23. April 2007 Die beiden saarländischen Stahlkonzerne Dillinger Hütte und Saarstahl dürften in nicht allzu ferner Zukunft zu einem Unternehmen verschmelzen. Einen Zeitplan gibt es zwar nicht, doch beweisen viele kleine, selten an die große Glocke gehängte Maßnahmen, dass die Konzerne immer enger zusammenrücken. Entstehen würde ein Unternehmen mit einem Umsatz von vier Milliarden Euro und mit ansehnlichen Margen, wie sie derzeit überall in der Stahlbranche verdient werden. In Deutschland wäre ein solcher Konzern die Nummer drei hinter Thyssen-Krupp und Salzgitter.
Arcelor hat das Nachsehen
Das Nachsehen hätte Lakshmi Mittal, der Vorstandsvorsitzende des Weltmarktführers Arcelor-Mittal. Denn der würde sein Engagement an der Saar mit einer Übernahme beider Unternehmen gerne ausbauen. Doch je enger die zwei Konzerne zusammenrücken, desto kleiner werden die Chancen des Inders.
Seit einiger Zeit werden Fakten geschaffen, die auf ein Zusammengehen der beiden saarländischen Stahlunternehmen hindeuten. Jüngstes Beispiel: Karlheinz Blessing, Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Dillinger Hütte, wird diesen Posten von Anfang Juli an auch bei Saarstahl übernehmen. Schon im kommenden Jahr könnte es eine weitere Personalunion dieser Art geben, munkeln Kenner der Materie und weisen darauf hin, dass der Vorstandsvorsitzende von Saarstahl, Claude Kintz, dann 65 Jahre alt wird und damit das Pensionsalter erreicht.
Gemeinsame Einkaufsgesellschaft
Auch unterhalb der Vorstandsebene wachsen die Konzerne zusammen. So wurde vor kurzem die Führungskräfteentwicklung zusammengelegt, und im vergangenen Jahr wurde eine gemeinsame Einkaufsgesellschaft gegründet. Weitere Projekte dieser Art sind in den Bereichen Instandhaltung und Informationstechnologie geplant. "Es ist klar, dass die Hütten enger zusammenarbeiten müssen", sagte Blessing jüngst bei der Bilanzvorlage der Dillinger Hütte. Schon länger bestehen die gemeinsamen Tochtergesellschaften, die Roheisengesellschaft Rogesa und die Zentralkokerei Saar.
Unterdessen würde der Stahlunternehmer Lakshmi Mittal die beiden Traditionskonzerne Dillinger Hütte und Saarstahl AG liebend gerne in seinen Unternehmensverbund Arcelor-Mittal eingliedern. Seinem Vorstand Michel Wurth ließ er ausrichten: "Man sollte darüber nachdenken, eine große, global aktive Grobblech-Gruppe zu gestalten,." Die Dillinger Hütte stellt sogenannte Grobbleche für Pipelines, Kraftwerkskessel, Brücken- und Hochbau her. Wurth warb auch in Richtung Saarstahl, einer der größten Walzdrahthersteller in Europa: "Man sollte sehen, ob wir hier gemeinsam etwas tun können." Der Draht von Saarstahl wird unter anderem in Lastwagen-Reifen verwendet. Tatsächlich würden beide Saarkonzerne zu Arcelor-Mittal passen und ähnlich wie die Übernahme von Arcelor Mittals Abhängigkeit vom schwankenden Markt mit Massenstahl weiter verringern.
Lakshmi Mittal nützen seine Anteile wenig
Doch Mittal hat nur auf dem Papier gute Chancen. Arcelor-Mittal hält zwar 51 Prozent an der Dillinger-Dachgesellschaft DHS und ist indirekt auch an Saarstahl beteiligt. Nur nützen Mittal seine Anteile wenig. Wichtige Entscheidungen werden in der DHS nämlich mit einer Mehrheit von 70 Prozent gefällt. Der andere DHS-Aktionär ist die Montanstiftung Saar, in der frühere Anteile des Saarlands gebündelt sind. Mittal würde die Stiftungsanteile gerne kaufen. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass die Stiftung die Anteile von Arcelor-Mittal gerne erwerben würde. Da keine Seite verkaufen möchte, bewegt sich nichts.
