Von Daniel Schäfer
19. Januar 2008 Die seit Monaten an den Finanzmärkten tobende Krise hat das Machtgefüge der Banken kräftig durcheinandergewirbelt. Noch vor einem Jahr dominierten amerikanische Häuser die Rangliste der wertvollsten Banken. Doch die jüngsten Milliardenverluste haben Amerikas Kreditinstitute enorm geschwächt, europäische Banken haben aufgeholt. Zugleich nutzen Staatsfonds aus Schwellenländern die Schwäche der Banken geschickt aus, um sich in die Finanzbranche der westlichen Hemisphäre einzukaufen. Auch europäische Banken verhandeln hinter den Kulissen mit den politisch verteufelten Investoren.
Noch vor einem guten halben Jahr gab es eine klare Hackordnung in der westlichen Bankenwelt: Ganz oben auf der Liste der wertvollsten Finanzhäuser standen die amerikanischen Banken Citigroup und Bank of America; lediglich die britische HSBC konnte dank einer Marktkapitalisierung von gut 160 Milliarden Euro mithalten. Der Trend zur Größe schien unaufhaltsam. Um ernsthaft mitspielen zu können, wird man künftig 100 Milliarden Euro Marktkapitalisierung benötigen“, sagte der Dresdner-Bank-Vorstandsvorsitzende Herbert Walter vor einem Jahr, als die Welt der Banken noch in Ordnung schien. Doch seit der heftigen Kreditkrise ist nichts mehr wie vorher. Mitspielen“ nach Walters Definition können nur noch zwei Banken: Lediglich Bank of America und HSBC schaffen es über die Schwelle von 100 Milliarden Euro. Und die lange dominierende Citigroup ist in Amerika gar auf den dritten Platz zurückgefallen.
Die Stunde der Asiaten und Araber
Gleichzeitig hat die Stunde der Asiaten und Araber geschlagen. Die Staatsfonds aus diesen von der internationalen Finanzkrise bislang weitgehend unbehelligten Ländern haben sich zuletzt in die westliche Finanzwelt eingekauft: Nach Zahlen der Investmentbank Morgan Stanley haben die aus Petrodollars und Exportüberschüssen gespeisten Fonds seit Ostern 2007 fast 70 Milliarden Dollar in westliche Finanzunternehmen gepumpt. Und 93 Prozent dieses Geldes stammt aus nur fünf Ländern: Die Staatsfonds aus Singapur, China, Abu Dhabi, Südkorea und Dubai haben die Gelegenheit zum günstigen Einstieg bei namhaften Häusern wie Citigroup, Merrill Lynch, UBS, Blackstone und Barclays genutzt.
Damit ist der Investitionshunger der von hiesigen Politikern und vielen deutschen Topmanagern äußerst kritisch beäugten Staatsfonds noch lange nicht gestillt. Die nach Schätzungen mittlerweile mehr als 2,8 Billionen Dollar schweren Anlagegesellschaften sind auf der Suche nach weiteren Einstiegsgelegenheiten. Sie haben es auf Banken mit starkem Wertpapiergeschäft und große Vermögensverwalter abgesehen. Auch auf europäische Banken mit guten Markennamen werfen die Staatsfonds ein Auge. Es gibt namhafte Adressen, die mit Staatsfonds über einen Einstieg sprechen“, sagt ein Investmentbanker. Die Banken nutzen die Chance, neue Kapitalgeber an Bord zu holen und sich über die Staatsfonds den Zugang zu den asiatischen und arabischen Märkten zu sichern. Analysten von Morgan Stanley nennen unter anderen die Deutsche Bank, die Deutsche Börse, die Credit Suisse Gruppe und Julius Bär als Kandidaten. Bereits im Jahr 2007 hat das Emirat Dubai einen Anteil von 2,2 Prozent an der Deutschen Bank gekauft.
Renditeorientierte Strategie der Staatsfonds
Schon Anfang der neunziger Jahre griff der Großanleger und saudische Prinz Alwaleed Bin Talal der damals schwächelnden Citicorp mit rund 550 Millionen Dollar unter die Arme. Ein gutes Investment: Selbst nach dem jüngsten Kursrutsch dürfte sich das Kapital in etwa verzehnfacht haben. Die jüngsten Fälle sprechen für eine ähnlich renditeorientierte Strategie der Staatsfonds. Besonders bei den in ihrer Notlage nach Kapital gierenden amerikanischen Banken haben sich die Investoren ungewöhnlich happige Dividenden garantieren lassen.
Mitspracherechte haben die in der Politik gefürchteten neuen Könige der Kapitalmärkte für ihre Minderheitsbeteiligungen dagegen nicht erhalten. Jedoch verfolgen die Staatsfonds nach Ansicht von Bankern durchaus auch strategische Ziele: das Abschöpfen von Knowhow, um die unterentwickelte Finanzbranche ihrer Heimatländer aufzumöbeln.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS
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