Im Gespräch: Ryanair-Chef Michael O'Leary

„AirBerlin ist verloren“

10. Mai 2008 Michael O'Leary hat Ryanair groß gemacht: Seit 1994 ist er Chef von Europas größter Billigfluglinie. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht er über große Drehkreuze, Transatlantikflüge und die große Auslese am Himmel.

Herr O´Leary, Sie haben einen Kalender mit Ryanair-Stewardessen im Bikini herausgebracht.
Ein großartiger Kalender: Zwölf wunderschöne Frauen. Der Kalenderverkauf hat 150.000 Euro für Wohltätigkeitsprojekte eingebracht.

Wann kommt der Kalender mit den Männer-Fotos?
So lange ich lebe wird es keine Männer-Ausgabe geben. Wir machen keinen politisch korrekten Blödsinn.

Keine Fotos von Ihnen in der Badehose?

Um Gottes Willen, nein. Wir sind nicht im Kalendergeschäft. Wir sind eine Fluggesellschaft.

Sie sind bekannt für Provokationen. Wie lautet das schlimmste Wort mit dem Sie je tituliert wurden?

Nett.

Sie so zu nennen, macht Sie verrückt, oder?

Es ist mir egal, wie man mich bezeichnet. Oscar Wilde hat schon gesagt: Es gibt nichts schlimmeres, als dass man gar nicht über jemanden redet. Also, solange es Werbung für Ryanair erzeugt, ist es mir egal.

Wie beschreiben Sie sich selbst?

Ruhig. Schüchtern. Ehrlich.

Sie machen Witze.

Es stimmt! Wenn man von meiner Rolle als Ryanair-Chef absieht, wird man nichts über mich finden. Das ist kein Egotrip von mir. Ich leite eine Fluggesellschaft. Wir zeigen uns oft in der Öffentlichkeit, weil wir kein Geld für teure Werbekampagnen haben. Lufthansa gibt Millionen Euros für bescheuerte Werbekampagnen aus. So viel Geld haben wir nicht.

Sagt Ihnen Ihre Familie, wenn Sie zu weit gehen?

Ich werde ständig kritisiert. Auch in meiner Familie. Das ist in Ordnung. Vor fünf, sechs Jahren haben wir eine Werbekampagne gemacht, die den Papst zeigte. Meine Mutter war sehr böse, dass wir uns über den Papst lustig gemacht haben.

Ryanair steht nun vor schwierigen Zeiten.

Ich denke, Ryanair hat mehr Möglichkeiten als jemals zuvor...

...das sind Marketing-Sprüche.

Nein, schauen Sie: Öl kostet 120 Dollar pro Barrel. Man kann weinen oder es als Herausforderung sehen. Ich sehe die Herausforderung. Es gibt einen Wirtschaftsabschwung in Europa. Die Folge ist, dass Passagiere viel mehr auf Preise und Kosten achten. Aber die Leute werden weiterhin fliegen. In Europa wird der Flugverkehr bestimmt um ein bis zwei Prozent zulegen. Es stimmt nicht, dass weniger geflogen wird. Und wir werden weiter wachsen, auch in Zeiten eines Wirtschaftsabschwungs.

Wie reagieren Sie auf die Krise?

Den Leuten günstige Tickets bieten. Und garantieren. Mehr Leute werden sich für Ryanair entscheiden als für Lufthansa oder AirBerlin. Denn der Preisunterschied zwischen denen und uns wird größer, weil die anderen ihre Treibstoffzuschläge weiter erhöhen. Wir garantieren: Es gibt keine Treibstoffzuschläge. Mancher Wettbewerber wird noch pleite gehen.

Wer wird das sein?

Wenn der Ölpreis die nächsten 12 Monate so bleibt, dann werden wir eine der wenigen profitablen Fluggesellschaften in Europa sein, die übrigbleiben.

Auch Ryanair erhöht die Preise, zum Beispiel für Gepäckstücke...

...nein, nein! Wir senken die Flugpreise weiter. Erhöhen wir die Gebühren, die im Ermessen des Kunden liegen? Durchaus.

Warum?

Weil wir Ihre Gepäckstücke nicht tragen wollen.

