22. Dezember 2007 Die Volksseele kocht. Manager verlieren jedes Maß, schallt es seit Wochen aus allen Kanälen. Post-Chef Klaus Zumwinkel vergoldet Aktienoptionen im Wert von vier Millionen Euro. Scheinbar honorige Bankvorstände spekulieren ihr Institut an den Rand des Abgrunds, verabschieden sich mit goldenem Handschlag, und wenn die Versager nach kurzer Verschnaufpause beim nächsten Arbeitgeber anheuern, verlangen sie als Erstes auch noch ein ordentliches Antrittsgeld. Und kurz vor Weihnacht kocht nun die Debatte schon wieder hoch: Sollte man Managergehälter nach oben begrenzen?
Sie kommen nicht aus der Gruppe der Ärmsten des Landes. Jene Manager, die an der Spitze der 30 größten deutschen börsennotierten Konzerne stehen, erhielten im Jahr 2006 Einkommensverbesserungen von 19 Prozent. Im Durchschnitt verdient ein Dax-Vorstand zurzeit 4,6 Millionen Euro jährlich. Noch im Jahr 2003 hatte er gerade die Hälfte davon zur Verfügung. Angesichts der mageren Zuwachstraten der Durchschnittsverdiener, deren Einkommen in 30 langen Jahren sich nur verdreifacht haben, kennt der öffentliche Ärger seit Wochen keine Grenzen.
Der Abstand muss erträglich bleiben
Wachsende Ungleichheit macht unglücklich. Das hat die Glücksforschung herausgefunden, die derzeit in Mode ist. Die Menschen nehmen lieber für sich selbst geringere Einkommen in Kauf, sofern der Abstand zu den Kollegen und Vorgesetzten in einem erträglichen Maß bleibt. Ein großer Abstand nach oben schlägt aufs Gemüt und verdirbt die Laune.
Eine Mehrheit der Deutschen fordert eine gesetzliche Begrenzung der Millionengehälter. 70 Prozent der Bevölkerung wollen dies laut einer Forsa-Umfrage. Dass sich mit mehr als 75 Prozent die Anhänger der SPD, Grünen und Linkspartei dafür aussprechen, verwundert wenig. Aber auch unter den Unions-Wählern sind zwei Drittel für einen raschen Eingriff des Gesetzgebers.
Trost für die Empörten
Kein Wunder, dass jetzt die Politiker aller Parteien sich mit Blick auf das Wohlwollen der Wähler überbieten mit Vorschägen zum Trost der Empörten. Justizministerin Brigitte Zypries will Gesetzesänderungen, wonach künftig noch mehr Transparenz und Kontrollmacht der Hauptversammlungen bei der Festsetzung der Gehälter vorgeschrieben würde. Und die Union beeilt sich, nicht als Bremser dazustehen. Das Problem besteht darin, dass die Proportionen aus dem Ruder geraten: Die Bezüge von Managern erhöhen sich spektakulär, während die Durchschnittsgehälter der Erwerbstätigen stagnieren, sagte nun der Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Da darf man sich nicht wundern, wenn das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen berührt ist. Auch Kanzlerin Merkel hatte unlängst davor gewarnt, die Gehälter-Debatte nicht als Neiddebatte abzutun.
Die Gescholtenen befinden sich auf Tauchstation und BDI-Präsident Thumann ermuntert sie, an die Oberfläche zu kommen (siehe dazu auch: Debatte um Managergehälter: BDI-Chef organisiert Gegenwehr). Denn nur wenige Top-Manager sind bereit, kämpferisch ihr Gehalt zu verteidigen. Sie erwecken den Eindruck einer von schlechtem Gewissen geplagten Kaste und nehmen in Kauf, dass ihr Schweigen als verschämte Anerkennung der Kritik interpretiert werden muss. Noch nicht einmal die marktwirtschaftliche Selbstverständlichkeit, dass die Preise für Arbeit von den Eigentümern (Aktionären, Familien, Stiftungen) und nicht demokratisch von Politikern festgelegt werden, wagt einer von ihnen offen auszusprechen.
