Ingrid Matthäus-Maier

„Ich habe die Bedenken hoffentlich ausräumen können“

Ingrid Matthäus-Maier

Ingrid Matthäus-Maier

26. Juni 2007 Ingrid Matthäus-Maier führt die zweitgrößte Bank Deutschlands. Durch die Übertragung eines Sondervermögens aus dem Marshallplan fließen der staatseigenen KfW-Bankengruppe rund 7,7 Milliarden Euro zu, insgesamt verfügt sie damit über 23 Milliarden Euro eigene Mittel - nur die Deutsche Bank hat mehr. Am Kapitalmarkt ist die KfW mit der Aufnahme von jährlich 55 Milliarden Euro einer der großen Akteure auf der Welt. Das Fördervolumen erreicht 77 Milliarden Euro. Kritiker sehen die ständige Geschäftsausweitung mit Skepsis. Matthäus-Maier weiß darum und übt sich in Diplomatie. Sie führt die KfW aber auch mit dem ihr eigenen Elan und nach ihren Überzeugungen. Der Finanzmarkt steht seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2006 nicht mehr so sehr im Fokus. Jetzt geht es vor allem um Umweltschutz, Entwicklungshilfe und Mittelstand.

Frau Matthäus-Maier, es ist etwas still geworden um Sie. Übt die KfW neuerdings Zurückhaltung?

Ich habe mich in den letzten Monaten absichtlich öffentlich zurückgenommen und mit meinen Vorstandskollegen an den künftigen Schwerpunkten der KfW gearbeitet. Da ist die Förderung des Klimaschutzes. In diesem Bereich, in dem wir schon heute die Umweltbank Nummer eins in Deutschland und weltweit der größte Financier für erneuerbare Energien sind, wollen wir uns noch mehr engagieren. Zum anderen haben wir die Initiative „Kleiner Mittelstand“ ins Leben gerufen. Trotz boomender Wirtschaft bleiben für kleine Betriebe die Finanzierungsbedingungen schwierig. Unsere Aufgabe ist es daher, diese zu unterstützen. Meine Kollegen und ich haben aber auch viel nach innen gewirkt und den Teamgedanken in der Bank belebt. Das ist, glaube ich, gelungen. Die Stimmung ist gut.

Zum Klimaschutz haben Sie ein neues Programm für Gewerbebetriebe in Planung, richtig?

Ja, wir haben dem Bundeswirtschaftsministerium vorgeschlagen, künftig auch dem Gewerbe besonders zinsgünstige Darlehen einschließlich Energieberatungsdienstleistungen anzubieten, wenn die Unternehmen Maßnahmen zu mehr Energieeffizienz einleiten wollen. Gerade kleine Unternehmen unterschätzen häufig, wie viel Geld sie dadurch sparen können.

Sie haben also nicht vor, die Geschäftstätigkeit einzuschränken? Das würden sich einige wünschen, nicht zuletzt die Geschäftsbanken. Sie könnten zum Beispiel Ihre Beteiligung an der Düsseldorfer IKB Bank verkaufen.

Das werden wir nicht tun. Die IKB ist ein strategisches Investment für uns.

Die IKB betreibt aber reines Wettbewerbsgeschäft, hat damit in einer Förderbank nichts zu suchen, und Interessenten gibt es auch.

Die IKB ist unser Ohr am Markt, unsere Partnerschaft gibt wichtige Impulse für die Mittelstandsförderung. Gemeinsam entwickeln wir Finanzierungsprodukte, die wir allen Hausbanken zur Durchleitung anbieten. Davon profitieren alle mittelständischen Unternehmen in Deutschland. Es kann sein, dass es Interessenten gibt, die gerne Anteile an der IKB erwerben würden. Unsere Beteiligung aber steht nicht zum Verkauf.

Sind Sie aus ähnlichen Überlegungen auch dem taumelnden Luft - und Raumfahrtkonzern EADS mit einer Finanzhilfe beigesprungen?

Das Vorhaben, ein Konsortium aus mehrheitlich privaten sowie öffentlichen Investoren anzuregen, das Daimler-Chrysler einen teilweisen Verkauf seiner Beteiligung erlaubte, gleichzeitig aber die Wahrung der deutschen Interessen gewährleistet, haben nicht wir angestoßen, sondern war eine politische Initiative. Wir sind auch nur ein Investor unter vielen, und derartige Beteiligungen sind für die KfW nicht die Regel. Alle Investoren haben auf das Stimmrecht verzichtet und erhalten im Gegenzug eine Dividende von 175 Prozent - was nicht ohne Risiko ist, wie man an der derzeitigen Ausschüttung sieht.

Die KfW hält auch noch 16,9 Prozent der Deutschen Telekom und 30,6 Prozent der Deutschen Post. Die Sperrfristen sind abgelaufen. Wann verkaufen Sie die Anteile?

Die jeweilige Kapitalmarktsituation ist ein entscheidendes Kriterium für Verkäufe. In diesem Rahmen schauen wir nach geeigneten Gelegenheiten. Eine solche sehe ich heute nicht.

Und was ist mit einer Einstellung des Studienkreditprogramms? Da gibt es mittlerweile diverse Angebote der Banken. Die KfW hat stets betont, sie wolle strukturbildend wirken, wo sie Marktversagen erkenne. Und sich zurückziehen, sobald der Markt funktioniert.

Genau das tut er nicht. Wir sind viel breiter aufgestellt, bieten unseren Studienkredit bundesweit für jedermann ohne spezielle Sicherheiten und unabhängig von Einkommen, Studienfach und Noten an. Abgesehen davon: Die Unruhe hat sich gelegt.