Warum nicht?

Wenn Sie das wollen, tragen Sie sie selbst! Wir haben die Grenze für Handgepäckstücke von sieben auf zehn Kilo erhöht. Das ist mehr als die meisten Reisenden brauchen. Wir wollen nicht, dass Sie Gepäckstücke einchecken. Wenn Sie nicht mit Gepäck einchecken, müssen Sie auch zu keinem Check-In-Schalter. Das können Sie im Internet machen. Wenn wir es schaffen, dass 50 Prozent unserer Passagiere im Internet einchecken, auch mit dem Gepäck, dann brauchen wir nur noch die Hälfte der Check-In-Schalter. Und statt vier Gepäck-Mitarbeiter auf dem Rollfeld nur noch zwei.

Und das alles, weil der Ölpreis so hoch ist?

Nein, wir verfolgen diese Strategie schon seit zwei Jahren. Wir glauben nicht daran, Gepäck einzuchecken. Das ist irrsinnig. Man macht es ja auch nicht bei Bussen, Zügen oder dem eigenen Auto. Wir brauchen einfache Flughäfen: Wir leben in einer Ära mit Flughafen-Monopolen wie Fraport oder Heathrow, die diese fünfgeschossigen Wunderbauten wollen, mit Gepäckhallen und Check-In-Schaltern.

Wie stellen Sie sich denn die Zukunft der Luftfahrt vor?

Keine Check-In-Schalter und keine Gepäck-Hallen. Sicherheitskontrollen wird es weiter geben. Aber nur in einer regulierten Industrie wie der Airline-Branche hat man diesen bescheuerten Service, dass man Sie bei Abreise von Ihrem Gepäck trennt und Sie damit bei Ankunft wieder vereint. Was ist das für ein Mist?

Sie werden diese Gesetze der Luftfahrtbranche nicht ändern.

Doch. Das haben wir schon oft bewiesen. Und werden es weiter tun. Die Branche muss sich ändern.

Bei Ryanair gibt es Warnungen vor einem Gewinnrückgang. Selbst von Stellenabbau ist die Rede.

Das haben wir alles schon verkündet. Es ist doch unsere Aufgabe, Kosten zu senken, damit die Flugpreise sinken.

Und Ihr Aktienkurs stürzt ab.

Was erwarten Sie? Der Ölpreis ist bei 120 Dollar pro Barrel. Und ich bin der größte Einzelaktionär.

Das muss weh tun.

Nein, tut es nicht. Wir sind weiter auf dem richtigen Weg. Und werden auch in einem Wirtschaftsabschwung schneller wachsen.

Der Billigflieger-Markt ist erwachsen. Wie wollen Sie überhaupt noch wachsen?

Indem wir die Flugpreise weiter senken. Wir verdoppeln unsere Größe in den nächsten vier Jahren, indem wir die Flugpreise um wahrscheinlich 50 Prozent senken. Derzeit liegt das Passagieraufkommen bei 40 Millionen. In vier Jahren erwarten wir 80 Millionen. Unsere Flotte wird sich von 150 auf 300 Flieger verdoppeln.

Das heißt aber, dass Sie auch die großen Flughäfen ansteuern wie Frankfurt. Nicht Frankfurt-Hahn. Richtig Frankfurt.

Nein. Wir werden nie nach Frankfurt fliegen, auch nicht nach Heathrow. Sie schaffen dort keinen Turnaround innerhalb von 25 Minuten. Man verliert Effizienz. Auch wenn es es uns nichts kosten würde, werden wir da nicht hinfliegen.

Aber die großen Drehkreuze, das ist die Zukunft.

Wer sagt so etwas? Vielleicht Leute, die für Lufthansa arbeiten. Selbst die müssen zugeben, dass das nicht die Zukunft ist.

Sind Sie neidisch auf Lufthansa? Vorstandschef Mayrhuber meldete zuletzt gute Zahlen.

Im Vergleich zu was? Seine Margen sind schlechter als unsere. Sein Wachstum ist langsamer. Worauf zum Teufel soll ich neidisch sein? Er führt nur die zweitgrößte Airline in Deutschland. Ryanair ist die größte. Passagiere bevorzugen uns, nicht Mayrhofer ...

