zwar effizienter, doch auch teurer als Dünnschichtzellen. Das ruft nach unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten. Dünnschichtzellen haben Sinn, wenn sie großflächig eingesetzt werden; Waferzellen, wenn ein Maximum an Output auf kleinen Flächen zu liefern ist. In beiden Bereichen forschen wir sehr intensiv. Wir investieren eine Summe von 12 und 14 Prozent unseres jährlichen Konzernumsatzes in die Entwicklung, ein guter Teil davon kommt bei der Photovoltaik an.
Dennoch gehört die Photovoltaik zu einer der staatlicherseits am höchsten subventionierten Industrien, ob Europa, Asien oder Amerika. Muss das sein?
Ja, das muss sein. Jedenfalls noch über die kommenden 3 bis 5 Jahre. Innerhalb dieses Zeitraums müssen die Kosten gesenkt, die Skaleneffekte erhöht und die Industrie groß genug gemacht sein, um auf eigenen Beinen stehen zu können. Schauen Sie, es gibt Schätzungen der Internationalen Energie Agentur, die davon ausgehen, dass über die kommenden Jahrzehnte 45 Billionen Dollar in alternative Ressourcen zu investieren sind, um dem Energiebedarf in der Welt nachzukommen. Das ist eine unvorstellbar hohe Summe. Doch sie scheint notwendig zu sein. Denn ohne Energie geht gar nichts. Wohin sich aber der Ölpreis bewegt, weiß niemand; wie sicher die Beschaffung der klassischen fossilen Energieträger ist, weiß auch niemand; von was wir ausgehen können, ist, dass die Kosten für Solarenergie dank der steigenden Nachfrage und der technischen Entwicklung sinken.
Wie viel des Weltenergiebedarfs wird die Photovoltaik Ende des kommenden Jahrzehnts abdecken können?
Heute ist es vielleicht 0,1 Prozent. Im Jahr 2020 könnten es 10 Prozent sein. Um diesen Sprung zu schaffen, braucht die Branche die Unterstützung der Regierungen. Die Gesetzesänderungen der vergangenen Jahre zugunsten erneuerbarer Energien in Ländern wie Deutschland, Amerika, Korea oder Indien haben einiges auf den Weg gebracht. Mit Blick auf den Umweltschutz, die Energiesicherheit und den riesigen Investitionsbedarf reicht das aber noch nicht aus.
Wann werden sich die Investitionen in die massenhafte Anwendung einer solchen Technologie denn auszahlen?
Man kann sich da nicht auf ein Jahr festlegen. Fest steht aber, es wird sich auszahlen. In Regionen wie Süditalien, Nordafrika oder Südspanien, wo die Strompreise schon heute sehr hoch sind und die Sonne im Jahr mindestens 2000 Stunden scheint, wird sich der Einsatz von Solarzellen früher rechnen als in Texas, Kalifornien oder Arizona, wo die Sonne zwar ebenso oft scheint, die Preise für Strom aber immer noch deutlich niedriger sind.
Das Gespräch führte Stephan Finsterbusch.
F.A.Z.