27. April 2007 Wer kann den Münchner Korruptionssumpf trockenlegen? Warum haben bei Siemens in einer Woche der Aufsichtsratsvorsitzende von Pierer und der Vorstandschef Kleinfeld ihren Hut nehmen müssen? Was wird Kleinfeld eigentlich vorgeworfen? Gibt es einen Nachfolger? Auch die Aktionäre und fast eine halbe Million Siemens-Mitarbeiter rätseln. Wie kann einer der größten Industriekonzerne der Welt plötzlich ohne Führung dastehen? In München gibt es nur Fragen, aber keine Antworten.
Das Chaos bei Siemens ist ohne Beispiel. Pierer musste zum Rückzug gedrängt werden, weil in seiner Zeit als Vorstandschef von Siemens die schmutzigen Gelder geflossen sind. Hingegen ist Kleinfeld durch die Untersuchung der von Siemens als Aufklärer angeheuerten amerikanischen Anwälte erst einmal entlastet worden. Warum warnen dieselben Anwälte in einer Stellungnahme für den Aufsichtsrat aber eindringlich vor einer Verlängerung des Vertrags mit Kleinfeld, indem sie auf mögliche Strafen durch die amerikanische Börsenaufsicht SEC verweisen? Jedenfalls hat die Drohung im Aufsichtsrat Wirkung gezeigt; auch aus Haftungsgründen konnten die Aufseher das nicht ignorieren.
Kleinfeld hat seine Demontage mitverschuldet
Die Demontage von Kleinfeld hat jedoch schon früher begonnen, und er selbst ist daran nicht ganz unschuldig. Anstatt sich auf den neuen externen Aufsichtsratschef Cromme einzustellen und geschmeidig auf die Forderungen von Investoren und Börsenaufsicht nach Aufklärung durch eine unbelastete Führung einzugehen, hat Kleinfeld mit der vorzeitigen Berichterstattung über gute Zahlen und seine derzeit weiße Weste die Verlängerung seines Vertrags erzwingen wollen. Natürlich kann sich der Aufsichtsrat nicht erpressen lassen. Kleinfeld tritt in der logischen Konsequenz zurück - mit erhobenem Haupt, aber nicht ganz unbeschädigt.
Auch der Aufsichtsrat ist beschädigt, denn niemals hätte am Tag vor der Aufsichtsratssitzung öffentlich werden dürfen, dass bereits mit einem möglichen Nachfolger gesprochen wird. Das gehört sich nicht, das ist unprofessionell. Nun mag an noch so vielen Legenden über das Leck gewoben werden - was bleibt, ist die Tatsache, dass die Aufsichtsräte Ackermann und Cromme den Chef des Industriegaseherstellers Linde, Reitzle, zum Nachfolger von Kleinfeld machen wollten. Ackermann, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, der als Aufsichtsrat von Mannesmann das Ausmaß der Verantwortung wie kein anderer erfahren hat, und Cromme, der Vorsitzende der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex, der gern als Inbegriff guter Unternehmensführung auftritt, stehen zu ihrer eigenen Überraschung mit leeren Händen da.
Chef auf Abruf
Kleinfeld hat als Chef auf Abruf nur noch eine Restlaufzeit bis Ende September; ein Nachfolger ist nicht in Sicht; andere Vorstände sind gelähmt oder rudern teils selbst im Strudel schwarzer Kassen; die Beschäftigten sind geschockt, die Aktionäre verunsichert. Ausgerechnet in seiner vornehmsten Aufgabe, der Auswahl und Kontrolle der Führung, ist der Aufsichtsrat von Siemens ratlos.
Der Druck auf die Aufseher, schnell einen überzeugenden Nachfolger von Kleinfeld zu präsentieren ist immens, und er wird jeden Tag größer. Hinzu kommt, dass die amerikanischen Behörden nun ein offizielles Ermittlungsverfahren eingeleitet haben, was für Siemens mit einer hohen Geldstrafe oder gar mit dem Ausschluss von Regierungsaufträgen enden könnte.
Mehr als eine aktuelle Führungsschwäche
Die Krise von Siemens ist mehr als nur eine aktuelle Führungsschwäche in einem großen deutschen Konzern. Im Ausland wird sehr genau beobachtet, wie Deutschland mit diesen Schmiergeldskandalen umgeht, nachdem hierzulande erst vor wenigen Jahren die steuerliche Abzugsfähigkeit von Bestechungsgeldern abgeschafft wurde.
Mit dem Schicksal einer Ikone der deutschen Industrie steht und fällt auch das Ansehen der deutschen Wirtschaft in der Welt. Die unüberschaubaren Korruptions- und Untreuevorwürfe nähren den Verdacht, dass Schmiergeldzahlungen bei Siemens zum Alltag gehörten. Das Hauen und Stechen sowie das Spiel über die Bande im Vorfeld der Entscheidung über Kleinfelds Vertragsverlängerung - das alles verstärkt den Eindruck, dass nicht Transparenz, sondern Trickserei die Unternehmenskultur von Siemens dominiert.
Der Neue muss den Konzern umkrempeln
Der neue Vorstandsvorsitzende von Siemens wird den Auftrag bekommen, für eine Kulturrevolution zu sorgen. Er muss den Konzern umkrempeln. Nicht mehr der Corpsgeist einer verschworenen Gemeinschaft, in der einer den anderen deckt, sondern Transparenz und offener Wettbewerb nach innen und außen müssen zum Leitbild werden. Weil bei jeder internen Nachfolge von Kleinfeld die Gefahr früherer Verfehlungen und alter Seilschaften besteht, sollte Cromme außerhalb von Siemens nach einem Nachfolger suchen. Erste Gespräche mussten wegen Indiskretion abgebrochen werden; und Reitzle musste sofort dementieren.
Doch das letzte Wort ist wohl noch nicht gesprochen. Einerseits lockt einen guten und ehrgeizigen Manager wie Reitzle bestimmt die Aussicht auf die Führung eines Weltkonzerns wie Siemens. Andererseits gibt es nicht viele Kandidaten mit solcher Erfahrung, die auch noch in München gut ankommen. Vielleicht hilft bei den Gesprächen von Cromme, Ackermann und Schulte-Noelle, der dem Aufsichtsrat von Siemens angehört und zugleich dem der Allianz vorsitzt, dass deutsche Banken und Versicherungen Großaktionäre von Linde sind. Das mag dem einen oder anderen Beobachter wie ein Deja-vu-Erlebnis erscheinen. Stünde mit einer solchen Personalentscheidung in München die alte Deutschland AG wieder auf? Wohl kaum. Doch dem Geschäft der deutschen Banken, die schon beim Umbau von Linde gut verdient haben, wäre die Berufung Reitzles bestimmt nicht abträglich.
Text: F.A.Z