Bertelsmann-Stiftung

„Wir hätten gern ein bisschen Konkurrenz“

Von Heike Goebel

Gunter Thielen: „Die Stiftung ist im Aufbruch”

Gunter Thielen: „Die Stiftung ist im Aufbruch”

28. April 2008 Von Gütersloh nach Peking? Diesen Sprung aus der ostwestfälischen Provinz hat der Medienkonzern Bertelsmann vor 18 Jahren vollzogen. Unter ihrem neuen Vorstandschef Gunter Thielen will die Stiftung folgen: Auch sie zieht es hinaus, gerade ist ein Büro in Washington eröffnet worden, die Brüsseler Repräsentanz wird kräftig aufgestockt. Und in etwa eineinhalb Jahren will die Stiftung in Peking einen Brückenkopf in Asien schaffen. Thielen will die Stiftung deutlich sichtbar ausrichten auf die Welt von morgen. Alles, was global passiert, schlage auf Deutschland zurück. „Deutschland kann nicht mal allein dafür sorgen, dass der Rhein sauber wird“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Also müsse die Stiftung dem Konzern folgen, sich umschauen, was die Globalisierung für Deutschland bedeute. An diesem Beispiel könne man schon sehen, dass der Vorwurf, die Stiftung spiele den Türöffner für den Medienkonzern, verfehlt sei. Wenn überhaupt, sei es umgekehrt, sagt Thielen. Als Stiftung im Ausland Fuß zu fassen sei nicht leicht, in Amerika hat man eine Tochterstiftung gegründet. Sie soll sich mit amerikanischen Stiftungen vernetzen und auf den Gebieten europäisch-amerikanischer Beziehungen, Bildung und Migration zusammenarbeiten. „Wir sind der erste europäische Think Tank, der nach Amerika geht“, hebt Thielen hervor.

„Wettbewerb, Freiheit, Solidarität und Menschlichkeit“

Im Lichte der amerikanischen Erfahrungen soll es dann rasch nach Asien gehen. Thielen bevorzugt China. Was will die Bertelsmann Stiftung, die sich zu den Werten „Wettbewerb, Freiheit, Solidarität und Menschlichkeit“ bekennt, in einer Diktatur, die einen Teil der Bevölkerung brutal unterdrückt? Thielen, der im vergangenen Jahr in Tibet war, will die aktuellen Friktionen im Umfeld der Olympischen Spiele nicht überbewerten. Als Ausländer müsse man respektieren, dass die Chinesen, was den Dalai Lama angehe, sehr empfindlich seien. Sie seien aber auch pragmatisch. „Die Chinesen machen ihre Geschäfte weiter, solange es ihnen nutzt“, zeigt er sich zuversichtlich. Was hat die Bertelsmann Stiftung den Chinesen anzubieten? Gemeinsames Interesse sei der demographische Wandel, hier hat die Stiftung viele Studien betrieben und Erfahrung gesammelt. „Die Chinesen altern schneller als wir, wenn wir hier unser Knowhow einbringen, ist die chinesische Regierung sehr einverstanden.“

Doch das ist noch Zukunftsmusik, die Gegenwart spielt in Gütersloh. Hier sitzt die Stiftung in der Carl-Bertelsmann-Straße, gegenüber der Bertelsmann AG. Man blickt aus den lichten Stiftungspavillons auf einen künstlichen See, in der Mitte ein Helikopterlandeplatz, gehätschelte Schwäne ziehen Kreise. Die 330 Mitarbeiter der Stiftung arbeiten fast alle hier. Zwei Jahre kam es zum ungeplanten Interregnum, weil die Stiftung hinter den Interessen des Konzerns zurückstehen musste, der Thielen nach dem plötzlichen Abgang des damaligen Konzernchefs Middelhoff länger brauchte als geplant.

Vorwürfe entkräften

Wohl auch als Folge dieses Vakuums wurde die Stiftung Ende vergangenen Jahres Ziel öffentlicher Kritik. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi warf ihr vor, sie organisiere mit ihren neoliberalen Rezepten und mit Hilfe des Konzerns Stellenabbau im öffentlichen Dienst. Attac und andere warnten vor Einfluss auf die Politik. Intern überwarf sich die Stiftung mit ihrem langjährigen Aushängeschild und Impulsgeber, dem Münchner Politologen Werner Weidenfeld.

Thielen drängt es, die Botschaft zu verkünden, dass die Stiftung diese schwierige Phase hinter sich habe. Man habe die Organisation überprüft, Themenfelder und Projekte sortiert. „Die Stiftung ist im Aufbruch. Wir geben unseren Führungskräften mehr Power.“ Man habe 18 Projekte definiert, rings um den Dreiklang: Menschen fördern, Gesellschaft entwickeln, Teilhabe verbessern. „Die bearbeiten wir jetzt, und zwar ohne Hierarchie.“ Wenn es diese Stiftung nicht gäbe, müsste man sie erfinden, denn ihr Unterscheidungsmerkmal sei die Unabhängigkeit. „Es ist uns egal, wer regiert. Aber wir hätten gerne ein bisschen Konkurrenz. Dann könnten wir uns stärker spezialisieren“, wünscht er sich, auch, weil dies den Vorwurf entkräftete, die Bertelsmann-Stiftung monopolisiere die Politikberatung.