Sie glauben also, es gibt kein Unbehagen darüber, dass die staatseigene Förderbank mit allen möglichen Angeboten in immer neue Dimensionen wächst?

Wir sind eine große Bank, aber wir gehen damit verantwortungsvoll und streng im Rahmen unseres gesetzlichen Auftrags um. Wir nutzen unsere Größe, um Großes für die Kleinen zu tun. Das erkennen auch die Kritiker immer mehr an.

Bezüglich der Übertragung des ERP-Sondervermögens aus den ehemaligen Marshallplanmitteln vom Bund auf die KfW gilt das sicherlich nicht. Da gibt es eine Menge Skepsis, was Sie mit dem vielen Geld anfangen werden.

Darauf gibt es eine eindeutige Antwort: Wir nutzen die uns neu zufließenden Mittel, wie von der Politik vorgegeben, ausschließlich zur Fortführung und zum Substanzerhalt der ERP-Wirtschaftsförderung. Die Banken waren mit der Entscheidung nicht glücklich, das stimmt. Ich habe in vielen persönlichen Gesprächen die meisten Bedenken aber hoffentlich ausräumen können.

Der Zufluss von 7,7 Milliarden Euro macht die KfW nach dem Eigenkapital gerechnet zur zweitgrößten Bank Deutschlands und gibt Ihnen eine Menge Möglichkeiten.

Wir brauchen dieses Geld nicht für unsere Risikotragfähigkeit, sondern nur, um die ERP-Förderung weiterzuführen. Die Übertragung war im Übrigen eine politische Entscheidung. Die Verwaltung des Vermögens durch uns ist effizient. Die der KfW neu zufließenden Mittel werden wir zur Refinanzierung des Fördergeschäfts einsetzen. Hierdurch sparen wir Fremdkapitalkosten und erhöhen unser Zinsergebnis. Weitere Erträge erwarten wir aus unserem Treasury-Management und aus der Fristentransformation. Dass wir so mehr für den Mittelstand tun, ist wichtig.

Es gibt Befürchtungen, Sie wollten zu deren Stärkung Mittel in die IPEX-Bank umleiten, in der Ihr Export- und Projektfinanzierungsgeschäft gebündelt ist und die zum Jahreswechsel aus der KfW ausgegliedert werden muss.

Das ist schlicht falsch. Die notwendige Kapitalausstattung der KfW IPEX-Bank war längst geklärt, als die Diskussion über das ERP-Sondervermögen aufkam.

Die IPEX wird wie geplant zum 1. Januar 2008 selbständig?

Ja. Die Banklizenz haben wir im April erhalten. Jetzt reden wir mit den Ratingagenturen. Wir erwarten ein Rating von A+ oder AA-.

Und Sie gehen dort in den Aufsichtsrat?

Ich werde normales Aufsichtsratsmitglied der KfW IPEX-Bank sein. Den Vorsitz übernimmt unser Vorstandsmitglied Norbert Kloppenburg.

Für reichlich Diskussionsstoff sorgt auch die geplante Zusammenlegung der KfW Entwicklungsbank mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ. Wollen Sie die GTZ immer noch übernehmen?

Wir wollen niemanden übernehmen, schon gar nicht jemanden, der nicht übernommen werden will. Es gibt die politische Entscheidung, die Entwicklungshilfe neu zu organisieren. Dem verschließen wir uns nicht.

Gut, dann können Sie Ihre Entwicklungsbank herauslösen und mit der GTZ in einer neuen Gesellschaft verschmelzen.

Das werden wir auf keinen Fall machen. In der KfW Entwicklungsbank sind zwar nur 400 Mitarbeiter beschäftigt, aber die Herauslösung würde die Bank in ihrer Gesamtheit zerreißen und hätte nur Nachteile. Unsere Bank hat vier Geschäftsbereiche, von denen ist jeder wichtig. Es gibt einen personellen Austausch und den von Ideen. Davon profitieren alle. Darüber hinaus profitieren die Entwicklungsländer von der Bankfunktion der KfW Entwicklungsbank. Wir unterstützen die Bundesregierung bei der Erreichung ihrer Entwicklungshilfe-Ziele (ODA-Quote), indem wir die Bundesmittel mit den auf dem Kapitalmarkt refinanzierten KfW-Mitteln mischen. Eine neue Agentur könnte dies nicht, und die deutsche Entwicklungszusammenarbeit würde weniger Mittel für nachhaltige Entwicklungseffekte in den Partnerländern zur Verfügung stellen können.

Sie wollen nichts hergeben, aber dazunehmen würden Sie schon etwas: Die Bildungseinrichtung Inwent, zum Beispiel, an der haben Sie Interesse.

Der Bundesrechnungshof hat vorgeschlagen, Inwent mit der GTZ zu verbinden. Das ist eine Überlegung zu einem möglichen Schritt, um die Effektivität der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu steigern.

Dass in der Entwicklungshilfe zu viele Menschen aus diversen deutschen Einrichtungen vor Ort ähnliche Dinge tun, da stimmen Sie aber zu, oder?

Ja, das kann man sicherlich verbessern. Deswegen wird über eine Neuordnung nachgedacht.

Wann fällt eine Entscheidung?

Die fällt in Berlin, wann, weiß ich nicht.

Das Gespräch führten Holger Appel und Holger Steltzner.



Text: F.A.Z., 27.06.2007, Nr. 146 / Seite 13
Bildmaterial: dpa

 
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