Von Marcus Theurer
07. Juni 2007 Der kommende Montag ist für Tausende Allianz-Mitarbeiter in Deutschland der Tag der Wahrheit. Wenn sie morgens im Büro den Computer anschalten, werden sie die Post von der Geschäftsleitung vorfinden, auf die sie seit Monaten warten: Jeder Einzelne bekommt eine Liste von Arbeitsplätzen, auf die er sich bewerben kann. Drei Wochen Bedenkzeit räumt das Unternehmen den Mitarbeitern ein. In ganz Deutschland sind nach Allianz-Angaben deutlich mehr als die Hälfte der rund 13.000 Mitarbeiter in den vier sogenannten Dienstleistungsgebieten zwischen Hamburg und München von der intern SBZ – Stellenbesetzungsverfahren – genannten Mammutaktion betroffen. Auch Führungskräfte wie Gruppen- und Referatsleiter erhalten am Montag die elektronische Aufforderung zur Bewerbung.
Unter dem blauen Allianz-Adler beginnt sich ein gewaltiges Stellenkarussell zu drehen, und am Ende wird der größte deutsche Versicherer in seinem Heimatmarkt rund 5700 Mitarbeiter weniger beschäftigen als bisher. Jeder fünfte Arbeitsplatz entfällt damit. Was der Münchner Finanzkonzern anstrebt und seit Monaten minutiös vorbereitet, ist eines der größten Arbeitsplatzprogramme, die es in der deutschen Wirtschaft bisher gegeben hat.
Qualifikation und soziale Kriterien
Zugeteilt werden die Stellen nach Qualifikation und sozialen Kriterien wie Dauer der Betriebszugehörigkeit und Lebensalter. Gehaltseinbußen soll es nicht geben. Weil sich die meisten Mitarbeiter vermutlich auf rund zehn Stellen gleichzeitig bewerben, wird es Monate dauern, bis auch der letzte Klarheit hat, ob und wo er in Zukunft in der Allianz noch einen Arbeitsplatz hat.
Dass die Allianz trotz Rekordgewinnen in ihrem profitabel arbeitenden deutschen Versicherungsgeschäft stark kürzt, schlug bei der Ankündigung im vergangenen Sommer hohe Wellen. Für die Mitarbeiter war die Nachricht ein Schock. Zwar rollten durch die deutschen Großbanken schon vor Jahren die Sparwellen. Doch die Allianz-Mitarbeiter in der Frankfurter Niederlassung am Mainufer, im Stuttgarter Büroturm der Allianz Leben und im Allianz-Block am Kölner Ring wähnten sich in Sicherheit. Wer einen Arbeitsplatz bei der größten deutschen Assekuranz hatte, galt als quasi verbeamtet. Diese Zeiten sind nun vorbei.
Kürzungsprogramm erreicht die Büroflure
Aus den Schlagzeilen ist der von Allianz-Vorstandschef Michael Diekmann angestoßene Großumbau längst verschwunden. Aber tatsächlich erreicht das Kürzungsprogramm die Büroflure der Allianz-Sachbearbeiter in Frankfurt, Köln, Stuttgart und anderswo erst jetzt. Die Mitarbeiter haben, was ihre persönliche Zukunft angeht, seit Ende letzten Jahres nichts Neues mehr von der Geschäftsleitung gehört“, sagt Thomas Kroschwitz, Betriebsratchef der Allianz in Frankfurt.
Schon lange klar ist allerdings: Am Main zum Beispiel wird es in Zukunft statt mehr als 1600 Arbeitsplätzen nur noch halb so viele geben. Ein großer Teil der Arbeit wandert nach Stuttgart ab. In Frankfurt bleibt vor allem die Kraftfahrzeugsparte. Wenn in der kommenden Woche die Stellenofferten an die Mitarbeiter gehen, werden deshalb viele Angebote mit einem Ortswechsel verbunden sein. Ähnlich sieht es an anderen großen Standorten wie in Köln aus. Die Niederlassung in der Domstadt sollte ursprünglich fast vollständig geschlossen werden. Nach heftigen Protesten der Mitarbeiter will die Allianz zumindest 430 von 1100 Verwaltungsstellen erhalten.
