BMW

Getrübte Freude am Fahren

Von Henning Peitsmeier

08. September 2007 Die große Show ist BMW auf der Internationalen Automobil-Ausstellung sicher. Zu populär ist die weiß-blaue Marke, zu erfolgsverwöhnt das Unternehmen, als dass man in München nicht wüsste, wie die eigenen Autos gekonnt in Szene zu setzen wären. Für das große IAA-Thema Klimaschutz ist BMW auch gerüstet. Mit Norbert Reithofer steht seit genau einem Jahr ein Vorstandsvorsitzender an der Spitze, der über das umweltschädliche Treibhausgas genauso gern redet wie über das Drehmoment der BMW-Aggregate. Und der neuen Motorengeneration, die dank Bremsenergie-Rückgewinnung und Start-Stop-Funktion weniger Kohlendioxid freisetzt und trotzdem Fahrspaß bereiten soll, hat er sogar ein beeindruckendes Schlagwort gegeben: „Efficient Dynamics“.

Doch an anderer Stelle hakt es mit der Effizienz, entfaltet sich die Dynamik gerade in entgegengesetzte Richtung. Bei BMW sinken die Gewinnmargen wegen des starken Euro, der steigenden Rohstoffkosten und hoher Rabatte auf wichtigen Absatzmärkten. Die BMW-Stammaktie entwickelt sich schlechter als der Dax, und gemessen am erwarteten Gewinn je Aktie ist BMW mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11,1 der schlechteste Wert unter den deutschen Autoaktien. Zwar hat Reithofer jüngst noch die Ertragsprognose für das Gesamtjahr bekräftigt, aber irgendwie fehlt der Optimismus, diese - wie in früheren Jahren - am Ende noch zu übertreffen.

Motto „Mehr Allianzen“ gilt wohl als der Königsweg

Das waren die Aktionäre zuletzt so gewohnt. Wie soll der Vorstand seinen Großaktionär, die Familie Quandt, zufriedenstellen? Wie geht es überhaupt weiter unter der Regie von Reithofer? Wegweisendes dazu wird von dem gebürtigen Bayer nach der IAA erwartet. Eine Erklärung, wie kurzfristig die Talfahrt des Gewinns gestoppt, das Dilemma der sinkenden Rendite je Fahrzeug gelöst wird, wäre schon zu wenig. Bei BMW geht es um die nächsten fünf Jahre und darüber hinaus: Reithofer ist 51, und mit 60 Jahren scheidet ein Vorstandsvorsitzender bei BMW aus dem Amt.

Auf jeden Fall noch im Oktober werde Reithofer über seine Pläne informieren, ist aus dem Hause BMW zu hören. Nicht, dass dann schon das gesamte Unternehmen aufs neue Gleis gesetzt wäre, aber allemal mehr als ein Startschuss dürfte es sein. Einiges kristallisiert sich heraus: Mehr Allianzen mit anderen Wettbewerbern gilt unter Reithofer wohl als der Königsweg, um teure Entwicklungen auf eine größere Zahl von Fahrzeugen verteilen zu können. So wie in der Allianz mit General Motors und Daimler-Chrysler, die auch für BMW einen Hybridantrieb entwickelt oder der Motoren-Partnerschaft mit Peugeot-Citroën für Mini könnten auch andere Projekte in Angriff genommen werden.

„Sind sehr gut unterwegs, dieses Ziel zu erreichen“

Es ist sogar vorstellbar, dass die Bayerischen Motoren-Werke ihr Allerheiligstes, die Motoren, an Konkurrenten verkaufen. Den ganz großen Wurf, den Kauf eines Wettbewerbers, wird es mit Reithofer sieben Jahre nach der Trennung von Rover wohl nicht geben. Ford bietet Volvo an, aber die Schweden sind mit ihren Frontantrieben unter Skalenerträgen nicht der ideale Partner für die Münchner Heckantriebsspezialisten.

