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EZB saugt Liquidität ab

11. September 2007 Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Dienstag erstmals seit den Finanzmarktturbulenzen am Geldmarkt Liquidität im großen Umfang eingezogen. Die Banken gaben der EZB in einem Schnelltender 60 Milliarden Euro zu einem Zinssatz von glatt 4 Prozent, wie die Notenbank am Dienstag in Frankfurt mitteilte. Die Laufzeit des Geschäfts beträgt einen Tag. Hintergrund ist, dass der Zinssatz am Geldmarkt zuletzt unter die Zielmarke von 4,0 Prozent gefallen war.

Im üblichen wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäft gab die EZB gleichzeitig 269 Milliarden Euro an die Märkte. Die Laufzeit beträgt hier eine Woche, der Durchschnittszins lag bei 4,17 Prozent. In der Vorwoche waren 256 Milliarden Euro zu durchschnittlich 4,19 Prozent Zinsen vergeben worden.

EZB ließ Leitzins unverändert

Mit den Maßnahmen kann die EZB die Zinsen an den Geldmärkten beeinflussen. Den Leitzins hatte die EZB in der vergangenen Woche bei genau 4 Prozent belassen. Die EZB hatte in den vergangenen Wochen den Banken in großen Mengen zusätzliche flüssige Mittel bereitgestellt, da die Banken untereinander sich wegen der Unsicherheiten durch die amerikanische Hypothekenkrise kaum untereinander Geld geliehen haben.

Am Dienstag lief die monatliche Mindestreserveperiode im Euro-System aus. An diesem Stichtag müssen die Banken das von der EZB gesetzte Mindestreservesoll - also Einlagen bei den Notenbanken - erfüllen. Gegen Ende dieser Periode kommt es häufig zu größeren Bewegungen bei den Geldmarktzinsen. Ein Tender ist ein auktionsähnliches Verfahren, mit dem Liquidität bereitgestellt oder entzogen werden kann.

Weber und Stark fordern höhere Leitzinsen

Unterdessen wollen die deutschen EZB-Ratsmitglieder die EZB auf den alten Zinskurs zurückbringen. Nach Bundesbank-Präsident Axel Weber sprach sich nun auch EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark trotz der nervösen Finanzmärkte für eine Anhebung des Leitzinses aus. „Niemand hat gesagt, dass wir eine weitere Zinserhöhung
aufgegeben haben“, sagte Stark der Agentur MNSI zufolge am Montagabend in Alzey.

Ähnlich hatte sich am Freitag schon Weber geäußert. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, sagte der Bundesbank-Chef zu der Entscheidung der EZB von Donnerstag, wegen der Finanzkrise auf die lange signalisierte Zinserhöhung verzichtet. Die EZB hatte ihren Leitzins seit Ende 2005 von zwei auf vier Prozent verdoppelt, um den Preisauftrieb während des Aufschwungs im Zaum zu halten.

Stark sieht Risiken für die die Preisstabilität

Stark zufolge bleiben die Währungshüter wegen der Risiken für die Preisstabilität „sehr wachsam“. Die Zentralbank wolle aber zunächst sehen, wie sich die Finanzkrise auf Wachstum und Preisentwicklung auswirkt. „Dies ist eine abwartende Haltung. Abhängig von neuen Einschätzungen werden wir eine Entscheidung treffen“, sagte Stark dem Bericht zufolge.

Für die Konjunktur gab sich der Notenbanker zuversichtlich. Die Rahmenbedingungen im Euro-Raum seien gut. Ähnlich hatte sich zu Wochenbeginn EZB-Präsident Jean-Claude Trichet geäußert. Die Weltwirtschaft wachse weiter robust. Die Risiken seien wegen der Finanzkrise aber gestiegen. Eine knappe Mehrheit der von Reuters regelmäßig befragten Analysten erwartet in diesem Jahr noch eine Zinserhöhung der EZB auf dann 4,25 Prozent. Die amerikanische Notenbank hatte eine Zinssenkung für den 18. September in Aussicht gestellt.

Hypothekenkrise trifft europäische Unternehmen kaum

Die amerikanische Immobilienkrise hat zu Kurseinbrüchen an den Börsen und Milliarden-Verlusten bei vielen Banken geführt. Aus Misstrauen darüber, welche Verluste in den Geldhäusern aufgelaufen sein könnten, liehen sich die Banken untereinander kaum noch Geld. Die Zentralbanken mussten hunderte Milliarden zuschießen, um eine Kreditklemme und einen weiteren Anstieg der Marktzinsen zu verhindern

Die amerikanische Hypothekenkrise belastet nach Ansicht der Ratingagentur Moody's europäische Unternehmen nur begrenzt. Der Kreditzyklus bleibe weiterhin solide und das Wirtschaftswachstum in ganz Europa stark. Das stütze die gute Geschäftsentwicklung der Unternehmen und die Zuversicht der Märkte, teilte Moody's am Dienstag mit.

Die Unternehmen seien zwar nicht immun gegen die Krise, ein solider Umgang mit finanziellen Mitteln stärke jedoch die Abwehr gegen die „Subprime-Seuche“. Generell hänge die Zahlungsfähigkeit vom Unternehmen selbst ab. Sowohl die Versorgung mit ausreichenden Mitteln als auch die Anfälligkeit für Geldprobleme beruhe größtenteils auf der Finanzkraft der Unternehmen und den Vorbereitungen des Managements.

Brüssel senkt Wachstumsprognose dennoch

Nach Ansicht von EU-Währungskommissar Joaquin Almunia dagegen könnten die Turbulenzen an den Finanzmärkte Kredite verteuern und die gute Stimmung in der Wirtschaft vertreiben. „Wenn das Vertrauen nicht wiedergewonnen wird bei den Marktteilnehmern, könnte das Vertrauen von Investoren und Verbrauchern sinken - das ist das größte Risiko“, sagte Almunia am Dienstag in Brüssel zur Präsentation der aktualisierten Wachstumsprognose der EU-Kommission.

Wichtig sei auch, ob sich die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten wegen der Krise stärker abkühle als bisher gedacht.
„Es ist noch zu früh, Schlussfolgerungen zu ziehen“, sagte Almunia. Doch sei der absehbare Einfluss der Turbulenzen neben dem schwächeren Wachstum in Europa im zweiten Quartal der Grund für die leichte Abwärtsrevision der Wachstumsprognosen.

Nur noch 2,8 Prozent in der EU

Die Kommission erwartet für dieses Jahr in den 27 EU-Ländern nun insgesamt ein Wachstum von 2,8 Prozent nach 2,9 Prozent in der Frühjahrsprognose. Für den Euro-Raum sagt die Behörde noch 2,5 (2,6) Prozent voraus. Die Konjunktur bleibt damit robust, geht aber nach Einschätzung Almunias wahrscheinlich langsam in Richtung eines Abschwungs. „Der Höhepunkt des Zyklus könnte hinter uns liegen, doch die Situation kann in den kommenden Quartalen noch günstig sein.“



Text: FAZ.NET / Reuters
Bildmaterial: AP , dpa, dpa/dpaweb

 
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