Breite Masse vom Sinn des Umbaus nicht überzeugt
Der Versicherungsriese sortiert sich im Inland fast komplett neu. Die gesamte schriftliche Kundenpost zum Beispiel soll in Zukunft von einem neuen Posteingangszentrum in Berlin bearbeitet werden. Anrufer aus ganz Deutschland werden zum neuen zentralen Call-Center nach Leipzig umgeleitet. Umstellen muss sich fast jeder Mitarbeiter. Das ist weniger ein Abbauprogramm als ein gewaltiger Veränderungsvorgang quer durch das Unternehmen“, sagt Allianz-Manager Alexander Gebauer. Der Jurist ist als Zentralbereichsleiter Personal der Stellwerkleiter im großen Arbeitsplatzverschiebebahnhof des Finanzkonzerns.
Die breite Masse der Mitarbeiter unterdessen ist, wie eine interne Belegschaftsumfrage der Allianz zeigt, vom Sinn des Umbauvorhabens nach wie vor nicht überzeugt. Personalmanager Gebauer versucht, die Befürchtungen der verunsicherten Beschäftigten zu dämpfen. Trotz der einschneidenden Stellenkürzungen in Niederlassungen wie Köln und Frankfurt seien die Auswirkungen weniger schwerwiegend, als von vielen befürchtet. Wir sind sehr zuversichtlich, dass der Stellenüberhang an den meisten Standorten nicht allzu hoch ausfällt“, sagt Gebauer. Zahlen nennt er nicht.
In manchen Abteilungen herrscht Land unter
Mehr als die Hälfte des gesamten Stellenabbaus hat die Allianz nach eigenen Angaben schon bewältigt. Ältere Kollegen, aber auch junge Mitarbeiter nehmen die vom Konzern angebotene Abfindung an und kehren dem Unternehmen den Rücken. Das führt offenbar auch zu Engpässen. Das Problem: Die neue Allianz-Organisation wird erst in den kommenden Jahren voll funktionsfähig sein, doch viele Mitarbeiter sind schon heute weg.
In manchen Abteilungen herrscht Land unter, da ist nur noch die Hälfte der Leute an Bord“, sagt ein Mitarbeiter aus der Frankfurter Sachversicherung. Bisher allerdings kann die Allianz den Aderlass offenbar verkraften. Der Betrieb läuft noch erstaunlich gut“, sagt Betriebsrat Kroschwitz. Die Kundschaft bekomme vom Großumbau wenig mit. Wir spüren keine wachsende Unzufriedenheit der Kunden“, versichert Personalmanager Gebauer. Er hat derweil einen arbeitsreichen Sommer vor sich, soll er doch das umfangreiche Abbauprogramm möglichst zügig durchziehen: Wir nehmen uns vor, dass bis Jahresende jeder Mitarbeiter weiß, welche Stelle er in Zukunft hat.“
Belegschaft zweifelt
Die Allianz hat ein Jahr nach Ankündigung ihres Großumbaus die Mehrheit der Mitarbeiter nicht hinter sich. Dies zeigt eine interne Befragung des Versicherers, die der F.A.Z. vorliegt. Die im ersten Quartal im Auftrag des Vorstands der Allianz Deutschland AG vorgenommene, repräsentative Umfrage ergab, dass 63 Prozent der Mitarbeiter ohne Führungsfunktion nicht von den Umbauplänen überzeugt sind. Die Mitarbeiterebene ist bislang noch nicht ausreichend erreicht, heißt es dazu in der Analyse der Befragung. Auch in den unteren Führungsebenen der Gruppen- und Referatsleiter sehen 42 Prozent der Befragten den Umbau skeptisch. In den höheren Managementebenen überwiegt dagegen klar die Zustimmung. An der anonymen Umfrage, die erstmals durchgeführt wurde, nahmen knapp 15.000 Allianz-Beschäftigte teil.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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