Zusammenschluss

Die größte Aktienbörse Europas entsteht

Die Börse in Mailand

Die Börse in Mailand

24. Juni 2007 Die London Stock Exchange Group plc (LSE) und die italienische Borsa Italiana Spa haben sich am Wochenende auf einen Zusammenschluss zur größten Aktienbörse Europas geeinigt. Beide Börsen sollen nach Zustimmung der Aktionäre künftig unter dem Dach einer gemeinsamen Holding geführt werden. An dieser Holding werden die Aktionäre der LSE zu 72 Prozent beteiligt und die Aktionäre der italienischen Borsa zu 28 Prozent. Beide Börsen gaben ihren Zusammenschluss zu einer Holding am Samstag bekannt und betonten, sie hätten mehr als ausreichende Zustimmung von den Anteilseignern. Am 13. August soll der Aktientausch in außerordentlichen Hauptversammlungen über den Zusammenschluss formal entschieden werden.

Die Londoner Börse hat sich mit dieser Transaktion gegenüber dem amerikanischen Konkurrenten NYSE Euronext durchgesetzt, der ebenfalls um einen Zusammenschluss mit der italienischen Borsa gekämpft und sogar mehr geboten hatte. Nachdem die LSE in den vergangenen Jahren Übernahmeversuche der Deutschen Börse, von Euronext, der Nasdaq und der australischen Finanzgruppe Macquarie abgewehrt hatte, formieren sich die beiden Börsen mit der Transaktion nun zu einer Holding, die sich wesentlich leichter Übernahmeversuchen erwehren kann. So sinkt auch die Beteiligung der Nasdaq an der neuen Holding, die bisher 30 Prozent an der LSE hält, nach der Transaktion auf 22 Prozent. Die Londoner Börse und die Borsa betonten unterdessen bei Vorlage ihres gemeinsamen Übernahmedokumentes, ihr Zusammenschluss biete eine ideale Plattform auch für andere Börsen, sich dieser neuen Superbörse anzuschließen.

Beide Gesellschaften arbeiten relativ unabhängig

Nach Angaben beider Börsen entsteht eine Gesellschaft, die über das größte Aktiengeschäft in Europa verfügt. 48 Prozent der FTSE-Eurofirst-Titel werden an der neuen Börsenvereinigung gehandelt. Insgesamt verfügt die Gruppe über 3500 Börsennotierungen von Gesellschaften aus 69 Ländern. Die Gesellschaft wird der führende Markt für börsennotierte Fonds (Exchange Traded Funds ETFs) und Europas führender Markt für den Anleihehandel über die Plattform MTS.

Da beide Börsen in unterschiedlichen Ländern operieren, können die Geschäfte aus technischen und aufsichtsrechtlichen Gründen nicht komplett zusammengelegt werden. Beide Gesellschaften arbeiten unterhalb der Holding also relativ unabhängig und werden weiter von ihren jeweiligen Aufsichtsbehörden kontrolliert. Allerdings wird die heutige London Stock Exchange Group plc zur neuen Holdinggesellschaft, die dann aber unter einem neuen Namen operieren soll.

Chefin wird Clara Furse

Da es sich praktisch um eine Übernahme der italienischen Börse durch die LSE handelt, wird Clara Furse, die Chefin (Chief Executive Officer) diesen Posten auch in der neuen Gesellschaft übernehmen. Der Verwaltungsratsvorsitzende (Chairman) der LSE, Chris Gibson-Smith, wird auch Chairman der neuen Gruppe. Der jetzige Vorstandsvorsitzende der italienischen Börse, Massimo Capuano, wird stellvertretender Chef der neuen Gruppe, und Angelo Tantazzi, der derzeitige italienische Chairman, neuer, stellvertretender Verwaltungsratsvorsitzender. Der Verwaltungsrat wird 12 Mitglieder haben.

Nach den ausgehandelten Übernahmekonditionen wird die Londoner Börse 100,7 Euro je Aktie der Borsa Italiana zahlen, was die italienische Börse mit 1,6 Milliarden Euro bewertet. Die gesamte Gruppe kommt dann auf einen Wert von 5,8 Milliarden Euro. Beide Börsen betonten in ihrem Übernahmedokument, dass sie praktisch keine Überschneidung wegen ihrer Tätigkeiten aufweisen. Sie gehen daher davon aus, dass der Zusammenschluss die Kosten bis zum Jahr 2010 um gut 29 Millionen Euro jährlich senken wird. Auch wird bis zum Jahr 2011 mit um rund 29 Millionen Euro höheren Erträgen gerechnet. Dies soll vor allem durch die Ausweitung des elektronischen Handels auf der Handelsplattform Tradelect, des Marktsegments für kleine Wachstumsaktien AIM und des Clearing der Borsa Italiana auf andere Börsen, erreicht werden. Gleichzeitig plant die Gruppe, mehr Produkte über die Handelsplattform MTS anzubieten.

Gerangel um Handelsplattform MTS

Um MTS gibt es allerdings schon jetzt Gerangel: Gerade hat die Borsa Italiana neben ihren eigenen 49 Prozent weitere 51 Prozent an der MBE von der amerikanischen NYSE gekauft. Die MBE fungiert als Holdinggesellschaft für die Handelsplattform MTS, und die Borsa hält nun über MBE 60,37 Prozent an MTS. Der Rest an MTS ist im Eigentum der Nutzer und damit zahlreicher Banken. Sie wurden bereits von der elektronischen Handelsbörse Icap angesprochen. Die elektronische und Telefon-Börse Icap, die sich vor allem auf den Devisenhandel und Swap-Handel spezialisiert und in den Vereinigten Staaten die Devisen- und Rohstoff-Handelsplattform EBS Group übernommen hat, wäre möglicherweise auf eine Übernahme von MTS erpicht.



Text: bes./F.A.Z., 25.06.2007, Nr. 144 / Seite 14
Bildmaterial: AFP

 
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Nikkei 225 7.910,79 +2,70
S&P 500 Zert. 7,72 -3,26
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