26. März 2007 Ferdinand Piëch ist am Ziel. Nach einem langen, intrigenreichen Kampf ist ihm ein ziemlich einmaliger Coup in der deutschen Automobilgeschichte gelungen: Porsche und Volkswagen rücken eng zusammen, und er, der mächtige VW-Aufsichtsratsvorsitzende, hat das Kommando. In Wolfsburg regiert der Österreicher seit einigen Monaten wieder unangefochten wie in früheren Jahren; und wenn er auf der kommenden Hauptversammlung am 19. April in seinem Amt bestätigt wird, woran es dank der komfortablen Porsche-Mehrheit keine Zweifel gibt, hat er fünf weitere Jahre Zeit, seine Vorstellungen von der Zukunft von Europas größtem Autokonzern umzusetzen - womöglich unter dem Dach der neuen Porsche-Holding. Wahrscheinlich schon früher fusioniert Piëch auch noch die beiden Lastwagenhersteller MAN und Scania mit der VW-Nutzfahrzeugsparte. Niemand kann ihn aufhalten.
Piëch selbst wirkt in diesen Tagen wie einem Jungbrunnen entstiegen: Er ist schlank wie eh und je, die von ihm so geliebten Nadelstreifenanzüge sitzen perfekt, sein Alter von bald 70 Jahren ist ihm nicht anzusehen. Und Piëch ist in letzter Zeit bei VW auch so präsent wie lange nicht mehr: Piëch fliegt zu Testfahrten nach Südafrika und Namibia, Piëch geht zur Preisverleihung Auto des Jahres, Piëch lässt keine Automesse aus, sei es in Detroit oder in Genf, stets in Begleitung von seiner zweiten Frau Ursula. Wer Piëch in den letzten Monaten seiner wiedererlangten Macht erlebt hat, erkennt den alten, kantigen Technikenthusiasten wieder.
Ausbalancierte Macht zwischen Piëch und Porsche
Dabei ist Piëch, der Enkel des Käfer- Erfinders Ferdinand Porsche, heute sogar mächtiger denn je. Seit Porsche Großaktionär bei VW ist, hat Piëch den Autokonzern unter seine totale Kontrolle gebracht. Im Sinne Piëchs kommt mit Porsche und VW nun zusammen, was schon immer zusammengehörte. Und bei der Familie Piëch laufen die Fäden beider Konzerne zusammen. Mit der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG in Stuttgart ist der Piëch-Clan nicht nur am profitabelsten Sportwagenhersteller der Welt beteiligt. Über die in Salzburg angesiedelte Porsche-Holding sind die Piëchs zudem der größte Autohändler Europas. Die Macht bei Porsche teilen sich die Piëchs mit der Familie Porsche.
Beide Familienstränge sind sich nicht sonderlich zugetan. Aber zuletzt ist Ferdinand Piëch wieder häufiger mit seinem Vetter Wolfgang Porsche gesehen worden. Beide hätten ein Geschäft eingefädelt, das ihnen ein ungestörtes Nebeneinander garantieren soll, wird kolportiert: Wolfgang Porsche ist kürzlich zum Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Porsche AG gewählt worden. Im Gegenzug unterstütze Wolfgang Porsche nun auch die Wiederwahl von Ferdinand Piëch an der Spitze des VW-Gremiums, heißt es. Die Macht zwischen Piëch und Porsche soll schön ausbalanciert sein. Mit dem Übernahmeangebot von Porsche erübrigt sich jetzt auch die Option für Piëch, über Dritte zusätzliche VW-Stammaktien zu erwerben. Denn auch solche Gerüchte waren am Aktienmarkt aufgekommen, nachdem der Kurs der VW-Aktie unaufhörlich gestiegen war.
Bleierne Tage unbeschadet überstanden
Seinen Einfluss hat Piëch aber nicht nur über die Kapitalseite gesichert. Schon in den neunziger Jahren, damals als VW-Vorstandsvorsitzender, hatte er ein dichtes Netz aus wechselseitigen Abhängigkeiten gewoben. Mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder verstand er sich ebenso gut wie mit führenden Gewerkschaftsvertretern. Sie waren es auch, die ihn 1993 gemeinsam auf den Chefsessel gehoben haben.
Es gab ein paar Wochen im Leben von Piëch, da blickte er in den Abgrund seiner Karriere. Der Skandal um Korruption und Lustreisen des VW-Betriebsrats hätte den kantigen Porsche-Enkel im Sommer 2005 um ein Haar den einflussreichen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender gekostet. Piëch hat auch diese für ihn bleiernen Tage unbeschadet überstanden, weil der damalige Personalvorstand Peter Hartz die volle Verantwortung für das dubiose Treiben übernommen hat. Piëch ist sogar gestärkt daraus hervorgegangen.
Management by Angst
Innerhalb weniger Monate hat er es seinen Widersachern heimgezahlt. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, der ihn in der VW-Affäre zum Rücktritt aufgefordert hatte, musste in einen Burgfrieden einwilligen. Mit Hilfe der Gewerkschaften hat Piëch den Sturz des damaligen VW-Chefs Bernd Pischetsrieder betrieben. Pischetsrieder kamen die Details um Prostituiertenbesuche von Betriebsräten auf Firmenkosten gelegen, um das als System Piëch kritisierte Beziehungsgeflecht zwischen Konzernspitze und Arbeitnehmervertretung endlich aufzubrechen.
Doch der joviale Bayer scheiterte. Und Piëch arbeitete zielgerichtet an der Demontage Pischetsrieders, um seinen Zögling, Audi-Chef Martin Winterkorn, bei VW zu installieren. Winterkorn ist ein treuer Weggefährte Piëchs und nun gewiss auch zuverlässiger Erfüllungsgehilfe bei der bevorstehenden engeren Verzahnung mit Porsche. Im Heuern und Feuern von Vorständen hat Piëch Erfahrung, oft hat er mit einem einzigen Federstrich Managerkarrieren beendet. Angeblich soll er den Rekord im Feuern von Vorständen halten: Dreißig sollen es sein. Darauf angesprochen, sagt Piëch lapidar: Ich habe sie nie gezählt. Piëch ist gefürchtet. Sein autokratischer Führungsstil ist berüchtigt. Mit der Ernennung von Winterkorn hat er bei VW wieder Einzug gehalten hat. So überrascht es nicht, wenn heute auf den Fluren in Wolfsburg wieder vom Management by Angst die Rede ist.
Piëch hat durchaus Erfolge gefeiert. In Amerika wurde er einst gar zum Automanager des Jahrhunderts gekürt. Er hat als Audi-Entwicklungschef die Marke mit den vier Ringen vom Hosenträgerimage befreit und sie in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender von 1988 an mit Allradantrieb und vollverzinkter Karosserie auf Augenhöhe mit den Premiummarken Mercedes-Benz und BMW gebracht. Und als er 1993 die Führung von VW übernahm, war die Kernmarke ein Sanierungsfall - so wie heute.
Text: F.A.Z., 26.03.2007, Nr. 72 / Seite 16
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