Zehn Jahre Google

Die Lebensader des Internet

Von Holger Schmidt

Das Internet ist Leitmedium der Jungen, Google ihr Wegweiser

Das Internet ist Leitmedium der Jungen, Google ihr Wegweiser

07. September 2008 Google ist die revolutionärste Erfindung seit Gutenbergs Buchdruck. Google hat den Zugang zu den Informationen der Welt verändert“, sagt der amerikanische Journalist David Vise über die Suchmaschine. Nur zehn Jahre hat Google für die Revolution der Information gebraucht. Am 7. September 1998 gründeten die Stanford-Studenten Larry Page und Sergey Brin das Unternehmen im Silicon Valley. Mit einem klar definierten Ziel: die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein zugänglich zu machen. Damals haben viele über diese Mission gelacht. Zehn Jahre später lacht niemand mehr über Google.

Dabei sehen sich Page und Brin noch lange nicht am Ziel. Aber schon heute ist erkennbar: Ohne Google sind Informationen wenig wert, weil sie – ganz simpel – nicht gefunden werden. Und was nicht gefunden wird, existiert nicht. Zumindest nicht für die junge Generation, für die das Internet Leitmedium und Google ihr zentraler Wegweiser ist: Auf die Frage, wo sich die Menschen näher über ein Thema informieren, antworten heute 51 Prozent der Deutschen „im Internet“. 1999, als es Google in Deutschland noch nicht gab, waren es 9 Prozent. Noch deutlicher fällt dieser Anstieg unter jungen Menschen aus: Von 19 Prozent auf 75 Prozent ist dieser Wert hochgeschnellt.

40 Milliarden Suchanfragen im Jahr

Startpunkt für das Gros der Informationsrecherchen – egal, ob nun aktuelle Nachrichten, der nächste Bahnhof oder der günstigste Händler gesucht wird – ist heute Google. Jeden Tag tippt jeder der etwa 25 Millionen deutschen Google-Nutzer im Durchschnitt fünf Begriffe in die Suchmaschine ein. Das klingt harmlos. Aber nicht zufällig ist der Name Google eine Abwandlung von Googol, einem Synonym für eine 1 mit 100 Nullen. Fünf Suchbegriffe am Tag bedeuten mehr als 40 Milliarden Suchanfragen im Jahr, allein in Deutschland. Andere Suchmaschinen spielen hierzulande faktisch keine Rolle mehr.

Dabei hatte alles mit einer ganz einfachen Idee angefangen: dem Page-Rank. Page und Brin hatten die Idee, die Bedeutung einer Information nach deren Wertschätzung bei anderen Internetnutzern zu bewerten. Wertschätzung misst sich im Internet in der Zahl der Verweise (Links) von anderen Seiten. Also schickten Page und Brin ihre Computer auf Reise durch das World Wide Web, um Verweise zu zählen und Seiten zu sortieren. Das Ergebnis: „Das System war mit Abstand die beste Suchmaschine, die es damals gab. Deshalb bin ich zu Google gegangen“, erinnert sich Craig Silverstein, der erste Angestellte der Suchmaschine. „Ich konnte mir damals allerdings nicht vorstellen, dass man damit Milliarden verdienen kann. Larry und Sergey wussten das von Anfang an“, sagt Silverstein.

Nebenbei Angriffe auf Microsoft

Doch um Geld müssen sich Page und Brin zunächst nicht kümmern. 1998, kurz vor dem Höhenflug der New Economy, gibt es für ihre Idee reichlich Geldgeber. Als Erster erkennt ein Deutscher, was hier abgeht: Andreas von Bechtolsheim, der Gründer von Sun Microsystems, kommt damals eigens mit seinem Porsche angefahren, um Page und Brin den Scheck über 100 000 Dollar zu überbringen. Sein Geld ist gut angelegt. Google gewinnt immer mehr Anhänger, weil die Suchergebnisse so viel besser sind als die Konkurrenz, die damals noch Altavista, Infoseek oder Hotbot heißt. Im Juni 2000 hat Google eine Milliarde Internetseiten erfasst und gilt – keine zwei Jahre alt – schon als beste Suchmaschine der Welt. Was sich bis heute nicht geändert hat. Damit das so bleibt, investiert Google jährlich Milliarden in seine Produktentwicklung und Rechenzentren. Google erfasst aber nicht nur fremde Inhalte. Das Unternehmen produziert auch eigene Beiträge oder digitalisiert Informationen, die es bisher im Internet nicht gab.

Daher gibt es inzwischen Satellitenbilder (Earth), Landkarten (Maps), Straßenzüge (Street View) oder Videos (Youtube). Google scannt tonnenweise Bücher ein (Books), lässt Fotos hochladen (Picasa) und speichert sogar persönliche Krankenakten (Health). Ganz nebenbei versucht Google, den Softwaregiganten Microsoft mit kostenlosen Konkurrenzprodukten wie einer Textverarbeitung (Docs), einer Tabellenkalkulation (Spreadsheets) und seit dieser Woche auch einem eigenen Browser (Chrome) anzugreifen oder seine Programme auf Mobiltelefone zu übertragen (Android). Rivalen vergangener Zeiten wie Altavista haben vor dieser Kraft längst kapituliert, neue Konkurrenten wie Microsoft können trotz aller Anstrengungen bisher nicht mithalten.

