Hauptversammlung von Siemens

Abrechnung ohne Pierer

Von Henning Peitsmeier

Der neue Siemens-Star: Vorstandschef Peter Löscher

Der neue Siemens-Star: Vorstandschef Peter Löscher

24. Januar 2008 Heinrich von Pierer ist nicht gekommen. Der Siemens-Übervater bleibt der Hauptversammlung seines Unternehmens in der Olympiahalle einfach fern. Er, der langjährige Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende, der sogar für das Amt des Bundespräsidenten hätte kandidieren können, meidet die Öffentlichkeit. Die Abrechnung muss ohne ihn stattfinden. Gekommen sind gut 10.000 Aktionäre, einige Siemensianer, viele Ehemalige, Rentner. An diesem kalten Januarmorgen gehen sie wie Pilger über den Fußweg der Hügellandschaft zwischen Olympiaturm und Olympiastadion, eingehüllt in Mäntel und Mützen - und so mancher mit geballter Faust in der Tasche.

Es geht um die Vergangenheit. Und damit sind nicht die glänzenden Geschäftszahlen des vergangenen Quartals gemeint, die der neue Vorstandsvorsitzende Peter Löscher ohne Stolz, ganz sachlich, den Aktionären erläutert. Es geht um die andere, weniger ruhmreiche Vergangenheit. Siemens, diese Ikone der deutschen Wirtschaft, steckt in der schwersten Krise seiner 160 Jahre dauernden Geschichte. Europas größter Technologiekonzern ist in einen Schmiergeldsumpf versunken, dubiose Zahlungen von mindestens 1,3 Milliarden Euro hat der Vorstand inzwischen eingeräumt, seit eine Großrazzia im November 2006 die Korruptionslawine auslöste. Fast nebenbei wurde ein zweiter Skandal entdeckt: Die Siemens-Spitze soll über Jahre die Arbeitnehmerorganisation AUB mitfinanziert haben. Jetzt machen die Anteilseigner ihrem Ärger Luft. „Ein Verbrechen“ sei das, was bei Siemens geschehen ist, sagt einer. Ein anderer tritt wie ein Grabredner auf, das Untergangsszenario vor Augen.

Wer hat Antworten?

Für die meisten Aktionäre im weiten Rund der Olympiahalle stellt sich an diesem Januartag nur eine Frage: Wer übernimmt dafür die Verantwortung? Der aktuelle Vorstand ist runderneuert, fünf von acht Posten dort oben auf dem Podium sind seit der vergangenen Siemens-Hauptversammlung neu besetzt. Solange nicht geklärt ist, wer alles in die Affäre verstrickt ist, kann es für ehemalige Siemens-Vorstände und auch den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Heinrich von Pierer keine Entlastung geben. Mehrere Aktionärssprecher schieben Pierer die politische Verantwortung zu, übernommen hat er sie bis heute nicht.

Pierer gehört dem Kontrollgremium nicht mehr an. „Hat er Dreck am Stecken?“, fragt eine Aktionärin. Klar ist, dass drei Nicht-Siemensianer den Schlussstrich unter die Ära Pierer gezogen haben, es sind die wohl mächtigsten Bosse der Republik: Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, Allianz-Oberaufseher Henning Schulte-Noelle und Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat Gerhard Cromme. Das einflussreiche Trio flankiere den neuen Vorstandsvorsitzenden Löscher, gebe ihm volle Rückendeckung bei seinen Aufräumarbeiten, heißt es im Umfeld des Aufsichtsrats.

Auf der Videoleinwand läuft ein Siemens-Werbespot ab. „Wer hat Antworten?“, fragt eine Stimme aus dem Off. „Wie bringt man Licht ins Dunkel?“ Unter der riesigen Leinwand sitzt Cromme. Anders als im Werbefilm über effiziente Energieerzeugung gemeint, ist er derjenige, der Licht ins Dunkel der Affäre bringen muss. Cromme ist einer von Deutschlands meistbeschäftigten Aufsichtsräten, ist Vorsitzender der von der Bundesregierung eingesetzten Corporate-Governance-Kommission, der Hüter über die Regeln guter Unternehmensführung, den sie gern „Mr. Saubermann“ nennen. Und Cromme muss Siemens säubern.

„Werner von Siemens würde sich im Grab umdrehen“

Vor schwierigen Aufgaben hat sich der heute 64 Jahre alte Manager nie gedrückt, ist kaum einem Konflikt aus dem Weg gegangen. Damals, im Herbst 1987, hat er als junger Stahlvorstand bei Krupp den wütenden Hüttenarbeitern in Rheinhausen in die Augen geblickt, um ihnen zu sagen, dass Tausende Kumpel im Revier ihre Arbeit verlieren werden - da stand der Hüne in seinem beigefarbenen Trenchcoat und mit weißem Schutzhelm auf der aufgebockten Ladefläche eines Lastwagens und ließ sich mit rohen Eiern bewerfen. In der Olympiahalle geht es gesitteter zu.