Das Leistungsprinzip ist auf den Hund gekommen
Nur in Hintergrundkreisen werden die Manager deutlicher. Wenn wir noch lange geprügelt werden, ist das Leistungsprinzip auf den Hund gekommen, schimpft ein Dax-Vorstand und klagt: Die Hälfte meines Gehalts führe ich an den Fiskus ab, und für die andere Hälfte soll ich mich jetzt auch noch schämen müssen.
Doch haben die sprunghaft gestiegenen Millionenvergütungen überhaupt etwas mit Leistung zu tun? Die große Mehrheit der Leute würde dieser Behauptung energisch widersprechen. Kein Manager ist 50 Millionen wert, weiß die Weisheit des Volkes. Vielleicht doch, kontern die Ökonomen Xavier Gabaix und Augustin Landier provokant. Danach wäre ein exorbitanter Anstieg der Managereinkommen dann nach dem Leistungsprinzip gerechtfertigt, wenn auch der Wert des Unternehmens entsprechend sprunghaft gewachsen wäre.
Die Aktionäre können sich nicht beschweren
Und tatsächlich ist es so - zumindest bei den amerikanischen Konzernen. Wenn der Marktwert aller Firmen wächst, sagt Ökonom Landier, sind die Leute bereit, mehr für das gleiche Talent zu zahlen. Und zur Verblüffung vieler Beobachter lässt sich tatsächlich nachweisen, dass bei den großen amerikanischen Unternehmen in den vergangenen 25 Jahren, in denen sich das Gehalt aller Top-Manager versechsfacht hat, auch der Börsenwert um exakt das Sechsfache gewachsen ist.
Die Aktionäre können sich also insgesamt - bei aller Kritik im Einzelfall - nicht beschweren. Ihr Geld war auf den Gehaltskonten der Bosse gut angelegt. Offenbar hat sich auch die Empfehlung ausgezahlt, mit welcher der Harvard-Professor Michael Jensen vor gut 20 Jahren weltberühmt wurde: Machen Sie die Manager zu Mitunternehmern, und binden Sie ihr Fixgehalt an den Aktienwert, lautete der Auftrag des Wissenschaftlers. Überall kamen seit Mitte der 80er Jahre Aktienoptionsprogramme in vielfältig ausgeklügelter Form in Mode. Sie haben die Top-Manager steinreich gemacht - und offenbar auch die Eigentümer ihrer Unternehmen.
Mit Aktienoptionen wird auch viel Schindluder getrieben
Doch seit deutlich wurde, dass sich mit Aktienoptionen viel Schindluder treiben lässt, ist es ziemlich fraglich, ob es eine gute Idee war, die Leistungsbezahlung der Manager an den Kurs der Aktie zu binden. Sie sagen Leistungsbezahlung und kassieren, ohne Leistung abzuliefern, klagen die Harvard-Professoren Lucian Bebchuck und Jesse Fried. Ihren Bestseller Pay without Performance (Vergütung ohne Leistung) haben sie geschrieben, nachdem die Manipulationsskandale bei Enron und Worldcom die Welt erschütterten. Die Bosse in aller Welt verstehen es nämlich inzwischen glänzend, ihre üppigen Pensionsversprechungen, Naturaldividenden, Abfindungen und Gratifikationen vor den Aktionären zu verstecken.
Die Balance der Macht ist aus dem Lot, sagt Bebchuk. Längst haben die Vorstände ihre Aufsichtsgremien unter Kontrolle. Das ist pervers; denn eigentlich müsste es umgekehrt sein. Schlimmer noch: Über alle Anstrengungen zu mehr Transparenz und einer besseren Repräsentation der Aktionärsrechte lachen die Manager nur. Immer fallen ihnen neue Tricks ein, die Regeln zu unterlaufen. Und bereichern sich munter weiter.
Werden wirklich Knappheitspreise gezahlt?
Aber ist der Markt für Vorstände wirklich ein Markt wie jeder andere, in dem für Leistung echte Knappheitspreise bezahlt werden? Keinesfalls, antwortet Bengt Holmstrom, ein renommierter finnischer Ökonom, der am MIT in Cambridge lehrt. Die Konsequenz daraus ist provokant: Gerade weil es keinen richtigen Wettbewerb gibt, empfiehlt es sich für Unternehmer, das exorbitante Gehaltsniveau der geschlossenen Top-Arbeitsmärkte nicht zu unterbieten. Denn es geht um die Zukunft eines Unternehmens.