Es klingt paradox: Reithofer steht auch deshalb unter Druck, weil BMW immer mehr Autos verkauft. Im August legten die Verkäufe wieder zweistellig zu. Die Zahl der ausgelieferten Fahrzeuge der drei Marken BMW, Mini und Rolls-Royce kletterte im Jahresvergleich um 12,9 Prozent auf 99.755 Autos. Das teilte der Konzern am Freitag in München mit. Und BMW-Vertriebsvorstand Michael Ganal sagte: „Wir haben uns für das Jahr 2007 ein Absatzwachstum im höheren einstelligen Prozentbereich vorgenommen. Wir sind sehr gut unterwegs, dieses Ziel zu erreichen.“

Der Abwärtstrend bei BMW ist besorgniserregend

Schaut man auf den reinen Absatz, gibt es keine Zweifel: Von Januar bis einschließlich August erreichte BMW damit ein Plus um 7,1 Prozent, insgesamt stiegen die Verkäufe auf 952.929 Fahrzeuge. Verglichen mit dem großen Rivalen Daimler-Chrysler haben die Münchner noch einen komfortablen Vorsprung: Die Stuttgarter verkauften Autos ihrer drei Marken Mercedes-Benz, Maybach und Smart in den ersten acht Monaten insgesamt nur 817.600 Mal. Und Audi holt zwar mächtig auf, ist mit 656.600 verkauften Fahrzeugen immer noch abgeschlagen.

Doch Börsianer und Analysten fragen sich, was bei BMW aus der Rendite je Fahrzeug wird. Der Abwärtstrend ist besorgniserregend: Die Umsatzrendite vor Steuern ist seit dem Jahr 2000 von 9,2 Prozent stetig gesunken und im ersten Halbjahr 2007 mit 5,5 Prozent auf dem bisher niedrigsten Stand angekommen. Und hier zeigen die Erzrivalen BMW schon die Rücklichter: Mercedes erzielte im Vergleichszeitraum eine Vorsteuermarge von 8,1 Prozent, Audi brachte es auf 6,4 Prozent.

Finanzvorstand nach Desaster nicht mehr unumstritten

Neue Modelle sollen es richten. Der Einstieg in die Golf-Klasse indes hat den Margenschwund beschleunigt. Bei BMW gilt der Einser als Rendite-Killer. Zu schlechten Konditionen soll das Fahrzeug sogar an den Fuhrpark der Bundeswehr verkauft worden sein, nur um die Absatzstatistik zu retten. Zur IAA präsentiert BMW eine Coupé-Version des Modells, das mit dem Stufenheck bevorzugt auf Käufer in Amerika schielt. Jenseits des Atlantiks legt BMW gerade zweistellig zu, im August allein ein Absatzplus von 19,3 Prozent. Ob die Verkaufserfolge in Amerika, dem größten BMW-Auslandsmarkt, angesichts des starken Euro wirklich so vorteilhaft sind, darf ebenfalls bezweifelt werden. Jedes verkaufte Auto drückt auf die Marge.

Intern soll Finanzvorstand Stefan Krause wegen seiner fehlgeschlagenen Kurssicherungspolitik nicht mehr unumstritten sein, ist er doch verantwortlich für das Dollar-Desaster. 660 Millionen Euro Währungsbelastungen hatte BMW 2006 zu verkraften, in diesem Jahr ist in Branchenkreisen gar von einer Milliarde Euro die Rede. Und Händler in Nordamerika berichten zudem von hohen Rabatten, die BMW auf die gerade modellgepflegte Fünfer-Reihe geben muss. Eine Entscheidung steht: Im amerikanischen Werk in Spartanburg, wo X5 und Z4 vom Band laufen, wird die Produktionskapazität von jährlich 140.000 auf 200.000 ausgeweitet. Immerhin ein Anfang, um das Dollarisiko zu begrenzen.



Text: F.A.Z., 08.09.2007, Nr. 209 / Seite 18
Bildmaterial: AFP

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NamePunkteProzent
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