Cromme sitzt auf dem Podium unter der Leinwand, trägt einen dunklen Anzug und redet geschlagene 20 Minuten, fast pastoral über sein Lieblingsthema Compliance. So manchem Aktionär gefällt nicht, wie schonungslos Cromme die Missstände anprangert, von einem Korruptionssystem spricht und nicht von Verfehlungen Einzelner. Dann dankt Cromme Pierer: „Er hat den Weg frei gemacht für einen Neuanfang.“ Es gibt Applaus, erst spärlich, dann kräftiger. Doch wer zwischen Crommes Zeilen genau hinhört, entdeckt unverhohlene Kritik am Vorgänger: „Nach zwanzig Jahren hat Siemens eine neue Organisation“, sagt Cromme und hätte die Frage aufwerfen können, warum unter Pierers Führung zwanzig Jahre nichts geändert wurde. Cromme soll nicht nur Pierer, sondern auch Klaus Kleinfeld, der verbissen um seinen Vorstandsvorsitz kämpfte, zu Fall gebracht haben. Crommes Botschaft heute: Er selbst und Löscher sollen für den „glaubwürdigen Neuanfang“ bei dem Unternehmen stehen, das einst von Werner von Siemens gegründet worden ist.

Für viele Siemensianer steht heute das Erbe des Firmengründers auf dem Spiel. „Werner von Siemens würde sich im Grab umdrehen“, sagt einer. Nicht-Siemensianer Löscher beschwört in seiner ersten Rede vor den Eigentümern den Geist von Siemens, erinnert an „unsere Wurzeln“. Auf der Videoleinwand ist jetzt das Schwarzweißporträt des Gründers zu sehen. Gleichzeitig muss Löscher die Aktionäre auf einen neuen Kurs einschwören - ein schwieriger Spagat. Löscher hält eine Antrittsrede in Moll. Auch er spricht über die Affären, die Mauscheleien, über das Versagen der Führungskultur. Wer will, kann das getrost als Kritik an Pierer auslegen. Ohne dessen Namen zu nennen, redet Löscher minutenlang über die Fehler in der Vergangenheit. Er schaut ernst drein, Mimik und Gestik dem schlimmen Anlass angemessen. Schon gar nicht stimmt er Jubelarien über das beste Geschäftsjahr in der Siemens-Geschichte an.

„Wir sind gut und stabil unterwegs“

Stattdessen zollt der 50 Jahre alte Österreicher den Siemens-Mitarbeitern geschickt seinen Respekt, wenn diese sich heute in der Familie und im Bekanntenkreis für ihren Arbeitgeber rechtfertigen müssen. „Mich schmerzt es persönlich, dass weit über 400.000 Mitarbeiter seit Monaten am Pranger stehen, weil eine kleine Zahl von Führungskräften fundamentale Grundsätze von Recht und Gesetz, aber auch Anstand und Moral verletzt hat.“ Das kommt gut an, kräftiger Applaus von den Rängen.

Cromme und Löscher inszenieren sich in der Olympiahalle wie ein eingespieltes Tandem, wie Trainer und Athlet, kurz vor dem wichtigsten Wettkampf. Um auch dem letzten Siemensianer klarzumachen, dass der neue Kurs der richtige ist, verliest Oberaufseher Cromme eine Erklärung der Gründerfamilie. Darin bekennen sich die mehr als hundert Familienmitglieder ausdrücklich zum Aufsichtsratsvorsitzenden und dessen Vorstand. Das ist ein Novum. Die Familie Siemens, die rund 6 Prozent der Anteile hält, hat sich bisher immer zurückgehalten. Es ist kurz vor zwölf, als Cromme das Familienstatement vorliest. In das weite Rund des Saales weht der Geruch von Brühwürstchen und Brezeln. Die Halle leert sich.

Schon am frühen Morgen, um Viertel vor acht, stellt sich Löscher in einer Pressekonferenz den Journalisten. Zwei Dutzend Kameraobjektive sind auf den grauhaarigen Mann in dem dunklen Nadelstreifenanzug gerichtet. „Wir sind gut und stabil unterwegs“, beginnt Löscher seine Rede. Er wirkt konzentriert, aber nicht verkrampft. Über Zielmargen, Divisionen und volle Auftragsbücher redet es sich leichter als über Schmiergelder oder Amnestie für Mitarbeiter. Neben ihm steht Finanzvorstand Joe Kaeser, das Kreuz durchgedrückt, die Hände wie zum Gebet gefaltet. Kaeser hat anders als Löscher eine Siemens-Vergangenheit, war in der Mobilfunksparte und könnte in die Affäre verwickelt sein - was er aber immer bestritten hat. „Ich vertraue meinem Vorstand“, wird Löscher später sagen. Auch nach der Hauptversammlung ist für Löscher eines klar: Die Vergangenheit wird ihn, den Nicht-Simensianer, noch Monate beschäftigen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

 
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