31. März 2008 Ein gutes Firmenimage ist sehr langsam aufgebaut und sehr schnell zerstört. Diese Erfahrung muss gegenwärtig der Lebensmittel-Discounter Lidl machen. Mit ganzseitigen Zeitungsannoncen warb der in Neckarsulm bei Heilbronn ansässige Konzern am Montag um das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden. Erneut bat das Unternehmen für die systematische Überwachung von Mitarbeitern um Entschuldigung.
Der Text wurde deutschlandweit über den aktuellen Sonderangeboten der Supermarkt-Kette veröffentlicht. Wenn sich Mitarbeiter durch die dargestellten Vorgehensweisen in Misskredit gebracht und persönlich verletzt fühlen, so bedauern wir dies außerordentlich und entschuldigen uns ausdrücklich dafür, hieß es in der Anzeige. Ein Vorgehen in dieser Form sei nicht gewollt gewesen. Das Unternehmen hatte in bestimmten Filialen Detekteien eingesetzt, um Warendieben auf die Spur zu kommen.
80 Millionen Euro Inventurverluste jährlich

Lidl betont in der Anzeige abermals, die Detekteien hätten nur Informationen zur Aufklärung von Diebstählen gewinnen sollen
Lidl erleidet eigenen Angaben zufolge jährlich einen Inventurverlust von rund 80 Millionen Euro. In Einzelfällen seien durch die Detekteien zusätzliche und teilweise auch persönliche Informationen über Mitarbeiter protokolliert worden - dies sei so nicht gewollt gewesen. Künftig sollten die Filialen gemeinsam mit den Mitarbeitern vor Diebstahl geschützt werden.
Das Unternehmen betonte, es gehe fair mit seinen Mitarbeitern um. In dem Anzeigentext hieß es weiter: 48.000 Mitarbeiter sind jeden Tag gerne für Sie da - schenken Sie uns bitte weiterhin Ihr Vertrauen. Vergangene Woche hatte Lidl schon in einem Brief an seine Mitarbeiter und auf seiner Internetseite sein Bedauern über die Vorfälle ausgedrückt.
Alle Mitarbeiter per se unter Diebstahlverdacht
In den vergangenen Jahren hatte das Image von Lidl unter Aktionen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi massiv gelitten. Die Arbeitnehmervertreter erhoben immer wieder schwere Vorwürfe gegen den Discounter, weil er seine Beschäftigten schikaniere. Die Gewerkschafter stellten im Jahr 2006 das Schwarzbuch Lidl vor. Schon damals war die Videoüberwachung ein Thema. Als skandalös kritisierte die Gewerkschaft Videoüberwachung in französischen Filialen. Damit würden alle Mitarbeiter per se unter Diebstahlverdacht gestellt. Außerdem beklagte die Gewerkschaft immer wieder massive Behinderungen bei der Betriebsratswahl.
Lidl gehört zur Schwarz-Gruppe, die auch die Kaufland-Märkte betreibt. Der Discounter gilt als schärfster Konkurrent von Aldi und weist nach Ansicht von Experten ein schnelleres Wachstum auf. Die Schwarz-Gruppe gehört dem verschwiegenen Milliardär Dieter Schwarz, der zurückgezogen lebt. Nur wenige wissen, wie er aussieht, von ihm existieren praktisch keine Bilder.
Wie oft zur Toilette? Und wer mit wem?
Am vergangenen Mittwoch hatte das Nachrichtenmagazin Stern unter Berufung auf hunderte Seiten interner Lidl-Protokolle berichtet, der Einzelhändler habe seine Mitarbeiter systematisch überwachen lassen. So sei in vielen Filialen protokolliert worden, welcher Mitarbeiter wie oft zur Toilette gehe oder wer mit wem womöglich ein Liebesverhältnis habe.
Text: FAZ.NET mit AP und AFP
Bildmaterial: AP, ddp
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