In den beiden saarländischen Stahlunternehmen wird die Eigenständigkeit mehr oder weniger deutlich betont. "Die Saarstahl AG wird ihre Strategie als nicht konzerngebundenes Unternehmen konsequent weiter verfolgen", hieß es kürzlich recht deutlich von Saarstahl, als Übernahmespekulationen kursierten. Der Konzern kann sich diese deutlichen Worte leisten, die Saar-Stiftung hält knapp 75 Prozent. Der Vorstandsvorsitzende der Dillinger Hütte, Paul Belche, verhält sich angesichts des Mehrheitsaktionärs Arcelor-Mittal diplomatischer. Der Konzern müsse die Interessen beider Aktionäre berücksichtigen. Bei der Bilanzvorlage unterstrich er dann aber doch die Selbständigkeit. "Für uns ist unsere Identität sehr wichtig auf dem Markt."
Beiden Unternehmen geht es prächtig
Repressionen durch Arcelor-Mittal, wie ein Veto bei großen Investitionen, fürchtet Belche nicht, zumal die Dillinger Hütte in den vergangenen 25 Jahren keinerlei Unterstützung von den Aktionären gebraucht habe. "Wir machen uns keine Sorgen, dass Änderungen zum Nachteil der Dillinger Hütte eintreten könnten", sagte Belche. Auch ein Technologieabfluss von Dillingen in Richtung Arcelor-Mittal sei nicht zu erwarten. Da gebe es rechtliche Schranken, erklärt er. Die Beteiligten an der Saar können auf Zeit spielen. Beiden Unternehmen geht es wegen der guten Stahlkonjunktur auf der Welt bestens. Die Dillinger Hütte blieb durch ihren hohen Anteil an Spezialprodukten von Preisrückgängen im vergangenen Jahr verschont (F.A.Z. vom 19. April). Von der Saarstahl AG, die sich seit ihrem Konkurs im Jahr 1993, der auch bundesweit für Aufsehen sorgte, wieder erholt hat, liegen noch keine aktuellen Zahlen vor. Im Geschäftsjahr 2005 wurde ein Umsatz von 1,5 Milliarden Euro und ein Ergebnis von 130 Millionen Euro erzielt.
Mittal scheint dagegen an einer zügigen Lösung gelegen zu sein. Sein Vorstand Wurth sagte zu Jahresbeginn, dass die Situation an der Saar "ein gutes Thema für 2007 sei". Mittal selbst warb dann während eines Besuches bei der saarländischen Landesregierung im März persönlich für sein Vorhaben. Die Dillinger Hütte passe gut in die Flachstahlsparte von Arcelor-Mittal. Er plane keinen Rückzug aus dem Saarland und sehe noch viel Entwicklungspotential, sagte er.
Synergien nutzen
Dieses Potential sieht auch die Landesregierung, allerdings muss es ihrer Auffassung nach nicht gemeinsam mit Mittal entwickelt werden. Man wolle die Perspektiven in einem offenen Dialog prüfen, wurde Mittal diplomatisch zugesagt. Dann aber wurde über eine Pressemitteilung schnell deutlich gemacht, zu welchen Konditionen das geschehen könnte. "Dillinger Hütte und Saarstahl sind wegen ihrer engen Verflechtung als Einheit anzusehen", hieß es. Beide Hütten könnten auch in Zukunft Synergien nutzen. Außerdem müssten Investitionsentscheidungen am Standort getroffen werden - das heißt im Saarland und nicht in der Luxemburger Zentrale von Arcelor-Mittal.
Text: mir./F.A.Z., 23.04.2007, Nr. 94 / Seite 14
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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