In längeren Zeiträumen denken

Mit den Gewerkschaften rede man wieder, lediglich ein Teil der Verdi-Basis verweigere die Zusammenarbeit. Die Vorbehalte, dass die Stiftung dafür sorge, dass in den Kommunen Personal abgebaut würden, könne man nicht ausräumen. Doch der Ansatz sei ein anderer: Es gehe darum, Wege aufzuzeigen, wie der öffentliche Dienst Kosten einsparen und seine Leistungen verbessern könne, nicht darum, Leute zu entlassen. Braucht die Stiftung, die jährlich rund 60 Millionen Euro zur Verfügung hat, die Gewerkschaften überhaupt? „Auf die Gewerkschaften als Sozialpartner sind Sie angewiesen, wenn Sie in einem wirtschaftlichen Bereich etwas bewegen wollen“, sagt Thielen.

Wie steht es um den Einfluss auf die Politik? „Die Stiftung hat Einfluss, aber nicht im Geheimen oder als Verschwörung“, sagt er. Natürlich gebe die Parallelaufstellung von Stiftung und Medienkonzern besonderen Anlass zu Verdächtigungen und zu Zweifeln an der Gemeinnützigkeit. Das könne man nicht ändern. „Aber wie sollen wir Politik machen, wenn die Politiker das nicht wollen?“, fragt Thielen zurück. Die Stiftung müsse mit der Regierung zusammenarbeiten, mit Ministerien und Bürgermeistern, wenn sie etwas verändern wolle. Die Wissenschaftler der Stiftung dächten in längeren Zeiträumen, deswegen werde ihre Hilfe gern angenommen. Das sei aber nicht mit großem Einfluss gleichzusetzen. „80 Prozent der Ergebnisse gucken wir erst einmal ab, dann schauen wir, was nach Deutschland passt.“ Die Lösungsvorschläge stelle sie ins Netz und gebe sie an alle Interessenten weiter.

Ansehensverlust der Sozialen Marktwirtschaft

Ließe sich der Kritik nicht der Boden entziehen, wenn Stiftung und Konzern personell weniger eng verflochten wären, ebenso Stiftungsvorsitz und das als Aufsichtsrat gedachte Kuratorium? Die zentrale Figur ist überall Liz Mohn, die Frau von Stifter Reinhard Mohn. Sie überwacht sich in verschiedenen Funktionen quasi selbst: Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Vorstands und des Kuratoriums der Bertelsmann-Stiftung sowie Vorsitzende der Gesellschafterversammlung und Geschäftsführerin der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft. „Der Stifter hat das Recht, beides zu machen, absolut. Schließlich verbrät die Stiftung sein Geld“, gibt Thielen zu bedenken. Das sei keine Ämterhäufung um der Häufung willen. „Die Mohns möchten gerne Einfluss haben auf den Vorstandsvorsitzenden der Stiftung. Das bleibt auch so. Es gibt keinen Grund, das zu ändern“, stellt er klar. Es fällt auf, dass die Stiftung, die einen hohen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, weder im Vorstand noch im Kuratorium ausgewiesene Wissenschaftler hat, seit Weidenfeld gehen musste. Thielen ist überrascht: „Wir haben darüber, ehrlich gesagt, noch nicht nachgedacht.“

Besorgt zeigt sich Thielen über den Ansehensverlust der Sozialen Marktwirtschaft, deren Erhalt der Stiftung ein besonderes Anliegen ist. „Wir halten sie nach wie vor für das beste System.“ Durch die Globalisierung hätten sich in Deutschland die Gewichte zu Lasten des Sozialen in Richtung des angelsächsischen Kapitalismus verschoben. „Was Nokia macht, ist für mich keine soziale Marktwirtschaft mehr. Das war reine Gewinnmaximierung.“

Die Bertelsmann-Stiftung

Die Bertelsmann-Stiftung sieht sich als politisch unabhängige Denkfabrik, die sich für das Gemeinwohl engagiert. Fundament der Stiftungsarbeit sei die Überzeugung, dass Wettbewerb und bürgerschaftliches Engagement eine wesentliche Basis für gesellschaftlichen Fortschritt bildeten, heißt es in ihrem Leitbild. Die Ergebnisse ihrer Arbeit stellt die Stiftung allen Interessenten zur Verfügung. 330 Mitarbeiter, darunter 180 Wissenschaftler, organisieren Projekte auf vielfältigsten Gebieten, stets in enger Nähe zur Politik. Zu den Kernanliegen gehört die Verbesserung des Bildungssystems, die Förderung eines schlanken, effizienten Staates sowie entsprechender sozialer Sicherungssysteme. Die Stiftung betreibt Migrationsforschung und unterhält Dialogforen, die der transatlantischen Verständigung dienen sollen oder der Aussöhnung Israels mit der arabischen Welt. Ihr Geld erhält die Stiftung aus den jährlichen Dividendenzahlungen des Bertelsmann-Konzerns, dessen Mehrheitseigentümerin sie ist.

Stifter ist Reinhard Mohn, der Ururenkel von Bertelsmann-Gründer Carl Bertelsmann. Mohn übertrug der Stiftung 1977 die Mehrheit der Anteile an der nicht börsennotierten Bertelsmann AG. Die Stiftung hält 76,9 Prozent der Anteile, die Familie Mohn den Rest. Die Stimmrechte werden zu 100 Prozent von der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) kontrolliert, die Liz Mohn führt. Um die Projektarbeit zu finanzieren, braucht die Stiftung jährlich rund 60 Millionen Euro, ihre Rücklagen umfassen rund 150 Millionen Euro, ein größeres festes Stiftungskapital gibt es nicht. Der Einfluss der Familie Mohn in der Stiftung ist groß. Reinhard Mohns Frau Liz und Tochter Brigitte Mohn sitzen im vierköpfigen Vorstand, Liz und Reinhard Mohn sind außerdem Mitglieder des 14-köpfigen Kuratoriums.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Michael Löwa

 
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