Porträt

Hart arbeiten und deutlich widersprechen

Von Robert von Lucius

Scania in deutscher Hand? Das kann er sich nicht vorstellen.

Scania in deutscher Hand? Das kann er sich nicht vorstellen.

19. September 2006 „Leif und Leif lieben Lastwagen“ - für solche Schlagzeilen in schwedischen Zeitungen bieten sich die Vorstandsvorsitzenden von Volvo und Scania an. Beide leiten seit vielen Jahren erfolgreich schwedische Nutzfahrzeugkonzerne. Ansonsten aber unterscheiden sie sich.

Leif Johansson, er leitet mit Volvo den größeren der beiden Konzerne, liebt geschmeidige Auftritte in der Öffentlichkeit. Strategisch baute er Volvo auf durch beständige Veränderungen, Verkäufe (etwa der Personenwagenherstellung) und Käufe (etwa von Renault Lastwagen).

Leif Östling, eher der still-kumpelhafte Typ, setzt dagegen mit Scania auf Kontinuität und wehrt Versuche anderer ab, Scania zu übernehmen - auch Volvo scheiterte mit Übernahmebemühungen. Und Östling kann wie wenige andere auf Erfolge verweisen: Scania ist, gemessen an Volvo, zwar klein, erzielt aber hohe Renditen und erweckt schon daher Begehrlichkeiten.

Östling widmet Scania sein Leben

Derzeit wehrt Östling sich gegen den Versuch von MAN, Scania zu übernehmen. Pikant ist dies nicht zuletzt, weil der MAN-Vorstandsvorsitzende Håkan Samuelsson früher bei Scania arbeitete und Östling gerne beerbt hätte; Östling aber ist wie Johansson zäh - seit 1994 ist er Vorstandsvorsitzender in Södertälje. Seit seiner Zeit als Trainee 1972, also sein gesamtes Berufsleben, ist er schon bei Scania. Auf seinem Weg nach oben leitete er die strategische Planung sowie das Scania-Werk in den Niederlanden.

Scania und seinen Mitarbeitern widmet er „sein Leben“ - er gilt als harter Arbeiter, der nur wenig Urlaub nimmt und fast stets "auf dem Sprung" und erreichbar ist. Bei abendlichen Gesellschaften wirkt er still; Partygerede mag er nicht. Indes schätzt er klare Worte und Provokationen. Immer wieder mal spricht er deutlich aus, wovor andere schwedische Unternehmer sich scheuen, die sich mit der Allianz zwischen Sozialdemokraten und Teilen der Großindustrie arrangiert haben. Schwedische Politiker, sagt er, seien schlecht ausgebildet, nicht ihrer Aufgabe gewachsen und bisweilen populistisch.

Innerer Zwiespalt

Insofern dürfte Leif Östling in einem inneren Zwiespalt sein: Die Wahlniederlage der Sozialdemokraten wird ihn freuen und noch mehr der angekündigte Rücktritt von Ministerpräsident Göran Persson, der Östling mehrfach aufforderte, sich politischer Äußerungen zu enthalten und sich statt dessen auf die Herstellung von Lastwagen zu konzentrieren.

Dann könnte ihn eigentlich auch, wäre er im Alter von 61 Jahren müde oder selbstsüchtig, das feindliche Übernahmegebot von MAN freuen, denn er hat einen der großzügigsten Verträge in der schwedischen Industrie. Der Vertrag wurde erst im Frühjahr bis zum März 2009 verlängert und garantiert ihm bei vorzeitigem Ausscheiden hohe Abfindungen. Daß der naturliebende Nordschwede bei einer Übernahme durch MAN sein Amt verlöre, erscheint sicher.

Scania in der Hand der Deutschen - undenkbar für Östling

Das bekümmert den Ingenieur und Betriebswirt indes offenkundig weniger als der Verkauf eines der verbliebenen Flaggschiffe der schwedischen Wirtschaft. Bei Übernahmevorhaben werde mehr über Scania geredet als mit dem Unternehmen und ihm, was er als „Beleidigung“ empfinde, klagte Östling. Scania von Deutschen kontrolliert - ohne ihn, sagte der Vorstandschef. Scania hat innerhalb von 115 Jahren mehr als eine Million Lastwagen gebaut und den Ruf seiner Motoren in alle Welt getragen.

Sein Eintreten für übergeordnete Interessen zeigt Östling nicht nur in Ehrenämtern der schwedischen Industrie, sondern eben auch in seiner deutlichen Kritik, an der sich vor allem der sonst im Konsens-Schweden wenig beachtete Mittelstand erfreut - ein Grund für den breiten Respekt, den Östling genießt. Auch diesmal kann er zumindest anfangs Erfolge vorweisen: Der Aufsichtsrat von Scania lehnte das Gebot einstimmig ebenso ab wie - zögerlicher - die Wallenberg-Gruppe, deren Anteil von 16 Prozent an Scania ausreicht, um eine Vollübernahme zu verhindern. Der Kauf eines Unternehmens gegen den Willen des Managements aber wäre, sagt Östling, die denkbar schlechteste Investmententscheidung.

Text: F.A.Z., 19.09.2006, Nr. 218 / Seite 18
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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