... das ist ein alter Witz. Sie kennen seinen richtigen Namen.

Entschuldigung. Aber wie war sein Name noch mal? Mayrhuber?

Lassen Sie uns über den deutschen Markt sprechen. AirBerlin hat schon LTU und bald Condor. Wie wird das alles enden?

In Tränen.

Warum?

AirBerlin ist verloren. Das ist eine Airline mit hohen Kosten, die Geld verliert. Um das zu ändern, glauben sie, weitere teure Billigflieger kaufen zu müssen, starten eine Business-Klasse und Vielflieger-Klubs. Vergessen Sie das. Niemand im deutschen Markt kann uns unter Druck setzen. Unsere Flugpreise sind niedriger als die von den anderen Airlines in Deutschland. In fünf Jahren sieht der deutsche Markt so aus: Lufthansa und Ryanair. Ich bin mir sicher, dass es AirBerlin dann nicht mehr gibt.

Das ist eine gewagte Prognose.

Man muss kein Genie sein, um zu wissen, dass AirBerlin in seiner jetzigen Form in fünf Jahren nicht mehr präsent sein wird. Fluggesellschaften fusionieren, weil sie allein kein Geld verdienen. Aber wenn man allein kein Geld verdient, wird das auch nicht durch eine Fusion funktionieren.

Haben Sie jemanden zur Fusion im Blick?

Nein. Eher fallen die anderen hier bei uns zur Tür herein. Mancher will sich verzweifelt an uns verkaufen. Aber wir sind nicht interessiert.

Wer kam zuletzt?

Das kann ich nicht sagen.

Wann gibt es Transatlantik-Flüge mit Ryanair, etwa nach Amerika?

Nie. Wir haben mal einen Billiganbieter für Transatlantikflüge erwogen, aber nicht mit Ryanair. Ryanair bleibt für kurze, günstige Flüge.

Auch AirBerlin fliegt nach Peking und New York.

AirBerlin verliert Geld. Warum sollte ich etwas kopieren, was AirBrlin macht? Wir verdienen Geld. AirBerlin sollte uns kopieren.

Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, Fliegen sei ein Klimakiller?

Das stimmt nicht. Der Luftverkehr hat nur einen geringen Anteil der weltweiten Treibhausgase, weniger als zwei Prozent.

Sie verbrennen eine Menge Kerosin am Himmel.

In Bezug auf die Zahl an Passagieren, die wir transportieren, brauchen wir aber weniger Sprit als zum Beispiel im Autoverkehr. Der weltweite Schiffsverkehr hat einen Anteil von fünf Prozent am Ausstoß von Treibhausgasen. Der Autoverkehr hat 18 Prozent, die Energieindustrie 26 Prozent. Natürlich spielt auch die Luftfahrt eine Rolle, aber unsere Flotte hat in den vergangenen Jahren die Emissionen, den Kerosinverbrauch und die Lärmbelästigung um 50 Prozent gesenkt.

Wie lang bleiben Sie noch Ryanair-Chef?

Ich sage dazu immer: In den nächsten zwei bis drei Jahren trete ich ab. Ich bin 47 Jahre alt und arbeite in einem großartigen Geschäft. Wo kann man sonst so vielen Wettbewerbern in den Hintern treten? In Europa haben alle Angst vor uns, weil sie wissen, dass sie unsere Flugpreise nicht unterbieten können.

Was machen Sie nach Ihrem Abgang?

Nun, es gibt immer noch viel zu erledigen. Und: Ich muss nicht wirklich arbeiten. Ich bin reich. Aber ich werde bestimmt nicht nur segeln gehen. Ich will etwas Nützliches machen. Bis jetzt macht die Arbeit für Ryanair noch Spaß.

Das Gespräch führte Tim Höfinghoff.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.440,70 -1,46
TecDax 721,58 -3,36
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.354,58 -0,97
Nikkei 225 13.603,31 +2,18
Euro/Dollar 1,57 -0,02
Bund Future 110,94 +0,75
Gold 927,10 +0,59
Öl 124,98 -1,22
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