02. März 2006 Die Zukunft von Bernd Pischetsrieder an der Führungsspitze von Volkswagen steht mehr in Frage denn je. Die Verlängerung seines Vorstandsvertrages droht am Votum der Arbeitnehmerseite zu scheitern. Gleichzeitig wird in der Branche Wendelin Wiedeking, Vorstandschef von VW-Großaktionär Porsche, als möglicher Nachfolger gehandelt.
Pischetsrieder sieht die Verlängerung seines Vertrages offenbar selbst auf der Kippe. Auch ich kenne keine Firma, bei der ein Vorstand gegen den Willen der zehn Arbeitnehmervertreter bleiben kann, sagte Pischetsrieder derFinancial Times (Donnerstagausgabe) und wiederholte damit fast wortgleich Äußerungen des VW-Aufsichtsratschefs Ferdinand Piech vom Vortag aus dem Wall Street Journal Europe. Das Piech-Interview habe er nicht gelesen, sagte Pischetsrieder derFT. Der frühere VW-Chef Piech hatte die Vertragsverlängerung seines Nachfolgers auf dem Chefsessel als offene Frage bezeichnet, da es im VW-Kontrollgremium zu einem Patt zwischen Arbeitnehmerbank und Kapitalseite kommen könnte.
Piech sagte, er folge zwar den beiden Großaktionären Niedersachsen und Porsche. Diese hatten sich zu einem früheren Zeitpunkt auf eine Vertragsverlängerung für Pischetsrieder verständigt. Pischetsrieder könne, so Piech weiter, aber die Ablehnung der Arbeitnehmerseite zu spüren bekommen, die die Hälfte der Mitglieder im zwanzigköpfigen Aufsichtsgremium stellt.
Empörung über Rußland-Pläne
Über Pischetsrieders Vertrag, der noch bis 2007 läuft, soll auf der nächsten Aufsichtsratssitzung am 2. Mai beraten werden. Nach Informationen dieser Zeitung wird bei VW erwogen, vorher noch eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung einzuberufen, bei der auch über ein neues Werk in Rußland sowie das Restrukturierungskonzept entschieden werden soll.
Die Arbeitnehmerseite ist empört über Pischetsrieders Rußland-Pläne und den gleichzeitigen Sanierungskurs, von dem fast jede fünfte der 100.000 Stellen in Deutschland betroffen sein könnte. Die Belegschaft hat Angst, beschrieb ein Betriebsrat gegenüber dieser Zeitung die Stimmung in Wolfsburg.
Die deutschen VW-Werke sind nicht ausgelastet und produzieren zu teuer. Helfen könnte der neue Großaktionär Porsche: VW bestätigte Verhandlungen mit Porsche, das neue Porsche-Modell Panamera im VW-Werk Hannover bauen zu lassen. Nach Informationen dieser Zeitung könnte eine Standortentscheidung zur Hauptversammlung am 3. Mai getroffen werden.
Wiedeking im Gespräch
Im Rennen um die vierte Baureihe von Porsche sollen auch das VW-Werk Mosel sowie das Werk in Bratislava sein, in dem schon der VW Touareg und der Porsche Cayenne vom Band laufen. Eine engere Kooperation von Porsche und VW ist erklärtes Ziel beider Unternehmen. Porsche-Finanzvorstand Holger Härter sagte dieser Zeitung, die Zusammenarbeit mit VW könne große Kostenersparnisse für beide Seiten etwa beim gemeinsamen Teileeinkauf bewirken.
Auf dem Genfer Autosalon machte zudem das Gerücht die Runde, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking könnte an die Spitze des VW-Konzerns wechseln. Wiedeking ist bei der VW-Belegschaft beliebt, seit er öffentlich vor einem überzogenen Sparkurs warnte. Würde Wiedeking ein neues Auto bei VW bauen lassen, könnte er sich der Stimmen der Arbeitnehmerseite sicher sein, hieß es in Genf. Auch über Audi-Chef Martin Winterkorn als Nachfolger von Pischetsrieder wurde zuletzt heftig spekuliert, selbst wenn der in Genf einen Wechsel nach Wolfsburg dementierte.
Niemand stärkte Pischetsrieder den Rücken
Während das Verhältnis von Pischetsrieder und Piech als zerrüttet gilt, sollen sowohl Wiedeking als auch Winterkorn bei dem VW-Aufsichtsratschef hoch im Kurs stehen. Piech, Enkel von Unternehmensgründer Ferdinand Porsche, hat mit seiner Familie das Sagen bei dem Sportwagenhersteller. Als Vorsitzender des VW-Aufsichtsrats, in dem Kapital- und Arbeitnehmerseite über je zehn Stimmen verfügen, kommt ihm ein doppeltes Stimmrecht zu. Vor wenigen Monaten hatte Piech gegen die Mehrzahl der Stimmen der Kapitalseite und mit Hilfe sämtlicher Arbeitnehmerstimmen, Personalvorstand Horst Neumann bestellt.
Mit dieser Aktion hatte Piech nicht nur Pischetsrieder bloßgestellt, sondern auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff dessen begrenzten Einfluß aufgezeigt. Wulff, der für das Land im Aufsichtsrat sitzt, hatte Piech Interessenkonflikte vorgehalten und dessen Rückzug verlangt.
Erst vor wenigen Wochen hatte sich Piech mit den beiden Hauptaktionären dann auf eine Neuverteilung der Macht im Aufsichtsrat geeinigt: Demnach sollte Piech 2007 den Aufsichtsratsvorsitz abgeben. Teil des Pakts war auch, daß Pischetsrieders Vertrag verlängert wird. Das scheint nun hinfällig zu sein. Weder Großaktionär Porsche noch Niedersachsens Regierungschef Wulff wollten Pischetsrieder am Mittwoch öffentlich den Rücken stärken. Ein Sprecher der niedersächsischen Staatskanzlei lehnte einen Kommentar ab. Pischetsrieder selbst wollte sich über seine Zukunft nicht äußern.
Text: FAZ.NET mit hpe./F.A.Z. und Reuters
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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