Pharmahandel

Apotheker kommen an die Kette

Von Tim Höfinghoff

Bislang dürfen nur Privatpersonen eine Apotheke führen

Bislang dürfen nur Privatpersonen eine Apotheke führen

30. April 2007 Apotheker führen ein behagliches Geschäft. Streng reguliert und abgeschirmt von mächtiger Konkurrenz, verkaufen sie den Kunden die nötige Arznei. Die Verbraucher freuen sich: An fast jeder Straßenecke gibt es Medikamente. Doch mit der Gemütlichkeit wird es bald vorbei sein. Der Pharmahändler Celesio hat den niederländischen Internetapotheker DocMorris gekauft. Der Deal wird die Branche auch in Deutschland durcheinanderwirbeln.

Mit dem Kauf von DocMorris steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Celesio mit dem Aufbau einer eigenen Apothekenkette in Deutschland beginnt. Das ist zwar in der Bundesrepublik noch verboten, doch schon im nächsten Jahr dürfte der Europäische Gerichtshof (EuGH) die deutsche Sonderregelung kippen, dass es nur einer Privatperson erlaubt ist, eine Apotheke zu führen. Auch das Verbot für Apothekenketten dürfte dann fallen. Derzeit darf kein Apotheker mehr als vier Geschäfte haben.

Der EuGH muss noch entscheiden

Dieses Urteil dürfte Celesio im Blick gehabt haben, als es DocMorris für 200 Millionen Euro kaufte. DocMorris war nicht nur Vorreiter beim Online-Versand von Medikamenten, sondern auch die erste Kapitalgesellschaft, die in Deutschland eine Apotheke eröffnete. Zudem startete DocMorris-Chef Ralf Däinghaus ein Franchisesystem. Dabei bleiben die Apotheker zwar rechtlich eigenständig, kleben aber das DocMorris-Logo an die Apotheke. 20 solcher Partnerschaften gibt es schon, 500 sollen es in den kommenden fünf Jahren werden.

Die Apothekerlobby zog vor Gericht, als Däinghaus im vergangenen Jahr vorpreschte und im Saarland eine eigene Apotheke eröffnete. Das Verwaltungsgericht des Saarlandes hat die Angelegenheit an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) übertragen. Branchenkenner vermuten, dass der EuGH im kommenden Jahr vermutlich im Sinne von DocMorris entscheidet. Dann würde für Apotheker in Deutschland eine neue Zeitrechnung beginnen: Das deutsche Fremdbesitzverbot wäre Geschichte. Zudem hätten es ausländische Anbieter leichter, auf den deutschen Markt zu drängen.

Der Markt wird schon verteilt

Auch wenn es die Liberalisierung auf dem deutschen Apothekenmarkt noch nicht gibt, wird laut Däinghaus "der Markt schon verteilt". Soll heißen: Alle rechnen mit der Liberalisierung und handeln - wie auch Celesio-Chef Fritz Oesterle. Er sagte nach dem DocMorris-Kauf: "Wir mussten uns die stärkste deutsche Apothekenmarke sichern."

Celesio-Chef Fritz Oesterle (rechts) mit “DocMorris“ Ralf Däinghaus

Celesio-Chef Fritz Oesterle (rechts) mit "DocMorris" Ralf Däinghaus

Bisher ist Celesio als größter Pharmahändler in Europa immer eng mit den Apotheken verbandelt gewesen und beliefert sie mit Medikamenten. Nun macht Celesio seinen Stammkunden in Zukunft allerdings direkte Konkurrenz. Dabei hat Celesio in vielen europäischen Ländern längst bewiesen, wie die Strategie der Zukunft aussieht. Celesio hat schon längst Apothekenketten - insgesamt sind es 2100 Filialen in Ländern wie Norwegen, Italien und vor allem in Großbritannien.

Apothekerverbände entsetzt

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda) stemmt sich mit aller Macht gegen solche Veränderungen und zeigt sich entsetzt über Celesio: "Die Maske ist gefallen", sagt Abda-Präsident Heinz-Günter Wolf: "Celesio positioniert sich gegen die eigenverantwortete, heilberuflich ausgerichtete Apotheke."

Das Argument des Abda: Wenn Apotheken in Zukunft nur noch Medikamente von einem Hersteller verkaufen, geht das zu Lasten der Verbraucher. Doch der Wandel ist nicht mehr aufzuhalten. Zumal Deutschlands Apothekenmarkt, der mit einem Umsatz von 35 Milliarden Euro der größte in Europa ist, besonders interessant für die Großhändler wird. Sie streben Kooperationen mit Apotheken an. Zugleich sind Einkaufsgemeinschaften beliebt.

Auch Drogerien drängen in das Geschäft

Langfristig werden Apotheker allein kaum eine Überlebenschance haben. So gehören zum Verbund der Celesio-Tochter Gehe 2700 Apotheken. 1200 Apotheken sind Teil des Vivesco-Verbundes mit dem Pharmagroßhändler Andreae-Noris-Zahn (Anzag). Nach dem DocMorris-Kauf kündigte Anzag an, selbst keine Apotheken betreiben zu wollen: "Wir bekennen uns zur inhabergeführten Apotheke."

Außerdem drängen zunehmend Drogerien in das Geschäft: Schlecker will das Pharmageschäft vorantreiben, DM kooperiert mit einem Apothekenversand. Bei der Drogeriekette Rossmann heißt es, dass es "absolut abwegig" sei, eine Apothekenkette zu gründen. "Realistisch" sei aber die Variante, künftig stärker im Bereich der Versandapotheken aktiv zu werden.

Celesio-Chef Oesterle, der sich stets als Freund der Apotheken präsentiert, nennt den einstigen Partnern auch den Grund, warum er bei DocMorris zugeschlagen hat: Niemand könne ein Interesse daran haben, wenn Firmen in den Markt drängen, die mit dem Apothekengeschäft eigentlich nichts zu tun haben. Gemeint haben muss er Finanzinvestoren wie KKR. Die haben gerade 16 Milliarden Euro für die britische Apothekenkette Alliance Boots bezahlt.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.04.2007, Nr. 17 / Seite 46
Bildmaterial: AP, dpa

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