Von Benedikt Fehr
17. Mai 2005 Das Kreditgeschäft ist so alt wie die Bibel, aber seit Beginn des Jahrzehnts durchläuft es einen stürmischen Wandel. Noch bis vor kurzem war es üblich, daß Banken herausgelegte Kredite bis zum Ende der Laufzeit in ihren Büchern hielten. Doch in jüngster Zeit gehen sie zusehends dazu über, Kredite in handelbare Finanzinstrumente umzuwandeln. Der Markt für solche "strukturierten Kreditprodukte" wächst mit atemberaubender Geschwindigkeit. Die Behörden, die über die Stabilität des Finanzsystems wachen, verfolgen dies mit gemischten Gefühlen. Nicht von ungefähr: Vergangene Woche machten Gerüchte die Runde, daß ein Hedge-Fonds mit solchen Geschäften in Schwierigkeiten geraten sei. Das weckt Erinnerungen an 1998, als fehlgeschlagene Spekulationen des großen Hedge-Fonds LTCM das Weltfinanzsystem in eine Krise gestürzt haben.
Der Umbruch im Kreditgeschäft wird von der Entwicklung zweier Finanzinstrumente getrieben, Credit Default Swaps (CDS) und Collateralized Debt Obligations (CDO). Ein CDS ist eine Art Kreditversicherung - allerdings standardisiert und dadurch handelbar. Gläubiger kaufen sich über einen CDS gegen Zahlung einer Prämie "Versicherungsschutz" für den Fall, daß ein Schuldner zahlungsunfähig wird. Kommt es so, muß der "Versicherer" dem Versicherten den Forderungsausfall aus eigener Tasche ersetzen. Als "Versicherer" treten Banken auf, aber auch institutionelle Anleger und Hedge-Fonds, die die Versicherungsprämien kassieren wollen. Inzwischen werden solche Swaps auf die Verbindlichkeiten aller größeren Unternehmen schwunghaft gehandelt. Die CDS-Märkte sind bereits größer als die Märkte für Unternehmensanleihen.
CDOs entstehen dadurch, daß Banken Hunderte oder Tausende herausgelegter Kredite zusammenführen. Dieses Portefeuille wird sodann in mehrere Tranchen zerlegt, die als CDO-Wertpapiere an Investoren verkauft werden. Die unterste Tranche ist dabei so ausgestaltet, daß zunächst ausschließlich sie die Verluste absorbieren muß, die durch den Ausfall eines Kredits im Gesamtportefeuille entstehen. Weil diese Tranche somit das höchste Risiko trägt, wird sie mit einem hohen Zins ausgestattet. Die nächsthöhere CDO-Tranche muß erst dann Verluste absorbieren, wenn die Kreditausfälle das Volumen der untersten Tranche übersteigen. Ihr Risiko ist also geringer - ihre Rendite deshalb auch. Nach gleichem Muster folgen weitere, immer risikoärmere Tranchen. So werden aus Krediten handelbare Wertpapiere.
Beide Finanzinnovationen sind sehr nützliche Werkzeuge - was erklärt, weshalb sie so rasch an Bedeutung gewinnen. Zum Beispiel können Banken Kreditausfallversicherungen nutzen, um Klumpenrisiken abzubauen. Das ist ein großer Fortschritt für ihr Risikomanagement. Ähnliches gilt für CDOs. Sie ermöglichen es, Kredite an Investoren weiterzuverkaufen. Die Banken gewinnen dadurch Spielraum, neue Kredite zu vergeben. Das kommt ihrer eigenen Rentabilität zugute - aber auch der Wirtschaft insgesamt, der dies neue Quellen zur Finanzierung von Investitionen erschließt.
Gleichzeitig sind mit den beiden Instrumenten ganz neue Anlageklassen für institutionelle Investoren wie Versicherer, Pensionskassen und Investmentfonds entstanden. Beispielsweise kann ein Pensionsfonds über den Kauf eines CDO nun in Kredite an deutsche Mittelständler, internationale Großkonzerne oder Häuslebauer investieren - und sich dabei ganz nach seinem Risikoappetit eine Tranche mit höherem oder niedrigerem Risiko aussuchen. Dadurch lassen sich Anlagemittel breiter streuen - was das Risiko mindert.
Aus volkswirtschaftlicher Sicht schlägt der neue Handel mit Krediten und Kreditausfallrisiken mehrere Fliegen mit einer Klappe: Er läßt die Kreditmärkte mit den übrigen Kapitalmärkten zusammenwachsen. Das trägt dazu bei, daß die knappe Ressource Kapital besser als bisher in rentable Verwendung gelenkt wird. Und er verteilt Kreditrisiken von den Banken auf viele Schultern um. Das macht das Finanzsystem stabiler.
Dennoch verfolgen die Zentralbanken und Bankaufseher, die für die Stabilität des Finanzsystems verantwortlich sind, den "Sturm und Drang" an diesen neuen Märkten mit einiger Sorge. Denn auf Basis der neuen Instrumente kreieren findige Köpfe mit hohem Innovationstempo immer neue, noch komplexere Finanzprodukte. So wird schon mit "synthetischen" CDO-Tranchen gehandelt, mit CDS-Index-Swaps und Optionen auf solche Swaps. Aufseher befürchten, daß nicht alle Teilnehmer an diesem Handel die Risiken dieser neuartigen Instrumente richtig einzuschätzen vermögen - zumal noch keinerlei Erfahrungen vorliegen, wie sich diese Märkte bei extremen Preis- und Liquiditätsschwankungen, wie sie an den Finanzmärkten bisweilen auftreten, verhalten.
Sorgen bereitet zudem, daß Hedge- Fonds zu den größten Investoren auf diesen neuen Märkten zählen. Praktisch unreglementiert, verfolgen viele dieser Fonds ausgesprochen aggressive Anlagestrategien, um das Versprechen hoher Renditen einzulösen. So gibt es Fonds, die auf jeden Dollar Eigenkapital zehn und mehr Dollar Kredit aufnehmen. So lassen sich "große Räder" drehen. Schlagen solche Spekulationen fehl, können diese Fonds nicht nur ihr Eigenkapital verlieren, sondern die Kreditgeber mit in den Strudel reißen.
"Strukturierte Kreditprodukte" machen Risiken besser beherrschbar, doch blauäugig eingesetzt, werden sie selbst zum Risiko. Banken, Versicherer, Pensionsfonds - alle Nutzer dieser Finanzinnovationen sind deshalb gut beraten, die Mahnungen der Aufsichtsbehörden ernst zu nehmen. Sie müssen sich im Detail über die Risiken dieser Instrumente und Handelsstrategien informieren, vor allem in Extremsituationen. Die jüngsten Turbulenzen haben gezeigt, wie rasch die Stimmung an den Märkten für Kreditrisiken umschlagen kann. Darauf gilt es vorbereitet zu sein.(bf.)
Text: F.A.Z., 18.05.2005, Nr. 113 / Seite 15
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