Geldmaschine für die Mitarbeiter

Worum die gesamte Internetwelt Google aber bis heute wirklich beneidet, ist das Werbemodell. Die Erfindung des Page-Rank wäre wenig wert gewesen ohne die dazugehörigen Modelle, um Geld zu verdienen. Sie heißen Adsense und Adwords, blenden passende Textwerbung zu den eingetippten Suchbegriffen ein – und sind wegen ihrer hohen Relevanz für den Suchenden eine Lizenz zum Gelddrucken. 10 Milliarden Dollar Umsatz und 3 Milliarden Dollar Gewinn hat das System Google im ersten Halbjahr gebracht. Knapp 150 Milliarden Dollar ist das Unternehmen an der Börse inzwischen wert. Seine Gründer gehören heute zu den reichsten Männern Amerikas, und Hunderte Mitarbeiter haben es zu (Multi-)Millionären gebracht.

Google ist aber weit mehr als eine Geldmaschine für die Mitarbeiter und Aktionäre. Google ist die Lebensader des Internet. Viele kleine Seiten, die Nischeninteressen bedienen, können nur überleben, weil sie sich mit einem Google-Werbeprogramm finanzieren können. Noch wichtiger aber ist: Ob Online-Händler, Reiseanbieter, Produktvergleichsmaschine oder Medien – fast alle, die im Internet Geld verdienen, bekommen einen großen Teil ihrer Kunden oder Leser über Google. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um reguläre Suchtreffer handelt oder Werbung auf der rechten Seite. Die Präsenz unter den Top-Ten-Suchtreffern entscheidet über Sein oder Nichtsein im Internet.

„Google-optimiert“ schreiben

Das gilt vor allem für die Medien-Seiten im Netz, die große Teile ihrer Besucher vom Nachrichtendienst Google News bekommen. Zwar beklagen sich einige Verleger, dass Google mit ihren Inhalten Geld verdient, doch die Konsequenz, sich von dem Besucherstrom aus Mountain View abzukoppeln, will niemand ziehen. Zu brutal wäre der Absturz, wenn nur noch die Stammleser vorbeischauten. Die Verleger, die Googles Macht verstanden haben, forcieren daher ihre Präsenz in der Suchmaschine. Heerscharen sogenannter Suchmaschinenoptimierer basteln zurzeit an den Internetseiten der Medien, damit ihre Inhalte von Google möglichst prominent angezeigt werden.

Die Journalisten müssen heute „Google-optimiert“ schreiben, also die richtigen Schlagworte in der richtigen Häufigkeit einsetzen. Die „optimale Keyword-Dichte“ ist im Google-Zeitalter essentiell geworden. Denn auch Journalisten wissen längst: Zugriffe auf Artikel, die auf Google News oben stehen, schnellen sofort hoch. Wessen Artikel nur unter einer Sammeladresse wie „und 856 ähnliche Artikel“ aufgeführt ist, hat es schwer, die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen

Sorge um die Privatsphäre

Diese Macht von Google schürt natürlich Ängste. Wer sein Geschäftsmodell im Internet auf den Besucherstrom von Google aufbaut, macht sich abhängig. Wie das aussehen kann, hat Google erst kürzlich einigen renommierten Medien gezeigt. Deren Internetseiten mit hohem Page-Rank hatten Verweise auf andere Internetseiten gesetzt, um diesen ebenfalls zu einem hohen Page-Rank zu verhelfen. Gegen Geld, versteht sich. Google sah darin einen Missbrauch seines Geschäftsmodells. Als Strafe wurde der Page-Rank der Medienseiten kurzerhand heruntergestuft. Die Folgen dürften weniger Zugriffe und damit geringere Werbeeinnahmen gewesen sein.

Viele Internetnutzer sorgen sich auch um ihre Privatsphäre, denn kein anderes Unternehmen sammelt so viele Daten wie Google. Das Unternehmen hat diese Datenfülle bisher nicht missbraucht, aber allein die Möglichkeit macht vielen Nutzern Angst. Die Konsequenz, Google dann einfach nicht mehr zu nutzen, ziehen aber auch nur ganz wenige. Dafür sind die Google-Programme einfach zu gut.

Mächtige Gegner im Endspiel

Wer keine Angst hat, darf sich darauf freuen, dass Google das Leben der Internetnutzer auch künftig einfacher machen wird. Zwar betont Google immer wieder, keinen Masterplan für die Zukunft des Internet in der Tasche zu haben. Aber die Schritte der vergangenen beiden Jahre lassen zumindest die Existenz einer großen Strategie in Richtung „Cloud-Computing“ erahnen, was einem Endspiel um die Vorherrschaft im Internet gleichkommt. Dokumente, Internetseiten, Fotos oder Videos müssen künftig nicht mehr auf dem heimischen Rechner abgelegt werden, sondern irgendwo „in der Wolke“, womit riesige, über die ganze Welt verteilte Datenzentren gemeint sind. Die Internetnutzer können dann überall und mit allen Geräten auf ihre Daten zugreifen und mit anderen Nutzern teilen, wenn sie das möchten.

Wo die Daten tatsächlich gespeichert sind, spielt keine Rolle mehr. Irgendwo in der Wolke eben. Einen Vorgeschmack gibt Google heute schon: Texte, Tabellen, Fotos, der Terminkalender und natürlich die E-Mails können mit kostenlos nutzbaren Programmen erstellt, verwaltet und gespeichert werden, die nur noch im Internet laufen. Statt teurer Bürosoftware und Festplatten ist nur noch ein – stationärer oder mobiler – Internetanschluss notwendig, der die Verbindung zu den mehreren hunderttausend Netzwerkrechnern der Google-Wolke herstellt. Mit seinem neuen Browser „Chrome“ hat Google jetzt die Plattform vorgestellt, auf der die Internetanwendungen laufen können. In dem Endspiel hat Google aber mächtige Gegner, die Microsoft, IBM oder Amazon heißen. Die nächsten zehn Jahre für Google bleiben spannend.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS, ZB

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