Von Carsten Knop
14. Juli 2008 Eine mögliche Übernahme der Continental AG in Hannover durch das Familienunternehmen Schaeffler KG würde den Autozulieferer aus dem fränkischen Herzogenaurach zum ersten Mal in seiner Geschichte einer breiten Öffentlichkeit bekanntmachen. Denn außerhalb der Branche können mit dem Namen Schaeffler bisher nur wenige etwas anfangen. Einer der Gründe dafür ist, dass die Schaeffler KG als Unternehmen mit persönlich haftenden Gesellschaftern weniger strengen Publizitätspflichten unterliegt.
Breites Medieninteresse zog der Konzern zuletzt im Jahr 2001 auf sich, als der Schweinfurter Wettbewerber FAG Kugelfischer gegen den Willen der dortigen Unternehmensführung übernommen und von der Börse genommen wurde. Inhaber des 1946 von den Brüdern Wilhelm und Georg Schaeffler gegründeten Unternehmens sind die Witwe von Georg Schaeffler, Maria-Elisabeth Schaeffler, und ihr Sohn Georg Schaeffler. Das Vermögen der beiden wurde im Frühjahr vom amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes auf 8,5 Milliarden Doller geschätzt.
Schaeffler möchte Continental von der Börse nehmen
Die Schaeffler Gruppe mit ihren Marken INA, Luk und FAG entwickelt und fertigt Präzisionsprodukte für alles, was sich bewegt: in Maschinen, Anlagen, Kraftfahrzeugen und in der Luft- und Raumfahrt. Rund 66.000 Mitarbeiter weltweit erwirtschafteten zuletzt einen Jahresumsatz von 8,9 Milliarden Euro, weitere Geschäftszahlen sind nicht bekannt. Sehr viel größer - und durch die Börsennotierung auch viel transparenter - ist Continental: Das Unternehmen muss sämtliche Geschäftszahlen veröffentlichen und gibt seinen in der Regel nicht börsennotierten Wettbewerbern dadurch viele Informationen preis.
Würde Continental von der Börse genommen, was die Absicht von Schaeffler ist, würde dieser Nachteil geheilt. Zudem könnte die neue Schaeffler-Continental-Unternehmensgruppe unabhängig vom Druck der Veröffentlichung von Quartalsergebnissen etwas langfristiger agieren, hoffen Kenner der beiden Unternehmen.
Continental ist einer der fünf weltgrößten Zulieferer der Automobilindustrie mit Produkten in der Reifen- und Bremsentechnologie, der Fahrdynamikregelung, der Elektronik und der Sensorik. Der Konzern beschäftigt derzeit rund 150.000 Mitarbeiter in 36 Ländern an nahezu 200 Werken, Forschungszentren und Teststrecken. Continental entwickelt und produziert Komponenten, Module und Systeme. Schaeffler ist dem Vernehmen nach an allen Teilen von Continental interessiert, am wenigsten aber am Reifengeschäft, das nach einer Übernahme verkauft würde.
Reifensparte leidet unter den Preissteigerungen
Nach der Übernahme von Siemens VDO im vergangenen Jahr erwartet Continental für 2008 einen Umsatz von mehr als 26,4 Milliarden Euro, wozu die Reifen nur noch 6,5 Milliarden Euro beisteuern. Der Kauf von Siemens VDO, der Ende des vergangenen Jahres vollzogen wurde, wirkt sich derzeit negativ auf die Ertragslage von Continental aus: Obwohl der Umsatz im ersten Quartal 2008 um 68 Prozent auf 6,64 Milliarden Euro stieg, verblieb nur ein Nettogewinn von 180 Millionen Euro.
In der entsprechenden Vorjahreszeit hatten noch 277 Millionen Euro zu Buche gestanden. Ausschlaggebend für den Gewinnrückgang ist zum einen die deutlich gestiegene Zinslast. Conti hat den 11,4 Milliarden Euro teuren VDO-Kauf zum größten Teil fremdfinanziert. Folglich sind die Nettofinanzschulden auf 11,2 Milliarden Euro geklettert. Zudem belasteten Abschreibungen auf materielle Vermögenswerte aus dem Kauf das Ergebnis. Die Reifensparte leidet nicht zuletzt unter den Preissteigerungen für Kautschuk und andere ölbasierte Produkte.
