WM 2010 in Südafrika

Wo der Fußballrasen wächst

Von Claudia Bröll, Stellenbosch

Julian Visser macht den Rasen für die Fußball-WM

Julian Visser macht den Rasen für die Fußball-WM

26. Juni 2009 Wenn man Julian Visser auf Fußball anspricht, erscheint ein breites Lachen auf dem Gesicht des südafrikanischen Landwirts. Die Weltmeisterschaft in Südafrika werde ein Erfolg werden, daran gibt es für ihn keinen Zweifel. Dass es während des gerade laufenden Confederations Cups an einigen Stellen haperte? „Anfangsschwierigkeiten. Natürlich bekommen wir das hin“, sagt er und setzt hinzu: „das Wichtigste für die WM gedeiht ja auch schon prima“.

Das Wichtigste aus Vissers Sicht ist 2,8 Zentimeter hoch, 12.500 Quadratmeter groß und sehr grün. Der Bauer lässt auf seinem 100 Hektar großen Anwesen in den Weingebieten am Kap den Rasen für das Greenpoint-Stadion in Kapstadt, eines von insgesamt zehn WM-Arenen, wachsen. Spätestens zum Halbfinale wird die ganze Welt auf die Grünfläche von Vissers Farm „Groenvlei Gras“ blicken. Die Fußball-WM bezeichnet der Unternehmer schon jetzt als das beste Geschäft seiner Laufbahn, allerdings auch als die größte Herausforderung. „Rasen anbauen ist wie ein Baby großziehen. Man braucht Geduld und viel Hingabe - vor allem für ein so großes Ereignis.“

Das Innenleben eines Fußballrasens

Einmal im Monat muss eine Probe des Rasens entnommen und im Labor untersucht werden

Einmal im Monat muss eine Probe des Rasens entnommen und im Labor untersucht werden

Die Qualität des Rasens bei der ersten Fußball-WM auf afrikanischem Boden treibt die Fifa besonders um. Wie bei den Themen Stadienbau, dem Aufbau eines funktionierenden Transportsystems oder der Sicherheit sind die Bedenken im Ausland groß, ob die Südafrikaner die Aufgabe meistern können. Wenige Tage vor dem Confed Cup schien es kurzfristig so, als ob die Zweifler Recht behalten könnten. Die Fifa-Funktionäre wüteten, als sie den schlechten Zustand des Spielfelds im Johannesburger Ellis-Park-Stadion sahen, wo das Eröffnungsspiel stattfinden sollte. Kurz zuvor hatte in dem Stadion ein hochkarätiges Rugby-Spiel stattgefunden. Und da es beim Rugby härter zugeht als beim Fußball, war der Boden an einigen Stellen wüst aufgerissen. Kurz vor dem Eröffnungsspiel stopften Arbeiter teils zehn Zentimeter tiefe Löcher im Gras. „Zur Fußball-WM wird alles perfekt sein“, versprachen die Organisatoren in Südafrika, „wir haben einen Plan“.

Ein Teil des Plans sind Agrarunternehmer wie Visser. Das Greenpoint-Stadion wird zwar noch gebaut, doch der Rasen ist schon fertig. Im Oktober soll er ausgerollt werden - mehr als ein halbes Jahr vor dem ersten Anpfiff. „Wir haben für die WM viel mehr Zeit als für den Confed Cup, ich bin sehr zuversichtlich, dass unser Spielfeld in einem perfekten Zustand sein wird, außerdem wird vorher kein Rugby darauf gespielt“, verspricht er. Auf den Anbauflächen sucht man Löcher oder Unebenheiten vergebens. Wie ein dicht geknüpfter Teppich liegt der Rasen da, auf dem sich bald die internationalen Spitzenkicker tummeln werden. Geräuschlos ziehen die weiten Stahlarme mehrerer Bewässerungssysteme über das Grün und versprühen Tausende winziger Wassertropfen.