Holmströms Begründung erhält Glaubwürdigkeit, weil sie aus der Erfahrung des eigenen finnischen Familienunternehmens kommt. Einen guten Vorstandschef zu finden ist eine ziemlich heikle Sache, sagt er. Denn ein demotivierter Top-Manager kann großen Schaden anrichten und das Unternehmen ruinieren. Wer auf Nummer Sicher gehen will, orientiert sich deshalb an den Gehältern vergleichbarer Bosse in vergleichbar großen Unternehmen.
Der Spatz in der Hand
Tatsächlich machen die Managerbezüge für den Eigentümer nur ein Prozent seiner Kosten aus. Was würde der Eigner gewinnen, den angestellten Spitzenmanager an der allzu kurzen Leine zu halten? Wie viel würde er verlieren, wenn sein Vorstand nicht mit brennender Motivation bei der Sache wäre? Und nur dogmatisch am Lehrbuch klebende Ökonomen gäben ihm den Rat, er könne auf dem Markt genügend Leute finden, die den Job des Vorstands zu billigeren Konditionen machen. Die mag es geben, sagt Holmström, aber der Aufsichtsrat weiß nicht, wer diese Leute sind und wo er sie finden kann. Also lebt er nach der Devise: Der Spatz in der Hand ist sicher - hat aber seinen hohen Preis. Irrational ist das nicht. Wenn wir uns irren, dann lieber ein bisschen auf der großzügigen Seite, sagt Holmström.
Denn auch im feinen Kreis der Manager gilt der Grundsatz, dass Ungleichheit unglücklich macht. Das liegt in der menschlichen Natur, allem abnehmenden Grenznutzen des Geldes zum Trotz. Wer fünf Millionen Euro verdient, bekommt schlechte Laune, wenn er einen Manager-Kollegen trifft, der zehn Millionen bekommt, und fragt: Was kann der Nachbar besser?
Verletzte Gefühle
Entsprechend tief fühlt sich die besserverdienende Mittelschicht in Deutschland gekränkt dadurch, dass der Abstand zu den Superreichen immer größer wird. Nach einer neueren Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) hat zwischen den Jahren 1992 und 2001 der Anteil der Reichen am Gesamteinkommen zugenommen, während die Mittelschicht ihren Platz bestenfalls halten konnte.
Das ist der Kern der Debatte über die Managergehälter, die derzeit so erbittert geführt wird. Wachsende Ungleichheit macht unglücklich und wird als Verletzung des Gerechtigkeitsgefühls erfahren, gerade von Leuten, die zu Leistung fähig und bereit sind. Aber was ist die Alternative? Mehr Transparenz und stärkere Kontrolle der Vorstände durch Aufsichtsräte und Eigentümerversammlungen, heißt es jetzt bei Konservativen und Liberalen. Die Linken wollen die Einkommen am liebsten bei einem bestimmten Betrag in Relation zum Durchschnittseinkommen stillstellen.
Wollen wir japanische Verhältnisse?
Ökonom Holmström warnt davor, den Aufsichtsrat zur Polizei zu machen. Die Kontrolleure sind dringend darauf angewiesen, dass sie von den Vorständen offen alle Informationen erhalten. Dafür braucht es ein vertrauensvolles Verhältnis zum Management.
Die Alternative zur unerträglichen Ungleichheit sind japanische Verhältnisse. Dort ist das Top-Management bescheiden, die Gesellschaft friedlich und ohne erkennbare Gerechtigkeitslücke. Aber die Renditen am Aktienmarkt sind lausig. Alles hat seinen Preis. Deutschland weiß noch nicht, dass es für mehr Gerechtigkeit auch einen Preis zahlen muss.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.12.2007, Nr. 50 / Seite 46
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, dpa, F.A.Z., F.A.Z./Wonge Bergmann, Frank Röth - F.A.Z., Frank Röth, F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb, REUTERS