Von Norbert Kuls
26. März 2008 Der durch die Rettungsaktion für die Investmentbank Bear Stearns in die Schlagzeilen gerückte Name J.P. Morgan hat im Herzen der amerikanischen Finanzbranche, der Wall Street, immer noch einen Klang wie Donnerhall. Es ist die Kurzform für den Namen des vor hundert Jahren wichtigsten Finanziers der Vereinigten Staaten: John Pierpont Morgan.
Auch nach dessen Tod im Jahr 1913 war das als "House of Morgan" bekannte Hauptquartier des Bankhauses mit der Adresse "23 Wall Street" jahrzehntelang die einflussreichste Adresse in der amerikanischen Finanzwelt gewesen. "Das frühe House of Morgan war eine Art Mischung zwischen einer Zentralbank und einer Privatbank", schreibt Ron Chernow in seiner Biographie der Bankiersdynastie Morgan. J.P. Morgan habe Finanzpaniken gestoppt, die Stadt New York drei Mal vor dem Bankrott bewahrt und Streitigkeiten in der Finanzbranche geschlichtet. Die Rettungsaktionen von Morgan sind an der Wall Street der Stoff von Legenden. Während der Finanzpanik von 1907 versammelte Morgan 50 Bankiers in seinem privaten Anwesen an der Fifth Avenue und brachte sie dazu, dem in Schieflage geratenen Finanzinstitut Lincoln Trust aus der Klemme zu helfen. Bei der Börsenpanik von 1929 versuchte ein führender Bankier von J.P. Morgan gemeinsam mit Konkurrenten und reichen Investoren wie den Guggenheims die fallenden Kurse von Stahlaktien zu stützen.
Krisenstimmung an der Wall Street
Der Mahagoni-Schreibtisch des Gründervaters Morgan steht mittlerweile nicht mehr an der Wall Street, sondern in einem Hochhaus an der Park Avenue im Geschäftsdistrikt von Midtown Manhattan. Nicht weit davon entfernt steht der Schreibtisch von James "Jamie" Dimon, dem Vorstandschef der drittgrößten amerikanischen Bank J.P. Morgan Chase & Co. Dimon hat in der vergangenen Woche mit der Notenbank Fed die Investmentbank Bear Stearns vor dem Konkurs bewahrt. Damit tritt er in die Fußstapfen von John Pierpont Morgan.
An der Wall Street herrscht wieder einmal Krisenstimmung. Ausgehend von fallenden Immobilienpreisen und Zahlungsausfällen bei zweitklassigen Hypotheken, hat sich die Misere zu einer Vertrauenskrise unter Banken ausgeweitet. Die Schieflage der stark im Geschäft mit hypothekenbesicherten Anleihen engagierten Bear Stearns, der Kunden und Geschäftspartner nach anhaltenden Gerüchten über Zahlungsschwierigkeiten das Vertrauen entzogen hatten, galt als Bedrohung für die Stabilität des Finanzsystems. Die Fed steht daher für potentielle Verluste im Hypothekenportfolio von Bear Stearns bis zu 29 Milliarden Dollar gerade.
Vor einem Jahr war Bear Stearns noch 20 Milliarden Dollar wert
Die Rettungsaktion von Dimon ist wie die seiner Vorgänger keine selbstlose Aktion. J.P. Morgan bekommt Bear Stearns trotz einer jüngsten Verfünffachung des ursprünglich gebotenen Kaufpreises wohl für einen Schnäppchenpreis von 1,2 Milliarden Dollar. Noch vor einem Jahr war das New Yorker Traditionsinstitut, das die Börsenpanik von 1929 überstanden hatte, noch 20 Milliarden Dollar wert gewesen.
Damit schickt sich Dimon an, die moderne J.P. Morgan Chase wieder zur mächtigsten Bank der Finanzmetropole New York, wenn nicht gar der Vereinigten Staaten zu machen. Das nach Bilanzsumme größte Finanzinstitut ist zwar immer noch die Citigroup. An Nummer zwei folgt die im Bundesstaat North Carolina beheimatete Bank of America. Aber an der Börse hat sich die Reihenfolge mittlerweile verändert. Die Citigroup, die wegen risikoreicher Hypothekenanlagen hohe Abschreibungen vornehmen musste, ist, gemessen am Börsenwert von 122 Milliarden Dollar, nur noch die Nummer drei unter den führenden amerikanischen Geldhäusern. Das führende Kreditinstitut ist mit 188 Milliarden Dollar die Bank of America. Aber J.P. Morgan Chase ist der Bank mit einer Marktkapitalisierung von 158 Milliarden Dollar eng auf den Fersen.
Der erste große Wurf
Die moderne J.P. Morgan, die die aktuelle Finanzkrise bisher glimpflich überstanden hat, geht trotz des illustren Namens nur zum Teil auf den Gründer zurück. Der Finanzgigant ist das Ergebnis zahlreicher Fusionen und Übernahmen, die in den vergangenen Jahrzehnten die amerikanische Bankenwelt verändert haben. J.P. Morgan Chase entstand 2000 bei der Übernahme von J.P. Morgan durch die Großbank Chase Manhattan. Jamie Dimon, ein gebürtiger New Yorker, dessen aus Griechenland eingewanderter Großvater und Vater Aktienhändler an der Wall Street waren, war damals noch nicht an Bord. Er war lange die rechte Hand von Sanford Weill gewesen, der 1998 mit dem Zusammenschluss seines Finanzdienstleisters Travelers und der Großbank Citicorp die Citigroup geformt hatte. Dimon, der als Kronprinz von Weill galt, überwarf sich allerdings mit seinem Mentor und musste die Citigroup verlassen. Im Jahr 2000 zog Dimon nach Chicago um. Er besetzte dort den Chefsessel der großen Regionalbank Bank One, die sich mit Zukäufen verhoben hatte und als eine der am schlechtesten geführten Banken Amerikas galt. Dimon zeigte Saniererqualitäten. Die Bank One wurde unter Dimons Führung als "Citigroup West" bezeichnet - ein Lob, weil die Citigroup als Marktführer galt. Schon damals gab es Gerüchte über Übernahmen. Sogar über eine Akquisition von Bear Stearns durch die Bank One wurde spekuliert.
Es kam schließlich anders. J.P. Morgan Chase übernahm die Bank One 2004 für 58 Milliarden Dollar - damals die größte amerikanische Bankenfusion seit dem Zusammenschluss von Travelers und Citicorp. Von vorneherein war klar, dass Dimon nach zwei Jahren auf den Chefsessel wechseln würde. Als Vorstandsvorsitzender verlieh er J.P. Morgan Chase neuen Schwung. Eine große Übernahme, wie es sein Ziehvater Weill vorgemacht hatte, wagte Dimon nicht. Die Übernahme der fünfgrößten Investmentbank Bear Stearns war nun der erste große Wurf. "Eine schwache Konjunktur schafft Gelegenheiten für starke Unternehmen", hatte Dimon 2003 im Geschäftsbericht der Bank One geschrieben. Das hätte auch John Pierpont Morgan sagen können.
Text: F.A.Z., 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 20
Bildmaterial: AP
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