Von Roland Lindner
18. April 2008 Es war ein Höhepunkt in einer glanzvollen Zeremonie: Am 8. Juli vergangenen Jahres stellte der amerikanische Flugzeugbauer Boeing in seinem Werk in Everett bei Seattle zum ersten Mal sein mit Spannung erwartetes neues Modell 787 der Öffentlichkeit vor. Zur Präsentation des Flugzeugs mit dem Spitznamen Dreamliner gehörte eine ganze Serie von Live-Schaltungen, die von rund um den Globus kamen: Italien, Japan und zwei weitere amerikanische Orte. Dort sitzen Zulieferbetriebe für den 787, und von jedem einzelnen Standort wurde via Satellit ein Grußwort nach Everett übertragen, begleitet vom tosenden Jubel der jeweiligen versammelten Mitarbeiter. Boeing wollte mit diesem Teil der Show eine stolze Botschaft verbreiten: Der Dreamliner wird ein Weltflugzeug.
Boeing hat mit dem Dreamliner Bahnbrechendes versprochen: Die Maschine wurde als Energiesparmodell konzipiert, das aus leichterem Plastikverbundstoff anstelle von Aluminium besteht und nach Angaben von Boeing 20 Prozent weniger Treibstoff verbraucht als vorherige Flugzeuggenerationen. Eine Revolution sollte auch der Entstehungsprozess werden: Boeing lagerte einen großen Teil der Entwicklungs- und Fertigungsarbeiten an ein über die ganze Welt gespanntes Netz von Zulieferern aus, unter anderem um die Kosten für das Projekt nicht alleine schultern zu müssen. Zu den Partnern gehören Alenia aus Italien und die japanischen Unternehmen Mitsubishi, Kawasaki und Fuji. Im Gegensatz zu früheren Flugzeugprojekten sollen die Zulieferer beim Dreamliner nicht einfach nur Einzelteile liefern, die dann im Boeing-Werk zusammengebaut werden. Vielmehr soll bei den Zulieferern bereits ein nennenswerter Teil der Montagearbeiten stattfinden, und es werden größere Flugzeugkomponenten nach Everett geliefert, wo im Wesentlichen nur die Endmontage stattfindet.
Auslagerung ist maßgeblich für Terminpannen verantwortlich
Was auf dem Papier bestechend klingt, hat in der Praxis offenbar gehörige Tücken, mit denen Boeing nicht gerechnet hatte. Denn diese Auslagerung ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Boeing den Zeitplan für den Dreamliner nun schon dreimal verschieben musste. Ursprünglich sollte die erste 787 im Mai dieses Jahres an den Startkunden, die japanische Fluggesellschaft All Nippon Airways (ANA), ausgeliefert werden. Im Oktober meldete Boeing erstmals eine Verzögerung und schob die Erstauslieferung auf Ende 2008. Bald danach war von Anfang 2009 die Rede. In der vergangenen Woche teilte Boeing nun mit, der erste Dreamliner werde im dritten Quartal 2009 ausgeliefert. Das heißt, die Maschine kommt mindestens 14 Monate später als ursprünglich geplant auf den Markt. Der einst für August 2007 in Aussicht gestellte Jungfernflug ist nun für das Schlussquartal dieses Jahres angesetzt. Die Verschiebungen beim Dreamliner erreichen schon fast die Dimensionen, wie sie dem europäischen Wettbewerber Airbus mit seinem Jumbo A380 passiert sind. Die erste Maschine dieses Typs wurde mit fast zwei Jahren Verspätung im vergangenen Oktober erstmals ausgeliefert, die Verzögerungen stürzten die Airbus-Muttergesellschaft EADS in eine schwere Krise.
Einmal mehr machte Boeing bei der jüngsten Verschiebung die Probleme im Zuliefernetz verantwortlich. Boeing hat seinen Partnern in einigen Fällen offenbar mehr Verantwortung übertragen, als sie stemmen konnten. In Everett kamen wiederholt falsch oder unvollständig montierte Teile an, was zeitraubende Nacharbeiten nötig machte. Boeing sah sich gezwungen, Hunderte von eigenen Mitarbeitern in die Werke von Zulieferern abzustellen, um Schwachstellen auszumerzen. In einem Werk im amerikanischen Bundesstaat South Carolina, das als einer der größten Problemherde galt, zog Boeing vor wenigen Wochen die Notbremse, um mehr Kontrolle an sich zu reißen. Das Werk war zuvor ein Gemeinschaftsunternehmen von Alenia und dem amerikanischen Hersteller Vought, und Boeing übernahm den 50-Prozent-Anteil von Vought.
Boeing hat ausgelagert, was möglich war
Manchen Mitarbeitern von Boeing gehen diese Schritte nicht weit genug: Die beiden wichtigsten Gewerkschaften des Unternehmens übten scharfe Kritik an der Auslagerungsstrategie und forderten eine Rückkehr zum alten Modell: Die Ingenieursgewerkschaft sagte, es sei ein Fehler gewesen, sich auf Partner auf der ganzen Welt zu verlassen. "Boeing hat ausgelagert, was möglich war, um Kosten zu sparen, und das schadet dem Projekt und dem Unternehmen." Die Ingenieure forderten Boeing auf, die Arbeit in das eigene Haus zurückzuholen, ein ähnlicher Appell kam von der Gewerkschaft der Mechaniker.
Das Zuliefernetz ist indessen nicht das einzige Problem, das Boeing plagt. Bei der jüngsten Verschiebung gab Boeing zu, dass eine neue Schwachstelle aufgetaucht ist. So stellte sich heraus, dass der sogenannte Flügelkasten (Wing Box), ein größeres Verbindungsstück zwischen Flügel und Rumpf, offenbar nicht stabil genug ist. Auch hier sind nun Nacharbeiten notwendig. Schon im vergangenen Jahr machte Boeing außerdem eine Marktknappheit an Bolzen zu schaffen, mit denen die Teile des Flugzeugrumpfs zusammengehalten werden. Der bei der Enthüllungszeremonie vorgestellte erste Dreamliner hatte provisorische Bolzen.
Mehrere Fluggesellschaften wollen Schadensersatz
Analysten reagierten nicht allzu geschockt auf die jüngste Verschiebung beim Dreamliner, der Aktienkurs von Boeing legte nach der Mitteilung sogar zu. Einige Analysten zeigten sich zuversichtlich, dass der neue Zeitplan realistischer ist als die bisherigen Vorgaben und etwas Luft für mögliche weitere Probleme lässt. Cai von Rumohr von der Investmentbank Cowen wies indessen darauf hin, dass es im gegenwärtigen Stadium des Projekts noch zu früh sei für endgültige Aussagen. In einer Notiz für Investoren sagte er: "Wir glauben, der kritische Meilenstein, um festzustellen, ob alle schlechten Nachrichten auf dem Tisch sind, wird eine oder zwei Wochen nach dem ersten Flug sein."
Nach Schätzungen von Rumohr werden die Verzögerungen Boeing teuer zu stehen kommen. Er rechnet mit Kosten von 4 Milliarden Dollar, die unter anderem für zusätzliche Entwicklungsarbeiten und Schadensersatzzahlungen von Kunden anfallen könnten. Mehrere Fluggesellschaften haben bereits angekündigt, dass sie Schadensersatz fordern werden. Besonders verärgert zeigte sich der Startkunde ANA: "Wir sind extrem enttäuscht. Wir bitten Boeing dringend darum, uns so bald wie möglich einen Zeitplan zu geben, der 120 Prozent definitiv ist."
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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