Der bodenständige Südafrikaner, ein früherer Rugby-Spieler, führt in der Nähe von Stellenbosch einen Kleinbetrieb mit 25 Arbeitern. Ein barackenähnliches Gebäude inmitten der Felder reicht als Unternehmenszentrale. Drinnen ist nicht zu übersehen, dass hier auf Hochtouren gearbeitet wird. Auf Tischen und Stühlen stapeln sich internationale Fachzeitschriften über Rollrasen, Groenvlei-Werbebroschüren und Aktenordner. Die Wände sind bedeckt mit Spielfeld-Plänen: dichte Gewirre aus dünnen Strichen, Punkten und Kringeln. Das Innenleben eines Fußballrasens scheint komplex zu sein.

Markt für Rasen längst nicht mehr lokal begrenzt

Visser, der nicht nur den Rassen liefert, sondern auch die Bewässerungsanlagen im Stadion installiert und ein 2,5 Kilometer langes Leitungsnetz zur Entwässerung in den Boden legt, ist seit 1992 im Geschäft. Bisher lieferte er Rasen für Golfplätze, Schulsportanlagen und Rugby-Arenen. Nie zuvor jedoch wurde seinem Produkt so viel Aufmerksamkeit gewidmet wie diesmal, und nie zuvor gab es so viele Regeln zu beachten. „Die Fifa hat ein sehr dickes Regelbuch nur dazu herausgegeben“, erzählt er. Darin findet sich zum Beispiel die Vorschrift, dass ein Agrarwissenschaftler jeden Monat eine Probe der Pflanzen nehmen muss, um sie in einem Labor auf Nährstoffe zu untersuchen. Weicht der Gehalt von den vorgegebenen Größen ab, muss Visser mehr oder weniger düngen. Außerdem ist festgeschrieben, dass ein Expertenkomitee während der WM exakt in der ersten Stunde nach jedem Spiel den Rasen begutachtet und über Reparaturen entscheidet. Der Landwirt musste daher die doppelte Spielfeldfläche anbauen, um für den Ernstfall genug Flickmaterial zu haben.

Das Wichtigste aber ist das makellose Aussehen. Wie vieles in Afrika ist auch das Gras anders als in Europa. Es heißt Kikuyu, stammt aus Ostafrika, ist grob und breitblättrig mit einem kräftigen Wurzelwerk. Dass es sich genauso bespielen lässt, hat der Confed Cup bereits bewiesen. Die Anhänger perfekt manikürter europäischer Rasen jedoch würden beim Anblick des Kikuyu vermutlich die Nase rümpfen. Vor allem während des südafrikanischen Winters, wenn die WM stattfindet, zeigt es sich nicht von seiner besten Seite. Wenige Monate vor dem Start der WM wird Visser dem Rasen daher eine Schönheitskur verpassen, indem er eine aus der nördlichen Erdhalbkugel stammende feinere Grassorte darüber sät. Diese hält kühleren Temperaturen besser stand. Vor allem aber sieht sie besser aus.

Die Fülle an Regeln führt dazu, dass die Produktion des Rasens für ein WM-Stadion teurer ist als für jede andere Sportstätte. Zahlen will Visser nicht nennen. Seinen Angaben zufolge lohnt sich das Spektakel für Südafrikas Grasbauern aber trotzdem. Sein Jahresumsatz lag bisher bei knapp 10 Millionen Rand (1 Million Euro), durch die WM werde er sich vermutlich verdoppeln - Anschlussaufträge nicht eingerechnet. „Wir wollen die Chance nutzen und jetzt mehr in Marketing investieren“, sagt er. Der Markt für Rasen sei auch längst nicht mehr lokal begrenzt. Australische Unternehmen beispielsweise belieferten Golfplätze in Dubai. Womöglich seien auch die ebenfalls auf der südlichen Hemisphäre lebenden Brasilianer zur WM 2014 an den Erfahrungen der Südafrikaner interessiert, wenn sie sehen, dass das Kikuyu-Gras tatsächlich den Fußballschuhen und kritischen Blicken aus aller Welt standhält.

Text: F.A.Z.

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