Nicht der erste Übernahmeversuch
Um Continental haben sich immer wieder Unternehmen bemüht: Von 1990 bis 1993 versuchte der italienische Reifenhersteller Pirelli den Konzern zu übernehmen. Dies wäre einer der ersten Fälle gewesen, in dem ein großes deutsches Unternehmen von einem ausländischen Mitbewerber übernommen worden wäre. Continental verhinderte den Vorstoß, da eine Abwehrfront unter Federführung der Deutschen Bank eine Sperrminorität erwarb und Pirelli nach langem Kampf die Liquidität ausging. Zuletzt hatte vor zwei Jahren ein Konsortium von Private-Equity-Unternehmen (an dem KKR, Goldman Sachs und Bain Capital beteiligt waren) einen Übernahmeversuch unternommen, der jedoch abgebrochen wurde, als er der Öffentlichkeit bekannt wurde.
Der Aufstieg der Familie Schaeffler und die Unternehmensgeschichte von Continental
Schaeffler
1946: Die Brüder Wilhelm und Georg Schaeffler gründen das INA (Industriewerk Schaeffler Nadellager) in Herzogenaurach.
1948: Leiterwagen und andere Holzprodukte gehören zu den Erfolgsprodukten in der Nachkriegszeit.
1949: Ein neu entwickelter Nadelkäfig macht das Nadellager zu einem zuverlässig nutzbaren Bauteil für die Industrie.
1956: Im ersten Auslandswerk im französischen Haguenau werden Wälzlager für den europäischen Markt produziert.
1958: INA folgt VW nach Brasilien und eröffnet ein neues Werk in São Paulo.
1963: Erstes Standbein in den Vereinigten Staaten ist die INA Gesellschaft in Cheraw, South Carolina.
1971: Als einer der ersten Hersteller in Europa liefert INA hydraulische Ventilspielausgleichselemente in Großserie.
1981: 12.000 Menschen sind weltweit in der INA-Gruppe beschäftigt. Wilhelm Schaeffler stirbt im Alter von 73 Jahren.
1996: Georg Schaeffler stirbt im Alter von 79 Jahren. Maria-Elisabeth Schaeffler und Sohn Georg F. W. Schaeffler führen sein Lebenswerk fort.
2000: Weltweit hat die INA-Gruppe etwa 25.000 Mitarbeiter.
2002: Übernahme der FAG Kugelfischer AG & Co. KG, Schweinfurt. INA und FAG werden gemeinsam zum zweitgrößten Wälzlagerhersteller der Welt.
2003: INA, FAG und Luk bilden die Schaeffler Gruppe, die insgesamt 63 Werke auf der ganzen Welt hat. Am Standort Schweinfurt werden jährlich 80.000 Tonnen Stahl, am Standort Herzogenaurach 45.000 Tonnen Stahl verarbeitet.
Continental
1871: Die Continental-Caoutchouc- & Gutta-Percha Compagnie wird in Hannover gegründet.
1904: Als erste Firma der Welt entwickelt Continental Profilreifen für Autos.
1928/1929: Die Continental Gummi-Werke entstehen aus einer Fusion mehrerer Betriebe der deutschen Kautschukindustrie.
1955: Zu Beginn des Jahres nimmt Continental als erste deutsche Firma die Produktion schlauchloser Reifen auf.
1979: Continental erwirbt 1979 die europäischen Reifenaktivitäten der amerikanischen Uniroyal.
1987: Continental kauft den nordamerikanischen Reifenhersteller General Tire. Seit 2001 firmiert das Unternehmen als Continental Tire North America.
1991: Der Konzernbereich Technische Dienste wird unter der Dachmarke ContiTech verselbständigt.
1993: Pirelli verkauft seine Continental-Aktien und -Optionen. Der Versuch einer Übernahme ist damit gescheitert.
September 2001: Der Reifenhersteller und Automobilzulieferer stoppt den Verkauf seiner Konzerntochter ContiTech.
2004: Continental übernimmt die Aktienmehrheit bei der Phoenix AG.
2007: Mit der Übernahme von Siemens VDO steigt die Continental AG zu einem der fünf weltgrößten Autozulieferer auf. Continental zahlt 11,4 Milliarden Euro an Siemens.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.
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