Konzern verlangt Schadenersatz

Siemens' langer Marsch aus der Schmiergeldaffäre

Von Carsten Knop

Hatten die Anwälte noch beauftragt: Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld

Hatten die Anwälte noch beauftragt: Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld

30. Juli 2008 Es geht um Untreue, Korruption, um Geldwäsche und Steuerhinterziehung — oder, mit anderen Worten, um den größten Schmiergeldskandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte: 1,3 Milliarden Euro sind aus dem Hause Siemens in dunklen Kanälen verschwunden. Staatsanwälte ermitteln schon seit Jahren. Nach einer Razzia Ende 2006 hat der Konzern ganze Heerscharen gutbezahlter, vorwiegend amerikanischer Anwälte auf den Fall angesetzt.

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC soll durch die hausinternen Untersuchungen milde gestimmt werden. Die Anwälte wurden noch von zwei Managern beauftragt, denen der Aufsichtsrat des früher von ihnen geführten Unternehmens nun mit einer Klage auf Schadensersatz droht: Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld. Die Forderung nach Schadensersatz richtet sich zudem gegen neun weitere ehemalige Mitglieder des Siemens-Vorstands.

Es bleibt weiter offen, worauf sich die Vorwürfe stützen

Wohlgemerkt: Es handelt sich noch nicht um Klagen. Den Betroffenen wird zunächst Gelegenheit gegeben, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Auch über die Höhe der Ansprüche wird bisher nichts gesagt.

Zum Börsenkurs

Damit bleibt weiter offen, was den einstigen Führungskräften konkret vorgeworfen wird, worauf sich der Vorwurf stützt, sie hätten ihre Organisations- und Aufsichtspflichten verletzt. Es mag ja etwas gegen sie vorliegen. Aber nach vielen Monaten der Untersuchungen, der Durchforstung zahlloser Unterlagen und E-Mails und einem abgeschlossenen Gerichtsverfahren bleibt alles weiter im Raum der Spekulationen.

770 Millionen Euro haben die Untersuchungen bislang gekostet

Der Aufsichtsrat um seinen Vorsitzenden Gerhard Cromme hatte stets die Erwartung geweckt, man werde schneller zu greifbaren Ergebnissen kommen – auch öffentlich, etwa auf der jüngsten Hauptversammlung. Tatsächlich aber haben die 770 Millionen Euro, die Siemens schon für die Untersuchungen ausgegeben hat, bisher kaum etwas Greifbares gebracht. Für das viele Geld erhält der Beobachter vorerst nur einen tiefen Einblick in die menschlichen Abgründe der deutschen Manager-Elite.

Siemens sollte nun alles versuchen, um mit den amerikanischen Behörden so schnell wie möglich einen Vergleich zu schließen. Aber auch das kann noch Monate dauern. Woher nimmt nur der amerikanische Konzern Alcoa seine Zuversicht, der ebenfalls unter der Aufsicht der SEC steht? Denn der hat Kleinfeld längst zu seinem neuen Chef gemacht.


Die früheren Zentralvorstände: (oben, l-r) Johannes Feldmayer, Thomas Ganswin...
Die früheren Zentralvorstände: (oben, l-r) Johannes Feldmayer, Thomas Ganswindt, Edward G. Krubasik, Jürgen Radomski, (unten, l-r) Rudi Lamprecht, Heinz-Joachim Neubürger, Klaus Wucherer und Uriel Sharef; nicht abgebildet: Günter Wilhelm



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS

Im Porträt: Klaus Kleinfeld

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Der gebürtige Bremer hat sich aus einfachen Verhältnissen ganz nach oben gearbeitet. Doch an der Spitze des Elektrokonzerns stand er nur kurz. Kein Siemens-Chef in der 160-jährigen Firmengeschichte musste seinen Platz so schnell wieder räumen wie Klaus Kleinfeld.

Im Porträt: Heinrich von Pierer

Absturz eines Industriekapitäns

Er führte Siemens mehr als ein Jahrzehnt lang, von 1992 bis 2005. Den Chefposten in dem Elektronikkonzern bezeichnete er einmal als den „schönsten Job“ der Welt. Jetzt fordert seine Traumfirma von ihm Schadenersatz im Rahmen der Korruptionsaffäre.

Pierer, Kleinfeld und weitere Topmanager

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„Deutsch bis ins Mark“ nennt der Schriftsteller Martin Walser die Angewohnheit, Manager an den Pranger zu nehmen. Deshalb nimmt er den ehemaligen Siemens-Chef Heinrich von Pierer vor dem Urteil im Schmiergeld-Prozess in Schutz und erklärt Korruption für eine lässliche Sünde. Von Edo Reents

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